Auswanderung

Vom Meßberghof nach Jerusalem

Die Jewish Agency for Israel hat in Hamburg ein neues Büro eröffnet, um auch für Kandidaten der Alija aus dem norddeutschen Raum eine leicht erreichbare Filiale anbieten zu können. Sergei Tcherniak, seit drei Monaten Abgesandter der Jewish Agency in Berlin, sah schon seit Langem die Notwendigkeit gegeben: »Berlin und Frankfurt sind die beiden Zentren jüdischen Lebens in Deutschland, deshalb haben wir dort unsere Büros. Aber für viele Menschen ist die Anreise dorthin zu weit oder zu kostspielig. Darum wollten wir auch im Norden ein Büro schaffen.«

Behilflich dabei war der evangelische Ebenezer Hilfsfonds, der die Jewish Agency schon seit vielen Jahren mit Spenden unterstützt und Auswanderungswilligen bei der Ausreise nach Israel hilft. Das neu eröffnete Büro befindet sich auch in den Räumen des Hilfsfonds in der Hamburger Innenstadt, im sogenannten Meßberghof. Allerdings hat das prominente hanseatische Backsteingebäude eine sehr fragwürdige Vergangenheit, befand sich hier doch von 1928 bis 1945 neben anderen Betrieben die Firma Tesch & Stabenow, die das Giftgas Zyklon B vermarktete und an Konzentrationslager, unter anderem auch nach Auschwitz, auslieferte.

Verschwiegen In der Hansestadt wurde das Thema lange unter den Teppich gekehrt, erst seit 1997 ist an dem Haus eine Gedenktafel angebracht, die an die Geschichte des Gebäudes erinnert. Für die Jewish Agency scheint in der Ortsauswahl kein Widerspruch zu liegen. Im Gegenteil, in einer Grußbotschaft zur Eröffnung des Büros sagte Nathan Sharansky, Vorsitzender der Jewish Agency for Israel: »Es schließt sich ein Kreis, dass an dem Ort, von dem einst die Tötung des Volkes Zions ausging, heute ein Ort ist, der Zion zum Segen wird.« Zudem sei die Beherbergung der Firma Tesch & Stabenow nicht der einzige historische Faktor, der mit diesem Haus in Zusammenhang gebracht werden könne.

Sergei Tcherniak geht noch weiter in die Geschichte des Hauses zurück, um zu erklären, warum die Wahl für ein Büro der Jewish Agency richtig schien. »Bevor das Gebäude, in dem unser Büro jetzt liegt, Meßberghof hieß, war der eigentliche Name des Hauses ›Ballin Haus‹«, erzählt Tcherniak. Ursprünglich wurde es nach seiner Erbauung 1924 durch die jüdischen Architekten Hans und Oskar Gerson nach dem Reeder Albert Ballin benannt, der einer der prominentesten jüdischen Persönlichkeiten der Kaiserzeit war.

Umbenannt Unter der nationalsozialistischen Diktatur wurde das Haus nach der anliegenden Straße Am Meßberghof umbenannt, um nicht mehr an den berühmten jüdischen Reeder zu erinnern. Bis heute wurde die Namensänderung nicht rückgängig gemacht. Insofern sei die Unterbringung einer jüdischen Institution in verschiedener Hinsicht eine logische Konsequenz.

Und dass so ein neues Büro vonnöten sie, belegte das Interesse an der Alija, der Rückkehr nach Israel. Sie nehme beständig zu, sagt Tcherniak. So seien im vergangenen Jahr 134 Juden aus Deutschland mit- hilfe der Jewish Agency nach Israel ausgewandert. Das ist eine um 16 Prozent höhere Zahl als im Jahr davor. Auch das Büro in Hamburg sei sehr gut angenommen worden und stoße schon auf großes Interesse. Etwa 70 Prozent der Kandidaten seien russischsprachig, aber auch unter den deutschsprachigen Juden nehme das Interesse zu, so Tcherniak. Der Abgesandte erklärt sich die wachsenden Zahlen mit der Globalisierung.

Vernetzt »Die Welt ist kleiner geworden, man kann auch in Israel deutsches Fernsehen empfangen oder im Internet deutsche Zeitungen lesen.« So sei es einfacher geworden, auszuwandern und trotzdem den Kontakt in das vorher bewohnte Land nicht zu verlieren. Zudem sei Israel inzwischen klarer als Teil der freien westlichen Kultur positioniert. »Die Menschen beginnen zu verstehen, dass sie in Israel genauso ihr Leben und ihre Arbeit fortführen können wie in Deutschland.«

Für ihn sei nur wichtig, den Juden aus Deutschland, die an einer Auswanderung nach Israel interessiert sind, die größtmögliche Hilfe anbieten zu können. Und dafür sei die Eröffnung des Büros in Hamburg ein weiterer wichtiger Schritt gewesen.

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