Bad Hersfeld

Vom Fellhändler zum Bankier

Die Festspiel- und Kurstadt Bad Hersfeld hat heute knapp 30.000 Einwohner. Foto: imago images/HMB-Media

Bad Hersfeld ist eine Kleinstadt im nordöstlichen Hessen, bekannt durch die Theaterfestspiele in der Stiftsruine und den Internethändler Amazon. Hersfeld war vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten ein Zentrum jüdischen Lebens. Mitte der 20er-Jahre lebten mehr als 300 Juden in dem Städtchen.

»Ein Ort, der bis 1866 noch keinen Juden über Nacht akzeptiert hatte, entwickelte sich innerhalb von einer Generation zur bedeutendsten jüdischen Niederlassung in der Region«, sagt der Leiter des Jüdischen Museums Rotenburg an der Fulda, Heinrich Nuhn. Immer mehr Familien seien vom Umland in die Stadt gezogen, die mit ihren 10.000 Einwohnern dank ihrer Textil- und Maschinenbauindustrie florierte.

Unternehmergeist Heinrich Nuhn hat die Geschichte und die Geschichten vieler jüdischer Familien Hersfelds jetzt in einem Buch aufgezeichnet. Vor allem, so erklärt Nuhn, habe die Stadt Juden angezogen, deren Unternehmergeist zu groß war für das Landleben. Ein einfacher Schuhmacher stieg in Hersfeld zum Hotelier auf. Aus dem Sohn eines Fellhändlers wurde ein Bankier. Der Spross einer Viehhändlerfamilie eröffnete das erste Fotostudio.

Im Leben der Stadt spielten die jüdischen Bürger eine wichtige Rolle.

Im Leben der Stadt spielten die jüdischen Bürger fortan eine wichtige Rolle. Die nationalsozialistische Verfolgung setzte dem ein jähes Ende. Am 30. Mai 1942 wurden die letzten sieben Hersfelder Juden ins Vernichtungslager Sobibor deportiert.

Nuhns Band mit dem Titel Sie waren unsere Nachbarn ist weit mehr als ein Gedenkbuch für die 119 während der Schoa ermordeten Hersfelder Juden. Auch die, denen die Flucht gelang und die überlebten, werden vorgestellt – und ihre Nachkommen, die heute in Israel, in den USA, in England oder Südafrika leben.

Um alle diese Namen – mehrere Hundert insgesamt – mit Gesichtern und Lebensgeschichten verbinden zu können, hat Nuhn eine Fülle an Material zusammengetragen.

Kontakte Seit Jahrzehnten erforscht der Historiker und pensionierte Lehrer die jüdische Geschichte im nordöstlichen Hessen. Durch die Forschungsarbeit ergaben sich viele persönliche Kontakte zu Juden, die von den Nazis aus der Region vertrieben wurden, sowie zu ihren Kindern, Enkeln und Urenkeln überall auf der Welt. Die privaten Dokumente, Fotos und Erinnerungen, die sie ihm zur Verfügung gestellt haben, machen das Buch so besonders.

Und viele der Geschichten hätten ohne sie nie erzählt werden können. Wie die der unglaublichen Rettung von Ruth Friedmann, die mit ihrer Mutter und ihren Großeltern ins Ghetto Theresienstadt deportiert wurde und dort den Weitertransport der Familie nach Auschwitz und in den sicheren Tod mit einem Coup verhinderte: Die gerade erst 16-Jährige fälschte einen Brief ihres nach Argentinien emigrierten Vaters und ließ ihn darin vor großen diplomatischen Turbulenzen warnen, falls seinen Angehörigen etwas angetan würde.

Adolf Eichmann, der oberste Organisator der »Endlösung«, ließ sich davon beeindrucken, sodass er die Deportation höchstpersönlich abblies. Alle vier überlebten.

Heinrich Nuhn: »Sie waren unsere Nachbarn. Hersfelds jüdische Familien«. AG Spurensuche, Rotenburg/Fulda 2019, 300 S., 20 €

Berlin

Antisemitismus ohne Scham

Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Kahal Adass Jisroel in Berlin-Mitte wurde nach eigenen Angaben auf der Straße mit dem Tode bedroht

von André Anchuelo  30.07.2026 Aktualisiert

Thüringen

Das Erbe der Simsons

Beim jährlichen Moped-Treffen in Suhl feiern Zehntausende den »Sound des Ostens«. Doch hinter der Kultmarke steht die Geschichte einer von den Nazis vertriebenen jüdischen Unternehmerfamilie

von Helmut Kuhn  30.07.2026

Fußball

Rot-Weiß verbindet

Vergangene Woche gründete sich mit den »FCB Chaverim« der deutschlandweit erste jüdische Fanklub des FC Bayern München

von Luis Gruhler  30.07.2026

Erinnerung

Für immer

Manchmal sind es die kleinen Dinge, von denen wir uns nie trennen würden. Wir haben Gemeindemitglieder gefragt, welche Gegenstände ihnen viel bedeuten

von Christine Schmitt  30.07.2026

Unterfranken

Dem Hass die Stirn bieten

Nach dem brutalen Angriff auf ein Mitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft riefen prominente Redner bei einer Mahnwache in Würzburg zum Widerstand gegen Antisemitismus auf

von Stefan W. Römmelt  30.07.2026

CSD

Vom Feiern zum Schock

Auch viele queere Jüdinnen und Juden tanzten fröhlich auf Berliner Straßen – bis der Anschlag geschah

von Christine Schmitt  29.07.2026

Lesen

Zehn Welten

Die Journalistin Anna Lutz hat Jüdinnen und Juden porträtiert und darüber ein Buch veröffentlicht. Entstanden sind Geschichten zwischen Nähe und Distanz

von Leon Stork  28.07.2026

Kino

»Das ist das Vermächtnis meines Vaters«

Alice Brauner setzt als Produzentin die Familientradition fort. Ein Gespräch über ihren neuen Film »Block 10«, Herausforderungen für Schauspieler und intensive Recherchen

von Christine Schmitt  28.07.2026

München

Vorhang auf für die Kids

Zum Start der Sommerferien führen die Kinder der Sinai-Grundschule ein Musical in englischer Sprache auf

von Luis Gruhler  28.07.2026