Das »Haus der Schwestern und Brüder« in Spandau liegt mitten im Frühling: Vögel zwitschern, die ersten Knospen sind an den Sträuchern zu sehen. Die frische Luft, die durch das Fenster in den Seminarraum des historischen Backsteingebäudes strömt, verdrängt die trockene Wärme der Heizungsluft und begrüßt die nach und nach eintreffenden Teenager an einem frühen Morgen.
Im Halbkreis stehen etwa zwei Dutzend Stühle; die 23 jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmer eines Freiwilligen Sozialen Jahres (FSJ) setzen sich mit erwartungsvollen Blicken, vielleicht auch etwas unsicher oder gespannt, darauf. Sie schauen auf Benjamin und Marguerite – und auf die Gegenstände, welche die beiden Referenten von »Meet a Jew« mitgebracht haben, darunter eine viereckige Packung. Noch ahnen die FSJ-ler nicht, was sich dahinter verbirgt.
»Seid ihr eigentlich gläubig?«, fragt Felix die beiden.
Aber genau dafür sind Benjamin und Marguerite da. In den kommenden 90 Minuten werden die jungen Teilnehmer der Seminarwoche »Interreligiöser, interkultureller Dialog« erfahren, wie es sich anhört, wenn Mazze bricht, eventuell auch, wie sie schmeckt und warum sie ein wichtiges Symbol für Jüdinnen und Juden ist.
»In meiner Tasche habe ich Mazzen, also ›ungesäuertes Brot‹, dünne Brotfladen, die ein bisschen an Knäckebrot erinnern und die zu Pessach – immerhin eines der wichtigsten jüdischen Feste, das die Befreiung der Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten feiert – gegessen werden. Davon können wir vielleicht später gemeinsam etwas probieren«, schlägt Marguerite vor und hält die blaue Pappschachtel mit der hebräischen Aufschrift zur Ansicht in die Höhe. Das werden Jüdinnen und Juden demnächst acht Tage lang essen, um an den Auszug aus Ägypten zu erinnern. Pessach, Sederteller, Charosset – das alles sind Wörter, die den 16- bis 19-Jährigen vielleicht noch nicht bekannt sind.
Auch wenn sie sich bereits mit Religionen befasst haben, gibt es doch viele Details, die erklärt werden müssen. »Am Dienstag haben wir eine kleine Vorbereitung gemacht, gestern waren wir in einer Moschee in Spandau und haben uns der Frage gestellt, was die drei monotheistischen Religionen miteinander gemein haben: das Judentum, das Christentum und der Islam«, erklärt Seminarleiterin Anna Bruns. Außerdem habe die Gruppe das Centrum Judaicum in Berlin-Mitte besucht – eine gute Vorbereitung für den Tag mit »Meet a Jew«.
Es gibt eine gemeinsame Ebene, von der aus man ins Gespräch kommen kann.
Doch bevor es in die Details geht, die ganz allgemeine Frage von Benjamin: »Wie viele von euch kennen jüdische Menschen?« Sieben Schüler heben spontan ihre Hand. Das seien ungewöhnlich viele, stellt Bildungsreferentin Silke Krenzer, die zweite Seminarleiterin, erstaunt fest.
Benjamin und Marguerite blicken in die Runde: Wirken die Jugendlichen etwas angespannt? Was kommt auf sie zu? »Und welche Serie ist denn so eure Lieblings (Netflix)-Serie?« Einige der jungen Erwachsenen atmen auf, da es erst einmal ganz locker beginnt, und nennen Inside Man, Breaking Bad, auch die Gilmore Girls. Marguerite gibt zu, dass sie diese Serien eigentlich erst durch ihren damals 14-jährigen Sohn entdeckt hat und sagt, dass sie gern Downton Abbey sieht – das sei einer ihrer Favoriten. Die Stimmung im Raum löst und entspannt sich langsam.
Es gibt eine gemeinsame Ebene, von der aus man ins Gespräch kommen kann, und dieser Ansatz ist wichtig bei »Meet a Jew«. Einander zuhören, Fragen stellen und dadurch die Geschichten der Menschen und die Traditionen hören. Ein wenig wie das Fragen und Zuhören beim Seder.Felix fängt direkt an: »Seid ihr eigentlich gläubig?«, möchte der junge Mann wissen. »Das Wichtigste, was ich ganz früh gelernt habe, ist, dass es nicht nur ums Glauben geht, sondern um das Praktizieren«, antwortet Marguerite. Als Ärztin sei sie in erster Linie Wissenschaftlerin. Doch wenn man zum Beispiel in einer Krise stecke, sagt die Mittsechzigerin, dann könne man kaum anders, als zu glauben.
»Woran merkt ihr im Alltag, dass ihr jüdisch seid?«, möchte Catie wissen.
Benjamin denkt kurz nach: »Ich lasse es mehr zu, und es hilft mir auch«, obwohl er als Psychologe ebenfalls ein wissenschaftlich denkender Mensch sei. Auch die jüdische Community gebe ihm Halt. Den Schabbat halte er hingegen nicht, sagt der 25-Jährige, aber die Feiertage, wie Pessach, die versuche er zu begehen.
»Woran merkt ihr im Alltag, dass ihr jüdisch seid?«, möchte Catie wissen.
Benjamin, dessen Familienmitglieder vor seiner Geburt als Kontingentflüchtlinge nach Deutschland gekommen sind, erzählt, dass selbst einige seiner besten Freunde oft erst nach einem Jahrzehnt von seiner jüdischen Herkunft erfahren haben. »Meine Eltern kommen aus der ehemaligen Sowjetunion und haben mir sehr schnell klargemacht, dass ich das ›Jüdischsein‹ nicht so sehr vor mir hertragen sollte.« Es sei schon manchmal ein Doppelleben, das man als Jude führe. »Zu Hause hingegen haben wir die religiösen Feiertage gefeiert, und mit meinem Vater bin ich in die Synagoge gegangen.«
Versteckt habe sie ihre Angehörigkeit zum Judentum nie, antwortet hingegen Marguerite. Sie ist eines von vier Kindern und entstammt einer alten deutsch-jüdischen Familie, deren Wurzeln in Mitteldeutschland bis auf das 17. Jahrhundert zurückgehen. Das Judentum war Bestandteil der Familienidentität. »Mein ältester Bruder wurde Rabbiner, folglich gehörte ich zu den ganz wenigen Berlinern, die ihr Judentum ganz selbstverständlich gelebt haben.« Das Judentum mache sie aus, das sei ihre Identität, sagt Marguerite.
Eine Woche lang Mazzen essen?
Konzentriert hören die Jugendlichen zu. Sie haben viele Frage: zu den koscheren Speisegeboten und den Ausnahmen an den Feiertagen, zu der Organisation einer koscheren Küche, zu einer möglichen Partnerwahl, zu Kopfbedeckungen – ganz Alltägliches, sehr Praktisches.
Und dann stellt endlich Helene eine Frage, die sie wohl schon eine Weile mit sich herumgetragen haben muss – seitdem Benjamin von seiner Familie erzählt hat: »Wenn deine Eltern ihre Religion in der ehemaligen Sowjetunion nicht ausleben konnten, wie schwer war es da für dich, in die jüdische Religion hineinzufinden?«
Eine sehr gute Frage, findet Benjamin. Er versuche die Feiertage einzuhalten, wie eben Pessach, das Fest der Freiheit, bei dem die Familien beim Seder zusammenkommen, die Haggada lesen – über Generationen hinweg. Ein Fest, das viel abverlangt, wenn man eine Woche Mazzen und Ungesäuertes essen muss. Oder auch das erst kürzlich gefeierte Purim, das fröhlichste Fest im jüdischen Kalender. »Es gibt auch Schabbaton am Wochenende oder Events, auf dem sich junge Juden treffen, um Seminare zu besuchen und gemeinsam zu feiern«, erzählt Benjamin. Was alle miteinander verbinde, das sei die Neugier auf andere Menschen mit einem jüdischen Hintergrund.
Diese Neugier auf andere Menschen weiterzugeben, einander kennenzulernen, das ist unter anderem der Grundgedanke von »Meet a Jew«. Benjamin und Marguerite, die sich als zwei von fast 600 Freiwilligen schon seit fünf Jahren an dem Zentralratsprojekt beteiligen, waren schon in vielen Gruppen – und jeder Besuch sei anders. »Ich bin sehr froh, bei ›Meet a Jew‹ zu sein, weil ich mein Leben lang Fragen über das Judentum beantworten musste«, sagt Referentin Marguerite, die an diesem Tag leider niemanden findet, der die Mazze probieren möchte. Vielleicht hätte sie etwas Charosset mitbringen sollen? Diesen süßen Mix aus Nüssen, Trockenfrüchten und Traubensaft, der eine ganz eigene Geschichte erzählt? Benjamins Menora hingegen, die hat einen großen Wiedererkennungswert: »Kennen wir« oder »Haben wir schon mal gesehen«, flüstern einige.
Seit dem 7. Oktober sei alles viel schwieriger geworden.
Und dann kommen sie doch noch, die Fragen, die erst einmal nichts mit Feiertagen und Traditionen zu tun haben, die aber leider für Jüdinnen und Juden schmerzlich aktuell sind: »Habt ihr auch schlimme Erfahrungen gemacht?«, will Catie wissen.
Seit dem 7. Oktober sei alles viel schwieriger geworden, antwortet Marguerite. Doch bereits in ihrer Jugend, als Schwesternschülerin, noch vor dem Studium, als keiner Kenntnis von ihrer jüdischen Herkunft hatte, gab es mitunter verletzende oder abfällige Bemerkungen über Juden. Das habe sie damals sehr betroffen gemacht, gibt Marguerite zu. Auch Benjamin berichtet von verbalen Angriffen. Aber dann habe er sich gefragt: »In welcher Welt leben wir eigentlich, dass ich einen wichtigen Teil meiner Identität verstecken muss?« Er finde, das Judentum sei eine schöne und frohe Lebensform. »Und je mehr ich mich öffne, desto mehr setze ich mich natürlich einer derartigen Gefahr aus.«
Benjamin und Marguerite ist es wichtig zu betonen, dass trotz unterschiedlicher Kultur, Religion und Herkunft, man selbstverständlich miteinander sprechen sollte, um sich auf einer menschlichen Ebene zu begegnen.
Ob das nun über Netflix-Serien, über direkte – vielleicht auch kontroverse – Fragen oder einfach über eine Box Mazzot passiert, ist egal: Hauptsache, man sitzt zusammen.
