Porträt der Woche

Vermittlerin der Sprache

Pendelt zwischen Hebräisch, Arabisch, Englisch und Deutsch: Hila Amit (37) Foto: Finnegan Godenschweger

Porträt der Woche

Vermittlerin der Sprache

Hila Amit kommt aus Israel, lebt in Berlin und unterrichtet Hebräisch

von Joshua Schultheis  25.06.2022 23:05 Uhr

Sprache ist für mich ein Zugang zum Verständnis anderer Menschen. Jede neue Sprache, die ich gelernt habe, hat mir auch eine neue Welt eröffnet – und eine weitere Perspektive für meine Arbeit als Schriftstellerin.

Deutsch zu sprechen, erlaubt mir, meine Wahlheimat Berlin besser kennenzulernen, und ohne Englisch würde ich ohnehin in der Welt nicht weit kommen. Als ich ein Kind war, sprachen wir zu Hause Hebräisch. Erst später fing ich an, Arabisch zu lernen, die Muttersprache meines Vaters.

entscheidung Für diese Entscheidung bin ich heute dankbar, weil mich das meinem Vater sehr viel nähergebracht hat. Endlich konnte er die Sprache seiner Kindheit mit seiner Tochter benutzen. Der Nachname, mit dem mein Vater geboren wurde, lautet Abbas. Als er volljährig wurde, änderte er ihn wegen des arabischen Klanges. Ich habe mir den Namen irgendwann wieder angeeignet und benutze ihn in manchen Kontexten, auch wenn er nicht in meinem Pass steht.

Mein Großvater war Abgeordneter in der allerersten Knesset.

Der Vater meines Vaters, Avraham Abbas, war Abgeordneter in der allerersten Knesset. Er kam aus Syrien, wo er bis in die 20er-Jahre als Geheimagent für die zionistische Bewegung aktiv war. Noch bevor der israelische Staat gegründet wurde, hatte mein Großvater die Aufgabe, so viele Juden wie möglich aus Syrien nach Palästina zu bringen. Auf diese Weise kam auch meine Großmutter, seine spätere Ehefrau, ins Land.

Für seine Mission benutzte mein Großvater seinen arabischen Namen und seine Identität als Araber und versteckte sein Jüdischein. Nachdem er selbst nach Palästina gezogen war und später als einer der wenigen Misrachim ins neue israelische Parlament gewählt wurde, setzte er sich lautstark für die Sache der arabischsprachigen Juden ein. Leider konnte ich ihn nie kennenlernen, weil er bereits 1956 gestorben ist.

Herkunft Ich bin in einem Melting Pot aufgewachsen, wo unter den Kindern der Nachbarschaft die eigene Herkunft keine Rolle gespielt hat. Nichts in unserem Haus in Kfar Saba, einer kleinen Stadt nördlich von Tel Aviv, wies darauf hin, dass wir misrachische Juden sind, also Juden, die meist aus mehrheitlich muslimischen Ländern stammen. Daher habe ich mir lange keine Gedanken über meine Herkunft gemacht. Meine Mutter stammt aus Persien, und auch sie hat mit uns nie die Sprache ihrer Kindheit, Farsi, gesprochen.

Erst in der weiterführenden Schule wurde mir von meiner Umgebung gezeigt, dass ich nicht genauso bin wie die meisten Kinder, etwa, dass ich dunklere Haut habe als andere. Das hat mich zum Nachdenken gebracht: Bin ich wirklich anders als die anderen?

Nach der Schule leistete ich drei Jahre Zivildienst als Sozialarbeiterin in einem sehr armen Stadtteil. Erst dort wurde mir bewusst, wie sehr die misrachische Gemeinschaft von Armut betroffen ist. Das hat mich politisiert. Seit den 70er-Jahren gibt es eine größere misrachische Bewegung, die sich mit den Lebensbedingungen dieser Minderheit auseinandersetzt. Ein Anspruch der misrachischen Bewegung ist es, die jahrhundertealte Verbundenheit arabischer Juden mit der Region und der arabischen Sprache wiederzubeleben.

Das versuche ich auch in meinen Romanen und Geschichten, in denen ich viele arabischsprachige Figuren einarbeite und in manchen Dialogen die arabische Sprache in hebräischer Transkription benutze. Damit will ich den Klang dieser Sprache auch denen nahebringen, die sie nicht sprechen.

vorbilder Eines meiner literarischen Vorbilder ist die 2017 verstorbene Schriftstellerin Ronit Matalon. Ihre Bücher, die sie aus der spezifischen Perspektive einer misrachischen Frau geschrieben hat, haben mich sehr angesprochen und inspiriert.

Schon als Kind habe ich Geschichten geschrieben. In der sechsten Klasse wurde das erste Mal ein Text von mir in unserer Schülerzeitung veröffentlicht. Eine Sammlung einiger meiner Kurzgeschichten erschien 2016. Der englische Titel lautet Moving on from Bliss. In meinen Texten taucht meistens die Art Menschen auf, die mir durch meine Arbeit und mein Umfeld bekannt sind und die etwas mit meinem Leben zu tun haben. Das ist auch in meinem neuen Roman Unterstadt so, der im Herbst in Israel auf Hebräisch erscheinen wird. Darin geht es unter anderem um einen queeren misrachischen Jugendlichen, der so wie ich aus Kfar Saba stammt.

In meiner Generation gibt es mittlerweile viele misrachische Schriftsteller und Persönlichkeiten, die offen und selbstbewusst über ihre Identität sprechen und stolz auf diese sind. Und die selbstbewusst Sprachen wie Ladino oder Arabisch benutzen. Für andere Misrachim spielt dieser Aspekt ihres Lebens aber keine große Rolle. Auch ich hätte diese Fragen wohl nicht für mich entdeckt, wenn ich nicht drei Jahre lang in sozialen Brennpunkten gearbeitet hätte.

STADT Ich habe kreatives Schreiben und Gender Studies in Tel Aviv studiert und bin dann 2011 für meine Doktorarbeit nach London gezogen. Die Stadt hat mir aber nie besonders gut gefallen, sie ist mir einfach zu groß und zu teuer. Ich war zuvor schon mehrmals in Berlin zu Besuch gewesen und kam schließlich zu dem Schluss, dass dies ein Ort ist, an dem ich mir vorstellen kann zu leben. 2014 zog ich hierher und habe es seitdem nie bereut.

Ich habe kreatives Schreiben und Gender Studies in Tel Aviv studiert und bin dann 2011 für meine Doktorarbeit nach London gezogen.

Natürlich gibt es auch negative Seiten an dieser Stadt. Zum Beispiel ist der Umgang in Berlin durch eine gewisse Distanziertheit geprägt, das ist in Israel ganz anders. Das macht es schwieriger, hier Freunde zu finden. Die gute Seite daran ist, dass man von den Menschen hier auch mal in Ruhe gelassen wird. Die meisten meiner Freunde in Berlin sind Israelis. Ich bin hier in Berlin also umgeben von israelischer Kultur und der hebräischen Sprache.

Was es hier aber leider nicht gibt, ist eine israelische Tanzgruppe – den traditionellen Tanz aus Israel, den Rikud HaAm, vermisse ich sehr. In Israel und in London habe ich immer getanzt, und schon meine Eltern haben sich in einer traditionellen israelischen Tanzgruppe kennengelernt.
Nachdem ich Israel verlassen hatte, kam in mir schnell wieder das Bedürfnis auf, die jüdischen Feiertage zu begehen. In Israel war das selbstverständlich.

diaspora Erst in der Diaspora habe ich dann eine richtige Verbundenheit zu Menschen entwickelt, mit denen ich diese Tradition teile. Hier in Berlin lade ich gerne und oft meine Freunde zu mir nach Hause ein, um die jüdischen Feste so zu feiern, wie ich es von meiner eigenen Familie kenne.

Ganz am Anfang meiner Zeit in Berlin kannte ich hier noch gar keine nicht-israelischen Juden. Das hat sich erst bei einem dreitägigen Treffen von Dagesh verändert, an dem ich zusammen mit anderen jüdischen Künstlern, die in Deutschland leben, teilgenommen habe. Dagesh ist ein Programm, das jüdische Künstlerinnen und Künstler miteinander vernetzt und ihnen Zugang zu Wissen und künstlerischen Förderungen verschafft. Mein erster Kontakt zur lokalen jüdischen Gemeinschaft war eine großartige Erfahrung.

Da ich in Berlin zunächst keinen Job hatte, habe ich angefangen, als Privatlehrerin Hebräisch zu unterrichten. Mir gefielen aber die üblichen hebräischen Lehrbücher nicht – sie waren mir nicht feministisch genug, und sie hatten keine coolen Charaktere.

lehrbuch Außerdem sind sie sehr auf Menschen ausgerichtet, die Alija machen möchten; viele meine Schüler sind aber weder jüdisch, noch haben sie vor, nach Israel auszuwandern. Daher wollte ich ein neutraleres Lehrbuch entwickeln, das mehr Menschen anspricht.

2020 ist das Buch Hebräisch für Alle erschienen, und ich habe viele positive Rückmeldungen bekommen. Das Buch benutze ich auch selbst im Unterricht.

An der Hebrew International School arbeite ich mit anderen Lehrern zusammen und gebe Online-Unterricht. Ich arbeite gerne mit Menschen und genieße es sehr, ihnen Zugang zu einer anderen Sprache zu geben.
Meiner Überzeugung nach ist es viel leichter, jemanden nicht zu hassen, wenn man sich mit ihm in seiner eigenen Sprache unterhalten kann.

Aufgezeichnet von Joshua Schultheis

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