Berlin

Unüberhörbar

Rabbiner David Teichtal entlockte dem Widderhorn schon als Teenager Töne. Auch in diesem Jahr wird er es zu Rosch Haschana erklingen lassen. Foto: Rolf Walter

Seit mehr als 60 Jahren lässt er immer ein Schofar zu Rosch Haschana und am Ende von Jom Kippur erklingen. »Überall, wo ich war, ob in Jerusalem, Wien, München oder jetzt in Berlin, nehme ich es in die Hand und sorge dafür, dass das Schofar ertönt«, sagt Rabbiner Yitshak Ehrenberg.

»Aber jetzt gebe ich anderen Betern die Chance, diese Aufgabe zu übernehmen«, meint der Rabbiner, der in der Synagoge Joachimsthaler Straße amtiert. Es ist nicht einfach, einen Ton herauszubringen, sagt er, der als junger Mann in der Jeschiwa in Jerusalem das Musikinstrument erlernte. In diesem Jahr gibt es eine Besonderheit in der Synagoge: Ein mehr als ein Meter langes Schofar wird geblasen. Und am Ende von Jom Kippur werden neun kleinere zusammen mit dem großen Widderhorn geblasen werden – und zwar gleichzeitig.

erweckungserlebnis Das Blasen des Schofars darf zu Rosch Haschana keinesfalls fehlen. Gerade das akustische Spiel des Widderhorns wird in den Synagogen zu einem Erweckungserlebnis.

So freut sich auch Rabbiner David Teichtal, der in der Chabad-Gemeinde in Berlin tätig ist, auf die Feiertage. Das Blasen des Schofars sei nicht nur als ein tonales Vergnügen zu verstehen. Vielmehr sei es eine Mizwa in der Tora, erklärt er. Im siebten Monat Tischri des religiösen Kalenders kommt das Horn zum Einsatz, denn »dort soll am ersten Tag das Schofar geblasen werden«. Vor Jahrtausenden, »als man den König gekrönt hatte«, sagt Teichtal, ertönten bereits die Klänge des liturgischen Instruments.

Der erste Neujahrstag fällt auf Schabbat – an dem das Horn nicht erklingen darf.

Das Schofar, ein Widderhorn, ist mal klein und kurz, mal ausladend und imposant. Mal gerade und mal stark geschwungen. Und in dieses Widderhorn wird mit einer speziellen Technik hineingeblasen, sodass unnachahmliche Klänge entstehen. Dieses Jahr fällt der erste Tag von Rosch Haschana allerdings auf Schabbat, an dem kein Musikinstrument benutzt werden darf. Deshalb begehen beide Rabbiner die Zeremonie erst am zweiten Feiertag.

»Technisch ist das Horn sehr anspruchsvoll«, macht Teichtal klar. Daher sei die Praxis nicht zu vernachlässigen, insbesondere dann, wenn die Töne erkennbar sein sollen. Der Rabbiner hat eine persönliche Verbindung zum Horn, denn er ist damit schon in jungen Jahren in Berührung gekommen: »Bereits als Kind habe ich versucht, das Schofar zu blasen, auch bei meiner eigenen Barmizwa sowie an Rosch Haschana.« Jedes Mal habe er es als einen »Erweckungsmoment« erlebt, den er nicht missen möchte.

rückbesinnung Dieser Moment ist ein elementarer Grund, warum das Schofar zur Hand genommen wird. Damit sei eine Rückbesinnung auf das Wichtigste gemeint – eine Evaluation über das eigene Verhalten, die ohne Selbstreflexion nicht auskommen könne.

Zugleich sei es ein Appell an die Gläubigen: »Wir müssen besser werden, uns korrigieren.« Gott entscheide auch, ob »wir ein gutes Jahr haben werden oder nicht«, fügt er hinzu. Daher sei eine Läuterung von hoher Bedeutung.

Um einen sauberen Ton erzeugen zu können, muss das Schofar aber koscher sein, darf also keine Löcher haben.

Um einen sauberen Ton erzeugen zu können, muss das Schofar aber koscher sein, darf also keine Löcher haben, sagt Teichtal. Die Trua, neun bis zwölf sehr kurze Töne, ähnelt dem Weinen und symbolisiert das gebrochene Herz. Der lange Ton ist die Tekia, er wird vor und nach der Trua gespielt und bedeutet, dass der König kommt. Die Schwarim sind drei kurze Töne und eine Bitte um Gottes Gnade, während der sehr lang anhaltende Ton Tekia Gedola die Rückkehr des Herrn ankündigt. Auch in der Chabad-Gemeinde gibt es mehrere, unterschiedlich große Widderhörner.

EINSCHNITTE Aufgrund der Corona-Pandemie gab es für die Gemeinden große Einschnitte. Doch Chabad zeigte sich in dieser Zeit kreativ. Auch in den Hochphasen der Pandemie kam das Schofar zum Einsatz.

David Teichtal fällt eine Anekdote ein, an die er sich gern erinnert: So lief er einmal eine Stunde zu einem Gläubigen, der wegen Corona zu Hause bleiben musste. »Er kam zum Fenster, während ich auf der Straße stand und das Schofar angeblasen hatte, damit er es an Rosch Haschana hören konnte.«

Ebenso organisierte die Chabad-Gemeinde sogenannte Open-Air-Gebete. All dies ist nun Vergangenheit. Jetzt kann das jüdische Neujahrsfest in der Synagoge begangen werden – mit vielen erweckenden Klängen.

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