Sukkot

Unterm Sternenhimmel

On the road: Chabad-Rabbiner haben ihre Sukka gleich auf Räder gestellt. Foto: Rafael Herlich

Temperaturen über 20 Grad, ein goldener Oktober. Der Monatsanfang hat uns hoffen lassen. Mal endlich nicht nass werden in der Laubhütte. Nicht bibbern vor Kälte. Denn Sukkot ist in mitteleuropäischen Breiten ein Vabanque‐Spiel: Entweder man sitzt gemütlich unterm grün duftenden Dach beisammen und genießt köstliche Speisen mit Blick in die Sterne. Oder man hockt, dick eingepackt im Kalten, hofft mit klammen Fingern auf die heiße Suppe und äugt sorgenvoll gen Himmel, wann der nächste Regenguss runterkommen könnte.

Eine Woche dauert Sukkot, das jüdische Wallfahrtsfest im Herbst – sieben Tage, in denen es die Mizwa jedes über‐13‐Jährigen ist, möglichst alle Mahlzeiten in der Sukka einzunehmen. Sie muss vier Wände haben, eine davon darf die Hauswand sein. Durch das Dach müssen die Sterne hindurch scheinen können. Baubeginn ist nach dem Ausgang von Jom Kippur.

Klar im Vorteil ist, wer schon Erfahrungen beim Sukkabau gesammelt hat und auf architektonische Utensilien aus den vergangenen Jahren zurückgreifen kann. Wie Familie Bamberger aus Frankfurt am Main: »Wir haben bereits vor vielen Jahren einen S’chach aus Israel mitgebracht«, berichtet Jossi Bamberger. Das Geflecht aus Palmwedeln ist Teil des Sukkadaches. Der Holzbau selbst entsteht auf dem Balkon der Familie. Vernagelte Holzgestelle dienen als Seitenwände, die als Wind‐ und Kälteschutz mit Folie überzogen werden. Auf das Palmwedeldach kommen auch noch »Laubzweige aus unserem Garten, damit sich auch unsere Region widerspiegelt«, erklärt der Baumeister.

biblische Gäste Für die Innendekoration ist seine fünfjährige Tochter Chedwa zuständig. Seit Tagen bastelt sie bereits Girlanden und malt Bilder von den Uschpisim, den biblischen Vorfahren, die als unsichtbare spirituelle Gäste in die Sukka eingeladen werden. So bekommen Abraham, Isaak, Jakob, Josef, Moses, Aaron und David einen Ehrenplatz. Außerdem werden frisches Obst und eine Lichterkette die Sukka schmücken. Die Sitzordnung steht fest, da ein kleiner Teil des Balkons überdacht und damit nicht wirklich koscher ist – das sind die Frauenplätze. »Für Männer ist die Sukka Pflicht und für Frauen Kür«, gibt sich Bamberger kategorisch.

Bis zu acht Personen kann die Familie in ihrer Sukka beherbergen. »Allerdings müssen alle aufstehen, wenn der Hinterste einmal raus will«, sagt Bamberger schmunzelnd. Zufrieden ist er trotzdem mit seinem alljährlichen Bau: »Es ist schön, dass man direkt aus der Wohnung reingehen kann und das Essen nicht durch die Gegend schleppen muss.« Bei Regen besteht keine Sukkapflicht, bei Kälte indes schon. Da ist die Religion unerbittlich. »Zumindest den Kiddusch machen wir immer draußen«, sagt Bamberger.

So hält es auch Familie Amirvaliyev. »Wir ziehen uns einfach warm an«, sagt Irina Amirvaliyev. »Für die Kinder ist das Essen in der Sukka ohnehin ein großer Spaß.« Und die Eltern sind abgehärtet: Sie stammen ursprünglich aus Kasachstan. Beim Bauen legt die ganze Familie Hand an. Fünf Kinder haben die Amirvaliyevs, auch sie basteln und malen bereits tüchtig. Einige Utensilien lagern im Keller: Schilfrohre und Eichenhölzer für den Gerüstbau. Blätter und Äste werden frisch aus dem nahe gelegenen Park oder aus dem Baumarkt besorgt.

Und die jüdische Gemeinde Frankfurt sorgt auch vor: »Die Mitarbeiter bringen Äste zur großen Synagoge, da dürfen wir uns einfach nehmen, was wir brauchen«, sagt Sterni Havlin. Die Innendekoration werden auch bei Havlins die Kinder übernehmen. Verrückt macht sich die junge Mutter ob des anstehenden Bauprojekts nicht. Wie alle anderen Feiertagsvorbereitungen blickt sie auch dieser mit ihrer ungerührten »Das‐ist‐kein‐Problem‐Mentalität« entgegen.

Mobil Dabei hat ihr Mann, Rabbiner Josef Havlin, doppelte Arbeit: Er wird neben seiner privaten Sukka gemeinsam mit seinen Chabadkollegen eine Laubhütte konstruieren – eine, die Platz auf einem Autoanhänger findet. Diese mobile Sukka wird Chabad dann am 17. Oktober vor dem Frankfurter Bowling‐Zentrum Brunswick aufstellen und eine Sukkot‐Party veranstalten.

Familie Gendlin ist auf derlei fahrbare Minisukkas nicht angewiesen, denn sie hat eine Feiertags‐Luxuswohnung: Gendlins wohnen direkt über der Synagoge am Frankfurter Baumweg. Ganz glücklich ist Mayya Gendlin trotzdem nicht: »Der Hausmeister will nicht, dass wir beim Bau der Sukka mithelfen«, klagt sie. »Er sagt, es sei zu gefährlich. Wir dürfen höchstens einen Ast aufs Dach legen.« Aber auch, wenn sie nicht mitwirken dürfen, genießt Mayya Gendlin den Komfort einer eigenen Sukka sehr: So muss sie mit ihren fünf Kindern zum Essen nur die Treppe hinuntergehen.

Anders als Miriam B., die schon jetzt genervt ist. Weil ihr Mann nicht glaubt, dass die Sukka eine Woche im Gemeinschaftsgarten überlebt, ist die Mittdreißigerin an Sukkot ständig damit beschäftigt, Tupperware zu befüllen und in die Sukka von Freunden zu bringen. »Ich bin ja froh, dass sie jedem erlauben, ihren Bau jederzeit zu nutzen«, sagt sie und merkt mit einem Augenzwinkern an. »Aber ich bin noch glücklicher, dass wir viele Freunde haben, die nicht nur die Uschpisin, sondern auch uns einladen!«

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