Madrichim

»Unser Wissen kann man nicht googeln«

Madrichim von damals und heute beim ZWST-Jugendkongress Foto: Gregor Zielke

Sind sie zu nett? Konsumieren sie zu viel und machen zu wenig? Lesen sie überhaupt noch, oder sind sie »Social Media Maniacs«? Diese und viele andere Fragen musste sich der 21-jährige Benjamin Sobol stellvertretend für seine Altersgenossen bei der Podiumsdiskussion »Zurück in die Zukunft – Früher war alles besser!?« stellen lassen: »Benni, da kommt ja einiges auf dich zu« – Xenia Fuchs, Grundschullehrerin aus Berlin und ebenfalls ehemalige Jugendleiterin der ZWST, zeigte Verständnis für den Medizinstudenten aus Heidelberg.

Der Moderator der Runde, der in der Schweiz lebende Wirtschaftswissenschaftler Daniel Neubauer, wollte zu Beginn von seinen Gästen wissen, wie sie die heutige junge Generation charakterisieren würden. Die Definitionen reichten von »Ego-Strategen« bis zu »vielversprechend«, »wegweisend« und »bemüht um Authentizität«.

generation Vielleicht war früher nicht alles besser, anders war es auf jeden Fall. »Unsere Generation kam aus dem Nichts«, erinnerte sich die Münchner Literaturwissenschaftlerin Rachel Salamander, die, 1949 in einem DP-Camp geboren, seit 1963 jahrelang als Madricha aktiv war. »Wir lebten mit diesen seelisch schwer verwundeten Menschen zusammen, trugen mit an ihrer Traurigkeit und haben hart daran gearbeitet, das Judentum wiederzuentdecken und neu aufzubauen«, sagte Salamander. Gegen die nichtjüdische Umwelt habe man sich damals »entschieden abgegrenzt. Man sprach untereinander nur Jiddisch«.

Auch Susanne Benizri, Religionslehrerin und einige Jahre jünger als Rachel Salamander, zählt sich noch zu der Generation, die auf gepackten Koffern saß und »immer mit dem Gedanken spielte, auszuwandern, wegzugehen«. David Blumenthal, Jahrgang 1932, musste als Kind mit seinen Eltern aus Deutschland nach Palästina emigrieren. 1960 kam er zurück und war neun Jahre als Madrich für die ZWST tätig.

Diese Aufgabe habe ihn »das Kind in sich selbst« wiederentdecken lassen, erinnerte er sich. Die Madrichim damals waren Kinder von Überlebenden oder Israelis, deren Eltern nach Deutschland zurückgekehrt waren. Sie fühlten sich entwurzelt, ohne echte kulturelle oder religiöse Bindung ans Judentum. Umso mehr beeindrucke ihn die Selbstverständlichkeit, mit der alle Teilnehmer bei der Eröffnung des Jugendkongresses hebräische Lieder sangen. »Dieser Stolz, den sie dabei ausgestrahlt haben, hat mich überwältigt.«

podium Benjamin Sobol fühlt sich deutsch und jüdisch zugleich. Henry Jakubowicz – auch er engagierte sich früher als Madrich bei der ZWST – ist Borussia-Dortmund-Fan, aber dennoch vor mittlerweile 20 Jahren nach Tel Aviv ausgewandert, weil er auf die Frage, was oder wer er sei – Deutscher oder Jude –, einfach keine Lust mehr hatte. Einig war man sich auf dem Podium, dass die heutige Generation aufgrund ihrer Vernetzung mehr Möglichkeiten als alle vorangegangenen habe.

Doch vermisste etwa der Psychologe Louis Lewitan »die Identifizierung mit großen jüdischen Persönlichkeiten. Ich erwarte ein politisches Engagement für ein starkes, offenes Europa«, sprach er seine jungen Zuhörer direkt an. In die gleiche Richtung ging auch Nathan Gelbarts Warnung.

Der Rechtsanwalt erinnerte an den neuen linken Antisemitismus, der sich vor allem gegen Israel richte, und an die massive muslimische Migration nach Europa, in deren Folge er die Rechte von Frauen und Schwulen und die Meinungsfreiheit bedroht sieht: »In dieser Situation sind die jüdischen Gemeinden und die ZWST gefragt«, betonte Gelbart. Rachel Salamander hob hervor, dass sich Juden immer schon als Minorität behaupten mussten. »Und dafür muss ich mit fundiertem Wissen ausgestattet sein, das ist jüdische Tradition.«

Alle Podiumsreferenten appellierten an das junge Publikum, sich ihre Erfahrungen zunutze zu machen. Vor allem aber versprachen sie, als Mentoren die Jüngeren in Zukunft mehr zu unterstützen: »Von uns bekommt ihr ein Wissen, das ihr nirgendwo googeln könnt«, versprach Xenia Fuchs den Zuhörern.

Engagement

Grenzenlose Solidarität

Spenden und Gespräche: Die jüdische Community ist schockiert über die dramatische Lage in der Ukraine und hilft – jeder so, wie er kann

von Christine Schmitt  23.02.2026 Aktualisiert

Sally Bein

Reformpädagoge in schwieriger Zeit

Ein deutsch-israelisches Autorenduo zeichnet das Leben und Wirken filmisch nach

von Alicia Rust  23.02.2026

Lesen

Mehr als eine Familiengeschichte

Jan Mühlstein stellte im Gemeindezentrum sein neues Buch vor, das persönliche Erinnerungen mit europäischer Geschichte verknüpft

von Esther Martel  23.02.2026

Beni-Bloch-Preis

Jugend erinnert

Die Jüdische Gemeinde Frankfurt am Main vergibt die Auszeichnung an Gedenkprojekte von Schülerinnen und Schülern aus Hessen

von Katrin Richter  23.02.2026

Porträt der Woche

»Das wird mein Leben«

Mayan Goldenfeld verliebte sich in die Opernwelt und wurde Sängerin

von Gerhard Haase-Hindenberg  23.02.2026

Göttingen

Ehrendoktortitel für Holocaust-Überlebenden Leon Weintraub

Auch Ehrung mit Friedenspreis geplant

 23.02.2026

Berlin

Gedenken an Proteste von 1943 in der Rosenstraße

Der Protest von wahrscheinlich mehreren hundert Frauen in der Berliner Rosenstraße während der zwölfjährigen NS-Diktatur gilt als beispiellos. An den lange vergessenen Widerstand wird am Donnerstag erinnert

 23.02.2026

München

Religiöse Heimat

Die Stadtteilsynagoge Sha’arei Zion in der Georgenstraße ist seit Jahrzehnten ein Zentrum jüdischen Lebens in Schwabing

von Esther Martel  22.02.2026

Interview

»Alija machen ist wie vom Zehnmeterturm springen«

Sie haben Deutschland verlassen und sich für ein Leben in Israel entschieden. Was hat sie dazu bewogen? Ein Gespräch mit vier »Olim« über Zionismus, einen rastlosen Alltag und die Zukunft des Judentums in der Diaspora

von Joshua Schultheis  19.02.2026