Geschichte

Umstrittene Auktion

Auch von Hermann Göring (vorne links auf der Anklagebank bei den Nürnberger Prozessen) wurden persönliche Gegenstände versteigert. Foto: Ullstein

Seinen Kritikern zeigt das Münchner Auktionshaus »Hermann Historica« seit Jahren die kalte Schulter. Von der schon vielfach erhobenen Forderung, auf die Versteigerung höchst fragwürdiger Objekte aus der NS-Zeit zu verzichten, blieb es auch diesmal unbeeindruckt. Am vergangenen Freitag gelangten wieder Gegenstände aus dem persönlichen Besitz führender Nazis wie Hitler, Göring oder Goebbels in neue Hände – für erstaunlich viel Geld.

Hermann Görings Unterwäsche, die im vergangenen Jahr unter den Hammer kam, dokumentiert den bizarren Charakter der alljährlichen Auktion nur allzu gut. Vor allem aber erwachsen aus diesem Vorgang auch Zweifel an den rechtfertigenden Erklärungen, die das Auktionshaus dazu schon abgegeben hat. Man diene der Wissenschaft und der zeitgeschichtlichen Aufarbeitung, ließ der Geschäftsführer mit dem Hinweis mitteilen, dass Hermann Historica alle neonazistischen und nationalsozialistischen Strömungen ablehne.

redemanuskripte Zur »zeitgeschichtlichen Aufarbeitung« in Form einer umstrittenen Auktion gehörten in diesem Jahr zum Beispiel mehrere handgeschriebene Redemanuskripte Hitlers, für die jeweils 30.000 Euro und mehr auf den Tisch des Hauses gelegt wurden, Görings Ernennungsurkunde zum Preußischen Ministerpräsidenten – Erlös: 7600 Euro – oder eine Silberdose für 23.000 Euro, die einmal Goebbels Ehefrau Magda gehörte.

Man diene der Wissenschaft und der zeitgeschichtlichen Aufarbeitung, ließ der Geschäftsführer des Auktionshauses mitteilen.

Allein ein von Hitler signiertes und mit Datum versehenes Exemplar von Mein Kampf war einem unbekannten Sammler mehr als 4000 Euro wert. Im Online-Katalog des Auktionshauses waren diese und zwei Dutzend ähnliche Angebote unter dem unverdächtig klingenden Titel »A83r – Präsenzauktion – Deutsche Zeigeschichte – Orden und Militaria ab 1919« angeboten worden.

Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, reagierte mit deutlicher Kritik auf die Ankündigung der Versteigerung. »Ich bin erschüttert über so viel Verantwortungslosigkeit. Die Auktion zeugt von einem mehr als fragwürdigen Umgang mit unserer Geschichte«, erklärte sie. Zugleich richtete sie einen Appell an die Politik, die rechtliche Grundlage zu schaffen, um »einem derartigen Schauspiel« den Boden zu entziehen.

justizministerium Die rechtliche Grundlage der NS-belasteten Auktionen hat das Bayerische Justizministerium im Zuge der weltweiten Kritik bereits einer Prüfung unterzogen. Die Möglichkeit, die Auktion zu verbieten, gebe es nicht, lautete das Ergebnis der juristischen Analyse.

Es sei zwar strafbar, hieß es in einer Erklärung, in Deutschland Kennzeichen einer ehemaligen nationalsozialistischen Organisation zu verbreiten oder öffentlich zu verwenden. Bei NS-Devotionalien sei dies jedoch anders. Der bloße Besitz oder Ankauf sei grundsätzlich nicht strafbar.

Dieser Status quo, der derartigen Auktionen ihre Existenz sichert, hinterlässt nicht nur bei IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch einen faden Beigeschmack. »In einer Zeit, da der Rechtsextremismus wieder deutlich zunimmt, sendet eine solche Auktion das völlig falsche Signal. Gesellschaftlich muss Extremismus geächtet werden – in seiner aktuellen und der historischen Form. NS-Paraphernalien wie gewöhnliche Antiquitäten zu verkaufen, erweckt den Anschein einer Normalität, die es nicht gibt und auch nie geben darf«, betonte sie.

sammlermarkt Zu dieser »Normalität« gehört auch der Sammlermarkt, der diesen Auktionen Leben einhaucht. Er ist ausgesprochen diffus und lässt nicht viele Einblicke zu. Immerhin lieferte das Auktionshaus Hermann Historica im Verlauf der Diskussionen selbst einen Hinweis auf die Fragwürdigkeit der Versteigerungsobjekte.

Als Vorbesitzer wurden bei verschiedenen Gegenständen Robert Kempner und John K. Lattimer angegeben. Dieser Umstand wirft Fragen auf, die kritischen Stimmen wie der von Charlotte Knobloch deutliches Gewicht verleihen.

Charlotte Knobloch ist überzeugt: »Solche Events fördern den Nazi- und Führerkult.«

Robert Kempner war in den Nürnberger Prozessen stellvertretender US-Chefankläger, John K. Lattimer US-Arzt und für die medizinische Betreuung der inhaftierten Nazi-Elite zuständig. Er war auch der Erste, der die Leiche von Hermann Göring untersuchte, der sich mit Gift aus einer Ampulle in der Gefängniszelle umgebracht hatte. Im vergangenen Jahr tauchten der Behälter der Giftampulle, ein Beweisstück im Prozess, und andere private Gegenstände bei einer Hermann-Historica-Auktion auf. Gestohlen?

nachlassverfahren Genauso zweifelhaft sind die tatsächlichen Eigentumsverhältnisse bei Versteigerungsobjekten aus dem Besitz von Robert Kempner, der 1993 starb. Bei ihm waren unter fragwürdigen Umständen viele Originaldokumente aus dem Prozess gegen die Nazis gelandet, wie sich erst vor wenigen Jahren in einem Nachlassverfahren herausstellte.

Unter anderem hatte er wohl das Tagebuch von Hitlers Chefideologen Alfred Rosenberg, ebenfalls Teil der sichergestellten Asservate, in seinen Besitz gebracht. Reiner Zufall dürfte es kaum gewesen sein. Rosenberg war am Kunstraub im großen Stil beteiligt. Er war es auch, der das Sankt Petersburger »Bernsteinzimmer« abtransportieren ließ.

Derartige Verwicklungen im Geschäft mit NS-Relikten haben das Auktionshaus Hermann Historica noch zu keinem Kurswechsel veranlassen können. Auch Oberbürgermeister Dieter Reiter biss in dieser Hinsicht schon mehrfach auf Granit. Für Charlotte Knobloch steht fest: »Solche Events fördern den Nazi- und Führerkult.«

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