Film

Über den Horror sprechen

Nach der Filmvorführung diskutierten Maryam Giyahchi, Ilanit Spinner und Julie Grimmeisen (v.l.). Foto: Generalkonsulat des Staates Israel für Süddeutschland

Stille herrschte im Saal, nachdem die Bilder und Namen der Getöteten des Massakers auf dem Nova-Festival gezeigt wurden. Es ist ein solidarisches Schweigen, mit dem das Publikum im Amerikahaus am Montag vergangener Woche auf die Vorführung des israelischen Dokumentarfilms #Nova reagierte. Der Abspann rückte noch einmal die Opfer in den Vordergrund, und zwar junge Menschen, die einfach nur ein Musikfestival besuchen wollten.

Insgesamt 364 Besucher wurden ermordet, 40 weitere verschleppten die Hamas-Terroristen als Geiseln. Die Hamas-Terroristen vergewaltigten und verstümmelten zahlreiche Frauen. Und selbst fast ein halbes Jahr nach dem 7. Oktober bleibt angesichts dieser brutalen sexualisierten Gewalt nur die Frage: Warum schwiegen internationale Frauenorganisationen so lange und zeigten keine Solidarität?

stimmung »Es ist wichtig, dass diese Veranstaltung im Rahmen des internationalen Frauenmonats stattfindet«, bringt es die israelische Generalkonsulin Talya Lador-Fresher an diesem Abend auf den Punkt. Die Veranstaltung wurde unter anderem vom Generalkonsulat des Staates Israel für Süddeutschland, dem Stadtbund Münchner Frauenverbände sowie der Europäischen Janusz Korczak Akademie und der Deutsch-Israelischen Gesellschaft in München auf die Beine gestellt.

»Es hat fünf lange Monate gedauert, bis der UN-Sicherheitsrat zu diesem Thema eine Sondersitzung einberief«, so die Diplomatin weiter. Der 52-minütige Dokumentarfilm der israelischen Yes Studios ist in Deutschland bisher nicht verfügbar – die Vorführung im Amerikahaus daher eine der wenigen Gelegenheiten, ihn in der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Regisseur Dan Peʼer zeichnet durch originale Handyaufnahmen die Ereignisse des Massakers nach, wie sie sich aus Sicht der mehr als 3000 Festivalbesucher abgespielt haben.

Warum haben internationale Frauenorganisationen so lange geschwiegen?

Das vom Tribe of Nova organisierte Trancemusikfestival begann am Abend des 6. Oktober auf einem kleinen Gelände nördlich von Reʼim, einem Kibbuz im sogenannten Gaza-Gürtel, nur wenige Kilometer vom Grenzzaun entfernt. Die ersten Aufnahmen von jungen Menschen in ausgelassener Stimmung lassen noch nichts von dem Albtraum der folgenden Stunden erahnen. Am frühen Morgen des Folgetages sind schließlich die ersten Raketen zu hören. Der Zuschauer wird so Zeuge, wie die Stimmung auf dem Festival erst allmählich, beinahe träge kippt.

Noch kurz vor dem Massaker erwarten die Besucher das baldige Eingreifen der Armee und verlangen nach Musik statt Raketenlärm. Im Kontrast dazu erscheint der Schnitt zu den Bodycam-Aufnahmen der Terroristen, die schwer bewaffnet und auf Motorrädern in israelisches Territorium eindringen. »Wir wollen Kampf«, ruft einer, »bringt mir irgendwen, sie sind Tiere!«

Wahllose Brutalität der Täter und verzweifelte Ausweglosigkeit der panisch Fliehenden kennzeichnen die nachfolgenden, unerträglichen Sequenzen, obwohl allzu verstörende Szenen vom Regisseur noch bewusst vermieden wurden. Den Abschluss bilden Aufnahmen eines israelischen Soldaten, der mit gebrochener Stimme nach Überlebenden ruft – und nur Tote vorfindet.

taten Die Journalistin Ilanit Spinner moderierte die an den Film anschließende Podiumsdiskussion, bei der Julie Grimmeisen, Referentin für Jüdisches Leben in Bayern und Israel beim Antisemitismusbeauftragten der Bayerischen Staatsregierung, und Maryam Giyahchi vom Stadtbund Münchner Frauenverbände sprachen. Im Zentrum der Diskussion stand die Frage, warum internationale Frauenorganisationen derart lange zur sexualisierten Gewalt an israelischen Frauen am 7. Oktober schwiegen, obwohl zahlreiche Akteure in Israel darauf immer wieder aufmerksam gemacht hatten.

Bereits am Folgetag des Anschlags waren Frauenorganisationen in Israel an die UN herangetreten, seien dort jedoch gegen eine Wand gelaufen, kommentierte Julie Grimmeisen. Die Historikerin, die sich intensiv mit der Aufarbeitung der Geschehnisse vor Ort auseinandergesetzt hat, machte deutlich, dass die Terroristen an den Frauen ein sexualisiertes und systematisches »Übertöten« verübt hatten. Die Taten sollten »so viel Angst und Schrecken wie möglich verbreiten«.

Bodycam-Bilder der Terroristen seien auch als Werbung für potenzielle Nachahmer und neue Mitglieder gedacht gewesen. Der Frauenkörper werde so zu einem Kommunikationsmittel von Terror. Zugleich helfe es den Betroffenen nicht, diese Bilder nicht zu zeigen.

bewusstsein Maryam Giyahchi betonte, dass sexualisierte Massaker an Frauen typisch für islamistische Terrororganisationen seien und zog Parallelen zur Unterdrückung von Frauen in der Islamischen Republik Iran und durch die Taliban. Das Schweigen der United Nations Women führte sie auf ein weltanschauliches Schwarz-Weiß-Bild zurück, dessen »postkoloniale Brille« Israel als einzig möglichen Täter erscheinen lasse.

Antisemitismus und Feminismus seien hier verquickt, so Giyahchi. »Wenn so eine internationale Organisation nicht gleich sagt, dass das, was den Frauen Israels passiert ist, ein Verbrechen ist, wie kann man denn so einer Organisation noch vertrauen?«

So beschrieb der Abend eindrücklich die großen Mühen, die nötig sind, um antisemitische Gewalt gegen Frauen im öffentlichen Bewusstsein zu verankern, zeigte aber auch, wie wichtig die konsequente Benennung der Verbrechen bleibt.

Sport

Maccabiah Chai!

170 Athletinnen und Athleten sind in Israel beim größten jüdischen Sportevent – Wir stellen Ihnen sechs vor

von Katrin Richter, Helmut Kuhn  01.07.2026

Sachsen-Anhalt

»Eine offene Tür ist unsere Antwort«

Landesverbands-Geschäftsführerin Rimma Fil über wachsenden Antisemitismus, Sorgen vor der Landtagswahl und den festen Willen der jüdischen Gemeinden, sichtbar zu bleiben

von Christine Schmitt  01.07.2026

Verlegung

Magdeburg erhält 900. Stolperstein

Seit 2007 wird in Magdeburg mit Stolpersteinen an Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Die nunmehr 47. Verlegung wurde auf zwei Tage verteilt

 01.07.2026

Kommentar

»Eigentlich habe ich noch nie mit einem Juden gesprochen«

Als Antisemitismusbeauftragter jüdisch zu sein ist kein Manko. Im Gegenteil: Es braucht an deutschen Universitäten mehr jüdische Beauftragte

von Guy Katz  30.06.2026

Meinung

Maccabiah ist gelebte Selbstbehauptung

Gerade jetzt ist es für jüdische Sportlerinnen und Sportler wichtig, in Israel Kraft zu tanken. Es geht nicht nur um Sport, sondern auch um Selbstbehauptung und ein tieferes Verständnis für das Land

von Alon Meyer  30.06.2026

Aufruf

Jüdische Hochschullehrer fordern besseren Schutz gegen Antisemitismus

Hochschulen können ihre jüdischen Studierenden und Lehrenden nicht ausreichend gegen Antisemitismus schützen. Das NJH will das ändern und fordert unter anderem die Möglichkeit zur Exmatrikulation von Störern

 30.06.2026

Forschung

Historiker Gerber: Erinnerung an Holocaust verschwindet

Der Leipziger Historiker Jan Gerber wendet sich gegen ein kontinuierliches Verschwinden der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Schoa. Der Tod der letzten Zeitzeugen ist für ihn dabei nicht entscheidend

von Volker Hasenauer  29.06.2026

Festival

Trotz Rekordhitze: Tausende Gäste bei Jüdischer Woche in Leipzig

Trotz der sommerlichen Hitze und damit verbundener Programmänderungen seien die Veranstaltungen im gesamten Stadtgebiet auf großen Zuspruch gestoßen

 29.06.2026

Erinnerung

Kunst mit Haltung

Das musikalisch-szenische Projekt »Und dennoch morgen« der Europäischen Janusz Korczak Akademie feierte im Gasteig Premiere

von Ellen Presser  28.06.2026