Der langjährige Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin, Johannes Tuchel, hat vor politischer Einflussnahme auf die NS-Gedenkstätten gewarnt. »Gedenkstätten kommen dann ihren vielfältigen Aufgaben nach, wenn die Politik sie in Ruhe lässt«, sagte Tuchel in Berlin dem Evangelischen Pressedienst (epd).
Das bedeute, jeglicher politischer Zugriff auf die Gedenkstätten, etwa durch Kürzungen von Landesmitteln durch die Landtage, müsse in Zukunft verhindert werden. »Ob das in der Praxis funktioniert, werden wir erst im neuen Jahr sehen, wenn wir die fünf anstehenden Landtagswahlen hinter uns gebracht haben«, sagte der Politikwissenschaftler und Historiker.
Mehr als 20 Jahre an der Spitze der Gedenkstätte
Tuchel leitete von 1991 bis Ende 2025 die Gedenkstätte im Bendlerblock, dem ehemaligen Sitz des Oberkommandos des Heeres. Seine Nachfolgerin an der Spitze der Stiftung Gedenkstätte Deutscher Widerstand ist die Historikerin Julia Spohr.
Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus oder zur Erinnerung an NS-Gewaltverbrechen seien in erster Linie Ländersache, auch wenn sie vom Bund gefördert werden, sagte Tuchel weiter. Neben einer ausreichenden Finanzierung müssten die Länder deshalb »rechtlich dafür sorgen, dass Gedenkstätten vor allen politischen Einflüssen geschützt werden«.
Unterschiedliche Formate
Tuchel warb zudem für die Gedenkstätten als außerschulische
Lernorte: »Die Möglichkeiten der Präsentationen in den historischen Ausstellungen haben sich durch die Digitalisierung erheblich verbessert. Wir können viel mehr Fakten und Informationen als früher präsentieren.« Entgegen den Befürchtungen, dass Besucher wegbleiben, sei genau das Gegenteil passiert: »Die Zahl der Besucherinnen und Besucher ist in den vergangenen drei Jahrzehnten kontinuierlich gewachsen, abgesehen von den Einbrüchen während der Corona-Pandemie.«
Mit Blick auf Defizite im schulischen Geschichtsunterricht sagte
Tuchel: »Wir können heute hier vieles abfangen. Wir können aber nicht mehr davon ausgehen, dass eine Grundinformation in angemessener Weise vorliegt.« Bei Führungen gebe es jetzt noch stärker als früher Basisinformationen zur Geschichte des Nationalsozialismus und zum Widerstand.
Dabei setze die Gedenkstätte auf unterschiedliche Formate: »Wir haben nicht nur bei jungen Menschen, sondern auch bei Erwachsenen nach der Corona-Pandemie festgestellt, dass die Aufmerksamkeitsspanne und die Konzentrationsfähigkeit bei Veranstaltungen abgenommen hat.« Deshalb werde auf unterschiedliche Vermittlungsmethoden und Formate zurückgegriffen.epd/ja