Corona-Krise

Trost aus zwei Meter Entfernung

Verwaist: der Schoa-Treffpunkt in Frankfurt Foto: ZWST

Die Isolation ist das Schlimmste. Viele ältere Menschen, insbesondere Schoa-Überlebende, haben oft nur wenige persönliche Kontakte. Einige Überlebende haben gar keine Familie mehr.

Die derzeit geltenden Corona-bedingten Kontaktbeschränkungen verschärfen die Lage noch einmal. »Das ist ein Riesenproblem«, sagt Noemi Staszewski. Bei der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) koordiniert sie die Treffpunkte für Schoa-Überlebende.

Kontakt Mit ihrem Frankfurter Team von 15 festen und ehrenamtlichen Mitarbeitern versucht sie, auch und gerade in diesen Zeiten den Kontakt zu den Älteren aufrechtzuerhalten: »Wir führen im Moment hauptsächlich Telefongespräche.«

Das Team betreut etwa 220 Schoa-Überlebende, sagt Staszewski. Ihre Mitarbeiter seien mehrsprachig und könnten diese Kenntnisse jetzt anwenden. Die meisten Überlebenden sprächen aber relativ gut Deutsch, sagt die Projektmanagerin.

Die wichtigste Ziel der Anrufe ist, die alten Menschen aus der Isolation herauszuholen.

Per Telefonat werde nachgefragt, wie es den älteren Menschen geht, ob sie Probleme haben, oder ob sie etwas benötigen. Bei Bedarf können die ZWST und die Frankfurter Gemeinde Einkaufshilfen vermitteln.

Ein wichtiges Anliegen der Telefongespräche aber sei, erzählt Staszewski, die Überlebenden ein Stück weit aus ihrer Isolation herauszuholen. Die ZWST-Mitarbeiter hörten fast von allen Angerufenen die Klage, dass ihnen sprichwörtlich die Decke auf den Kopf falle. Sie würden gern hinausgehen. Doch genau das sei »für die älteren Menschen unglaublich gefährlich«, weiß Staszewski.

Stimmungsschwankungen Die Überlebenden machten sich sehr viele Sorgen, berichtet sie: »Wir merken, dass die Stimmung sinkt.« Viele fühlten sich hilflos und ausgesetzt, sagt die Treffpunktleiterin. »Es verängstigt sie sehr, dass man den Feind nicht sehen, nicht riechen kann.« Die Situation löse bei einigen Schoa-Überlebenden Retraumatisierungen aus.

Dass bei vielen aufgrund des Alters die Hörleistung beeinträchtigt ist, mache die Kommunikation zusätzlich schwierig. Noch prekärer ist die Lage der Überlebenden, die an Demenz leiden. Einige hätten wegen der Corona-Krise keine Pflegekraft mehr. »Das stellt uns vor logistische Prob­leme«, sagt Staszewski. Menschen mit Demenz wissen nicht, was um sie herum passiert.

Viele ältere Menschen brauchen »Sichtkontakt«, der wird über Zoom hergestellt.

Dass Telefonate allein nicht ausreichen, um unter den Älteren Gemeinschaft zu stiften, ist Staszewski bewusst: »Sie brauchen Sichtkontakt.« Ihr Team versuche daher gerade, die etwas Fitteren über eine »Zoom«-Videokonferenz zusammenzuschalten, um ein virtuelles Café aufzubauen, das sie von ihren Treffen gewohnt sind.

»Es ist ein Versuch, die Einsamkeit aufzubrechen«, sagt Staszewski. Sie ist aber noch skeptisch. »Ob uns das gelingt, wissen wir nicht.« Die Einweisung der Älteren in die Technik sei ein Problem.

Besuchsverbot Um dem derzeitigen Besuchsverbot in Seniorenheimen zu trotzen, hat die Zentralwohlfahrtsstelle die Spendenaktion #Tablets4Safta gestartet. Mit dem Geld sollen laut ZWST Tablets erworben werden, »die neben Videotelefonie und Online-Austausch auch künftig für Anwendungen im Einrichtungsalltag genutzt werden können«.

Das Pessachfest bedeutete für Noemi Staszewskis Team eine weitere Herausforderung. Die Älteren seien es gewohnt, den Seder zusammen mit der Familie zu feiern. Doch das sei in diesem Jahr nicht möglich gewesen. »Sie haben sehr darunter gelitten«, betont Staszewski, deswegen haben sie und ihre Mitarbeiter die Treffpunktmitglieder an den Feiertagen verstärkt angerufen, erzählt sie. Gerade an Pessach würden die Schoa-Überlebenden ihre Einsamkeit noch stärker fühlen.

Videochat Wenn Telefonate und Videochats nicht helfen, müssen vereinzelte Überlebende, vor allem die an Demenz leidenden, weiterhin besucht werden. Dies geschehe aber, so Staszewski, so wenig wie möglich.

Nicht einmal Schiwa sitzen kann man in Corona-Zeiten.

Auch die erschwerte Sterbebegleitung bereitet ihr Sorge. Die Familien würden alleingelassen. Man könne nicht einmal Schiwa sitzen. »Auch in diesem Fall läuft der Zuspruch telefonisch«, sagt Staszew-
ski. Es könne auch jemand vorbeikommen und unter Einhaltung des notwendigen Abstands sprechen.

Doch auch das gestaltet sich problematisch: »Zwei Meter Abstand und Trost ist manchmal ein bisschen schwierig.« Noemi Staszewski stellt sich darauf ein, dass diese herausfordernde Situation nicht so schnell vorübergehen wird. »Es wird noch eine Weile dauern.« Sie hofft, dass alle aus dem Schoa-Treffpunkt die Corona-Krise überstehen, und beteuert: »Ich bin ein optimistischer Mensch.«

Angst Das gilt auch für einige Schoa-Überlebende. »Die Angst, die wir damals hatten, war anders als die Angst jetzt mit Corona«, erzählt Ivette Lendvai. Die 84-Jährige lebt heute im Altenzentrum der Jüdischen Gemeinde Frankfurt. Als Kleinkind musste sie die Slowakei verlassen und lebte bei einem Onkel in Budapest.

Dann kamen sie ins Ghetto, und zuallerletzt wurde Ivette Lendvai auch noch in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert. »Wir haben wenig gesprochen, und wann immer ein Aufseher kam, wussten wir, dass das unseren Tod zur Folge haben konnte.« Zum Glück, so sagt sie, war sie nur kurz dort. Ihre Mutter hat sie nach dem Ende des Krieges am Plattensee wiedergetroffen.

Ivette Lendvais Sohn ruft sie dreimal am Tag an.

Jetzt habe sie vielerlei Ängste. Angst um ihre Familie. Ihre Enkelin zum Beispiel arbeitet als Ärztin – wie wird es ihr gehen? Ihr Sohn ruft dreimal am Tag an. Sie mache sich aber auch Gedanken, wie es wäre, wenn sie in ihrer Wohnung krank würde? Wer könnte ihr helfen? Besuchen dürfe sie ja jetzt schon niemand.

Vor Corona habe sie sehr vielen Menschen geholfen, die gepflegt werden müssen. Jetzt kann sie nichts tun. »Wir sitzen alle vor dem Fernseher, aber die Nachrichten machen uns auch krank«, mutmaßt Ivette Lendvai. Eine totale Isolierung wolle sie nicht. Der Weg, den die Schweden gehen, wo es viel mehr öffentliches Leben als in Deutschland gebe, müsse aber auch nicht der richtige sein.

So viele Fragen und eigentlich keine Antworten. »Es ist die totale Ungewissheit, die mir und anderen Menschen Angst macht. Für manche Familien ist dieses Leben zu viel«, weiß die 84-Jährige. Sie wünsche sich vor allem, »dass ich meinen 85. Geburtstag im November gesund und mit meiner Familie feiern kann«.

Theresienstadt Edith Bader-Devries hat das KZ Theresienstadt überlebt. Ihre Mutter hielt sie immer versteckt. »Aber ich hatte viel Angst. Wir waren 38 Menschen in einem Raum. Über Tote stieg man hinweg. Das war normal«, sagt sie. Der Vater sei eher Optimist gewesen. Seine Worte wird sie nie vergessen: »Juden sind durch das Rote Meer gekommen, da kommen sie auch durch die braune Suppe.«

Trotz der schwierigen Situation ist Edith Bader-Devries überzeugt, dass der Gedanke an Gott alles Böse überwindet.

Als gelernte Erzieherin war Edith Bader-Devries mit Kindern und Jugendlichen immer sehr vertraut. »Ich habe auch viele Vorträge in Schulen über mein Leben gehalten und ein Buch geschrieben.« Ihre Botschaft sei, »dass alle Menschen gleich sind, und dass die Liebe und der Gedanke an Gott alles Böse überwindet«.

Im Nelly-Sachs-Haus, wo sie heute in Düsseldorf lebt, kennt sie sehr viele Menschen. »Nur kann ich die jetzt leider nicht besuchen«, bedauert die 84-Jährige vom Niederrhein.

Angst vor dem Coronavirus habe sie nicht. »Es geht mir gut. Wir sind zwar alle total isoliert, aber ich habe meinen Balkon. Gerade saß ich in der Sonne, das tut mir gut. Der Gedanke, dass wir ja alle isoliert sind, hilft«, sagt Bader-Devries. Sie hat vier Kinder und sechs Enkelkinder. »Wenn ich die nicht hätte, müsste ich auch zufrieden sein«, sagt sie trocken.

Natürlich wünsche sie sich, dass sie bald wieder mit ihren Kindern und Enkeln zusammen sein kann. »Ich denke, so wie es in Südkorea gerade ist, wird es auch bei uns sein. Und bis dahin müssen wir mit dieser ›Überbrückung‹ leben.«

Spendenaktion #Tablets4Safta: www.zwst.org/de/we-care/tablets4safta/

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