Mannheim

Tradition aus der Box

Die Quietscheente trägt einen schwarzen Mantel, neben ihr liegen eine Mesusa und eine Kippa in einer orangefarbenen Kiste. Damit heißt das »Mischpacha«-Programm seine Mitglieder willkommen. Weitere Boxen sollen über das Jahr verteilt zu den Feiertagen folgen. Zu Beginn dieser Woche stellten die Projektmitarbeiterinnen Rachel Hefter und Michelle Piccirillo das Programm in Mannheim vor und sprachen mit den Gemeindevertretern aus Süddeutschland über Aufbau, Ziele und Probleme der Familienarbeit.

Während der Montag ganz im Zeichen der Grundlagen stand, ist Seminartag zwei der Praxis gewidmet. Bevor die Teilnehmer die Mischpacha-Boxen selbst ausprobieren, informieren Hefter und Piccirillo noch über die Basics zu dem Mischpacha-Programm des Zentralrats der Juden, das von der Genesis Philanthropy Group und dem JDC (American Jewish Joint Distribution Committee) gesponsert wird.

vorbereitung Das Programm richtet sich an junge Familien mit Kindern zwischen null und drei Jahren, die sich anhand des Materials »gemeinsam auf Feiertage vorbereiten, und das eben zu Hause«, sagt Piccirillo. Vor allem aber solle es auch Familien ansprechen, die durch ihr Kind erst wieder beginnen, die Feiertage zu feiern.

Viermal im Jahr erhalten angemeldete Familien das Set: eines zu Rosch Haschana, Jom Kippur und Sukkot, ein zweites zu Chanukka, ein drittes zu Purim und ein viertes zu Pessach und Schawuot. Um in das Programm aufgenommen zu werden, muss mindestens ein Elternteil Mitglied einer jüdischen Gemeinde sein. Für zwölf Monate können aber auch Nichtmitglieder Teil des Programms werden. Treten sie in dieser Frist einer Gemeinde bei, läuft das Programm weiter, wenn nicht, endet es nach diesem einen Jahr.

Neben Gebeten und Rezepten, die sich auf den jeweiligen Feiertag beziehen, liegt ein USB-Stick mit entsprechenden Feiertagsliedern bei. »Der Stick kann auch gerne in der Gemeinde benutzt werden«, sagt Hefter. »Wir haben die Gema-Lizenzen dafür erworben.«

Auch Spiele finden die Kinder in den Boxen. »Unsere Bastelmaterialien sind ebenfalls eine tolle Art für Kinder, Andenken an die Feiertage zu basteln«, sagt Hefter. Und das probieren die Seminarteilnehmerinnen dann sofort mit der Schawuot-Box aus. Während im Hintergrund Feiertagslieder erklingen, basteln die einen Pappkronen oder kleine Körbchen, die anderen verbinden ausgeschnittene Getreidekörner zu Girlanden. »Das ist auch tolle Dekoration für die Gemeinde«, wirft Piccirillo ein.

traditionen Sarah Dubinski, die mit einer Schablone ein Getreidekorn auf einen Strampler tupft, ist von dem Mischpacha-Programm begeistert. »Wir haben sehr viele Rezepte ausprobiert, und dabei habe ich meinen Kindern erzählt, warum wir dies und jenes machen.« Das sei auch für sie selbst eine Einstimmung und eine Erinnerung an die Traditionen. »Ich finde, dass es in der Gemeinde manchmal vernachlässigt wird, alles kindgerecht zu erklären.« Die Materialien in den Boxen würden genau das leisten.

Lilia Gaeper pflichtet ihr bei. »Es ist eine tolle Möglichkeit für Familien, die sonst die Feste nicht feiern, zusammenzukommen und aktiv am jüdischen Leben teilzunehmen.« Gerade für junge Familien könne das eine »Wiederbelebung« des Glaubens bewirken. »Die Boxen machen es einem einfach: Man muss erst einmal nirgends hingehen, bekommt sie nach Hause geschickt und kann direkt damit arbeiten.«

Die Kinder freuen sich immer, wenn die Pakete zu Hause eintreffen.

Den »Soforteffekt« sieht auch Hana Fischer als Vorteil. »Die Kinder sind immer aufgeregt, wenn die Boxen eintreffen, und können es nicht abwarten, sie auszupacken«, erzählt sie. Einige Bastelsachen seien allerdings eher für größere Kinder geeignet. »Das ist aber auch schön, weil dann die älteren Geschwister den jüngeren helfen können.« Das Basteln mache vieles greifbarer für die Kleinen.

gemeinden Pinchas von Piechowski hätte sich das Mischpacha-Programm für seine Tochter gewünscht. Sie sei nun zu alt dafür. Auf der anderen Seite sei es aber »nie zu spät«, weil auch Erwachsene mit den Materialien arbeiten und ihr Wissen weiterentwickeln können. »Ich bin mir sicher, dass wir mit jedem Jahr besser mit dem Material arbeiten und sich daraus viele interessante Möglichkeiten ergeben.« Nicht nur für Familien, sondern auch für Gemeinden, sagt von Piechowski.

Damit spricht er einen weiteren Aspekt des Programms an. »Mischpacha soll einen Bogen zur Gemeinde spannen«, sagt Rachel Hefter. Viele Teilnehmer seien keine Mitglieder in ihrer Gemeinde oder zumindest keine aktiven. »Wir hoffen, dass die Boxen dazu anregen, sich über Angebote in der Gemeinde zu informieren und dann natürlich auch daran teilzunehmen.« Dafür müssen aber auch Angebote vorhanden sein. Wie man die aufbaut, ist ebenfalls Thema des Seminars in Mannheim.

»Wir zäumen das Pferd einfach von hinten auf«, sagt Piccirillo. Zunächst müsse man sich fragen, was das Ziel sei. »Zum Beispiel eine Schabbat-Gruppe, die einmal im Monat stattfinden und 15 Familien erreichen soll. Der nächste Schritt ist dann, herauszufinden, wen ich dafür erreichen muss und was ich dafür brauche.«

Planung Noch viel wichtiger als die Planung sei aber das Gefühl, sagt Hefter. »Man kann noch so ein pädagogisch wertvolles Programm planen, wenn sich die Familien nicht willkommen fühlen, kommen sie einfach nicht.« Dass Kontakte zwischen Familien entstehen, »ist ja auch eigentlich das Ziel«. Ideen für solche Treffen seien zum Beispiel eine Schabbat-Spielgruppe, Treffen als Vorbereitung der Feiertage oder Ausflüge. »Eurer Kreativität sind keine Grenzen gesetzt, und alle Ideen können je nach Gemeindegröße und Budget angepasst werden.«

Die Teilnehmer regen auch eine Mischpacha-Facebook-Gruppe an.

An Kreativität mangelt es den Teilnehmern des Seminars nicht, erzählen doch die meisten von bereits bestehenden Aktivitäten aus ihren Gemeinden. »Wir fahren manchmal gemeinsam mit Familien nach Straßburg und gehen in eine koschere Pizzeria oder in eine Eisdiele«, sagt zum Beispiel eine Teilnehmerin.

Begeistert von den Ideen der anderen, geben die Teilnehmer den Projektmitarbeitern noch einen Wunsch mit auf den Weg: eine Mischpacha-Facebook-Gruppe zum Austausch über Fami­lienaktionen und -arbeit in den Gemeinden. Hefter und Piccirillo freuen sich über die Idee. »Wir nehmen das auf jeden Fall als Auftrag mit nach Berlin«, versichern sie den Teilnehmern.

Die nächsten Treffen sind in Leipzig (17./18. Juni) und Nürnberg (26./27. Juni). Anmeldung noch möglich unter familie@zentralratderjuden.de

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