Geschichte

Tödliche Bomben der Befreier

Die »Cap Arcona« Foto: dpa

Einst galt sie als eines der schönsten Schiffe ihrer Zeit: Die »Cap Arcona«, benannt nach der nördlichsten Landzunge auf der Insel Rügen. »Ein wunderbares Schiff mit Edelholz-Auskleidungen«, berichtet der 90-jährige ehemalige Ingenieur Werner Viehs aus dem hessischen Bad Homburg. Er war selbst einmal an Bord des 1927 gebauten Dampfers gewesen.

Fünf Tage vor Kriegsende steht der ehemalige Luxusliner der Hamburg-Südamerika-Linie jedoch für vielfachen Tod in der Ostsee. Weil eine Warnung nicht weitergegeben wird, halten britische Kampfbomber das Schiff für einen Truppentransporter und lassen es kentern: Tausende KZ-Häftlinge kommen um.

Rund 350 Menschen überleben, unter ihnen der 22-jährige Niederländer Wim Alosery – »wie durch ein Wunder«, beschrieb er. Es wurde »geschossen und gekämpft, alle wollten in die Rettungsboote«. Alosery lässt sich vom Achterdeck des brennenden Schiffes an einem Tau ins Wasser gleiten und erreicht ein treibendes Schlauchboot. Hilflos sieht er mit an, wie um ihn herum Häftlinge im kalten Wasser versinken: »Die Flugzeuge kamen immer wieder zurück und schossen auf die Flüchtlinge.«

frachter Auch der ebenfalls mit KZ-Häftlingen vollbelegte Frachter »Thielbek« sinkt nach mehreren Treffern. 2000 Häftlinge auf einem anderen Schiff, der »Athen«, entgehen dem Bombardement nur dadurch, dass das Boot rechtzeitig in den Hafen von Neustadt eingelaufen ist. Insgesamt rund 7000 KZ-Opfer aus 24 Ländern Europas kommen durch den Angriff der Befreier um.

Der Untergang der Schiffe könnte zum kaltblütigen Kalkül der deutschen Führung gehört haben: Zeugen berichten später, dass auf der Arcona Fluchtwege versperrt und Rettungsboote blockiert waren. Wilhelm Lange, Stadtarchivar in Neustadt, ist überzeugt: »Die Hauptverantwortlichkeit für eine der schwersten Schiffskatastrophen der Geschichte liegt auf deutscher Seite.« Denn die SS habe »den Alliierten eine hinterhältige Falle gestellt«.

Der schnelle Vormarsch der alliierten Truppen setzt kurz vor Kriegsende die Nationalsozialisten unter Druck. Um ihre Gräueltaten in den Konzentrationslagern zu vertuschen und Zeugen zu beseitigen, ordnet der Reichsführer SS, Heinrich Himmler, an, bestehende Lager umgehend zu räumen: Auftakt zu zahlreichen Todesmärschen.

Ab dem 19. April evakuieren die Bewacher auch das KZ Neuengamme bei Hamburg. 10.000 Häftlinge werden mit der Bahn in den Vorwerker Hafen in Lübeck gebracht oder zu Fuß dorthin getrieben. Ziel sind mehrere beschlagnahmte Schiffe, die in der Bucht vor Neustadt auf Reede liegen.

druck Der Kapitän der Cap Arcona, Heinrich Bertram, weigert sich zunächst, sein Schiff zur Verfügung zu stellen. Er durchschaut wohl die perfiden Pläne der SS. Bertram spielt auf Zeit, verzögert es, die Todgeweihten an Bord zu nehmen, und rettet damit viele Menschenleben. Doch am Ende beugt er sich dem Druck.

Die SS verwandelt die Schiffe in schwimmende KZs: Die Häftlinge vegetieren in den Laderäumen unter unbeschreiblichen Bedingungen vor sich hin, ohne Lebensmittel und Wasser. Die Bewacher legen es vermutlich darauf an, dass die Cap Arcona und die Zubringer-Schiffe als vermeintliche Truppentransporter Ziele britischer Bomber werden könnten.

Tatsächlich kommt es zum Angriff – aufgrund eines fatalen Fehlers. Zwar hat das Internationale Rote Kreuz die Briten am 2. Mai über das Vorgehen der SS informiert. Doch die Warnung, dass die Schiffe voller Häftlinge sind, wird nicht an die Royal Air Force weitergereicht. Staffelkapitän J. Baldwin erhält den folgenschweren Befehl: »Zerstörung der feindlichen Schiffsansammlung in der Lübecker Bucht westlich der Insel Poel und nach Norden hin zur Grenze der Sicherheitszone«.

augenzeuge
Werner Viehs, vor Königsberg (heute Kaliningrad) beim Marine-Infanterie-Einsatz an Armen und Beinen schwer getroffen, liegt an diesem Tag in einem Lazarettzug nördlich von Sierksdorf direkt an der Küste. Er wird Augenzeuge des Angriffs auf den einstigen Luxusliner, der ihm nicht unbekannt war: »Ich war Reserveoffiziers-Anwärter und machte im Herbst 1944 auf der Cap Arcona den Fähnrich-Lehrgang«, sagt der Zeitzeuge im Gespräch mit der Nachrichtenagentur epd.

»Alles lag vor mir, wie auf einer Bühne«, berichtet Viehs. Um 14.30 Uhr habe das Inferno begonnen: »Fünf Maschinen im Tiefflug lösten ihre Raketen als Salve auf die Cap Arcona aus. 40 Volltreffer verwandelten sie in ein loderndes Flammenmeer. Sie brannte lichterloh vom Heck bis zum Mittelschiff.« Vier Maschinen bekämpften laut Viehs die rund 800 Meter entfernte, sich mittels Flugabwehrkanonen heftig wehrende Thielbek: Doch auch sie »ging innerhalb von 15 Minuten unter«.

todeskampf
Briten wie deutsche Bewacher schießen auf die verzweifelt um ihr Leben schwimmenden Menschen. Im acht Grad kaltem Wasser endet der Todeskampf meist nach wenigen Minuten. Doch selbst, wer an Land entkommt, ist nicht gerettet. Viehs: »Ich habe die SS unterhalb von unserem Lazarettzug auf Häftlinge im Wasser schießen sehen.« Jeder Schuss habe wahrscheinlich einen Toten bedeutet: »Es waren viele Schüsse.« Erst eine Stunde vor dem Eintreffen der ersten britischen Panzer habe die SS den Ort des Massakers fluchtartig verlassen. Am Abend des 3. Mai 1945 ist der Krieg entlang der Lübecker Bucht zu Ende - für die Toten der Cap Arcona und Thielbek nur um Stunden zu spät.

Ab dem 5. Mai werden die verwundeten Soldaten und die Überlebenden der Cap Arcona gemeinsam in der U-Bootschule Neustadt untergebracht, erinnert sich Werner Viehs. Kontakte zwischen den beiden Gruppen habe es keine gegeben: »Wir standen nebeneinander. Wir waren fremd. Wir kamen aus zwei Welten.«

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