Balagan

Sympathisches Chaos

Alles begann mit dem Gärtner. Als er nach getaner Arbeit bei Melanie Hubermann in der Küche saß und sie gemeinsam eine Tasse Kaffee tranken, erzählte er ihr von den Sorgen mit seiner Familie. Und Melanie Hubermann, systemische Familientherapeutin und Heilpraktikerin für Psychotherapie, hörte ihm in Ruhe zu und hatte ein paar hilfreiche Ideen. Später fragte ihre älteste Tochter, warum sie das eigentlich nicht hauptberuflich tue – andere Menschen therapeutisch zu unterstützen. Das sei der Impuls gewesen, »Balagan« zu gründen, ein Therapiezentrum, in dem Paare, Familien, Eltern und Kinder Hilfe finden.

Ein großes Thema ist dabei für alle die Schule. Am Freitag werden in Berlins jüdischen Schulen die Erstklässler eingeschult: 69 an der Grundschule der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, der Heinz-Galinski-Schule, fünf an der Chabad-Traditionsschule Or Avner und 16 an der Lauder-Beth-Zion-Schule. Damit beginnt in vielen Familien auch der Stress.

team Denn nicht immer funktionieren die Kinder so, wie sich das die Eltern erträumen, sondern bringen ihre eigenen Persönlichkeiten und Probleme mit – viele Kinder und Jugendliche können sich nicht so lange konzentrieren, einige haben ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, anderen ist es nicht möglich, lange still zu sitzen, einige sind aggressiv und andere zu schüchtern, um zu zeigen, was sie können, fasst Melanie Hubermann die Herausforderungen zusammen. »Und was soll ich da machen – ich habe das Helfersyndrom und kümmere mich eben gerne um andere«, sagt die 43-Jährige.

Der Kaffee wird nun im sogenannten Wohnzimmer im Balagan getrunken, wie Melanie Hubermann den Empfangs- und Wartebereich nennt, von dem die anderen Räume abgehen. Dort gibt es Sessel zum Zurücklehnen, Spielsachen für die Kinder, der Raum ist gemütlich eingerichtet. Sie möchte, dass ihre Patienten sich wohlfühlen, und freut sich, wenn sie ihr sagen, dass sie sich bereits beim Betreten der Einrichtung entspannen können und die Therapie gewissermaßen im Wohnzimmer anfängt – auch deshalb, weil man meistens andere trifft, die ähnliche Sorgen haben, und man miteinander ins Gespräch kommt.

Geht nicht, gibt es nicht, für jedes Problem gebe es eine Lösung, meint Hubermann. Das sei schließlich das Besondere an Balagan: Verschiedene Therapeuten arbeiten unter einem Dach und tauschen sich im Team aus. »Hier wird niemand mit Stigmata, Diagnosen oder Problemen abgestempelt«, betont die Balagan-Chefin. Die Therapieangebote werden nicht nur nebeneinander, sondern auch kombiniert angeboten. Wenn beispielweise ein Kind mit der Diagnose »hyperaktiv« in die Ergotherapie geht, können zeitgleich die Eltern beraten werden. Und das habe sich in den eineinhalb Jahren, in denen es das Balagan gibt, bewährt.

rezept Auf der Angebotsliste stehen Physio-, Ergo- und integrative Lerntherapie, Psychotherapie, Coaching und Logopädie. 16 Therapeuten gehören mittlerweile dem Team an. Einige Sitzungen werden von allen Kassen übernommen, andere nur von Privatkassen. Es besteht auch die Möglichkeit, sie selbst zu finanzieren.

Neben den Einzelstunden gibt es auch Gruppenarbeit, etwa ein Aufmerksamkeitstraining, ein Programm mit dem Titel »Kinder stärken« und einen Kurs »Eltern-Academy«. Er richte sich an Eltern, die im »alltäglichen Wahnsinn« gelassen bleiben wollen.

Die meisten suchen laut Hubermann Antworten auf Fragen wie: Welche Anforderungen kann mein Kind erfüllen? Wo sind meine Anforderungen an mein Kind zu hoch? Wie gelingt mir ein positiver Umgang mit Schule? Das Programm »Fit fürs Lernen« ist speziell für Schüler der ersten und zweiten Klasse konzipiert.

»Immer wieder bekommen Eltern von Lehrern Lernschwierigkeiten zurückgemeldet. Wir bieten da ein Rezept an, wie die Kinder Spaß am Lernen bekommen können«, sagt Melanie Hubermann, die drei Töchter im Alter von sieben bis 18 Jahren hat. Die gebürtige Hamburgerin lebte mehr als zehn Jahre in Israel, wo sie als Journalistin arbeitete, bevor sie nach Berlin zog.

hebräisch Besonders für Familien aus Israel könne die Situation in Berlin schwierig sein, berichtet die Therapeutin, die selbst fließend Hebräisch spricht. Die Mütter fühlten sich oft allein, seien weit weg von ihren Familien und kennen sich nicht aus. Hinzu komme die sprachliche Unsicherheit – speziell für Gespräche mit Lehrern oft eine Barriere. »Wir wollen die Eltern dort abholen und entlasten«, sagt Hubermann. Daher suchen die Therapeuten gezielt den Kontakt zu Erziehern und Lehrern.

Alle sechs Wochen bietet Balagan zudem Kabbalat Schabbat auf Hebräisch und Englisch an – mit Kerzen, Liedern und Spielen für die ganze Familie. Auch zu den jüdischen Feiertagen laden die Mitarbeiter des Balagan ein. Und ab November soll das Angebot um Hebräisch- und Religionsunterricht für Schüler der ersten bis vierten Klasse erweitert werden. Mitte September wird es dazu einen Info-Elternabend geben.

Das Wort Balagan kommt aus dem Hebräischen und bedeutet so viel wie »sympathisches Chaos«, erklärt Hubermann. »Nur zu viel darf es nicht werden«, sagt sie lachend – damit es einen nicht beherrscht.

Alan Meltzer

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