Köln

Symbol der Hoffnung

Die ehemalige Kreuzkapelle in der Stammheimer Straße in Köln Foto: epd

Köln

Symbol der Hoffnung

Evangelische Kapelle mit NS-belasteter Geschichte wird zur Synagoge

von Ingo Lehnick  19.02.2016 12:01 Uhr

Die Umnutzung von Kirchen ist in Deutschland nichts Besonderes mehr: Kleiner werdende Gemeinden brauchen auch weniger Gotteshäuser und sparen folglich am Gebäudebestand. Dass eine Kirche nicht zu einem Café oder Kulturzentrum umgebaut wird, sondern zur Synagoge, kommt aber selten vor. In Köln wird am Sonntag erstmals auf dem Gebiet der rheinischen Kirche eine Kapelle entwidmet, um als jüdisches Gotteshaus zu dienen. Die Kreuzkapelle im Stadtteil Riehl steht damit für religiöse Toleranz – trotz einer Geschichte, zu der auch Schuld und unsägliches Leid gehören.

Für den Riehler Pfarrer Uwe Rescheleit ist es ein »Riesenglücksfall«, dass die liberale jüdische Gemeinde mit dem programmatischen Namen »Gescher LaMassoret« (Brücke zur Tradition) die Kapelle gemeinsam mit ihrem Dachverband, der Union progressiver Juden in Deutschland, übernehmen will. Die erst 1996 gegründete und heute rund 150 Mitglieder zählende Gemeinde richtete in den Räumen der Kreuzkapelle bereits 2001 einen Synagogenraum ein und feiert dort seither ihre Gottesdienste – auf Einladung der evangelischen Kirchengemeinde.

aufarbeitung Dass die christliche und die jüdisch-liberale Gemeinde in Riehl seit 15 Jahren freundschaftlich verbunden sind, ist alles andere als selbstverständlich. Erst Ende der 90er-Jahre begann die Aufarbeitung eines schwarzen Kapitels in der Geschichte der Kapelle, das sich in die jahrhundertelange Unterdrückung und Verfolgung der Juden in Köln einreiht. Doch die evangelische Kirche habe sich »aufgemacht, das Judentum völlig neu zu entdecken«, sagt der Publizist Günther B. Ginzel, ein Pionier des Dialogs zwischen Christen, Juden und Muslimen, anerkennend.

Das Mitglied von Gescher LaMassoret spielt auch auf den Umgang mit den Protestanten jüdischer Herkunft in der NS-Zeit an, von denen Mitte der 30er-Jahre etwa 900 im Raum Köln lebten. Diese sogenannten Judenchristen hätten damals zwischen den Stühlen gesessen, sagt der Kirchenhistoriker Hans Prolingheuer: »von den Juden als Abtrünnige gehasst, von den Christen als ›Nichtarier‹ verachtet«. Nach den Nürnberger Rassengesetzen von 1935 galten sie trotz ihrer christlichen Taufe als Juden. Ihre Kirchenzugehörigkeit bot ihnen kaum Schutz vor den NS-Schergen.

In der Riehler Kreuzkapelle erhielten sie zeitweise Unterstützung: Dort wurde ein regionaler Abzweig des 1936 gegründeten »Büros Grüber« eingerichtet, das mit Genehmigung der Gestapo unter anderem bei der Emigration half – »Hilfsstelle für Nichtarier« hieß die Einrichtung im Nazi-Jargon. Zumindest einem kleinen Teil der Betroffenen wurde auf diese Weise das Leben gerettet. Doch spätestens als 1942 die massenhafte Deportation von Juden in die Vernichtungslager begann, wurden nur noch »Schlussgottesdienste« für die »nichtarischen« Christen gefeiert.

vernichtung Mit Sakrament und Segen der evangelischen Kirche seien »ganze jüdische Familien, die zu eben dieser Kirche durch Taufe und Lebensgeschichte gehören, zur endgültigen Vernichtung gottesdienstlich verabschiedet« worden, stellt der Kölner Theologe Marten Marquard bitter fest. Die Züge in das Ghetto Theresienstadt und schließlich in die Vernichtungslager der Nazis standen schon bereit, als noch Kinder getauft und bibelkundige Männer ordiniert wurden, um in den Lagern Gottesdienste halten und das Abendmahl austeilen zu können.

Von tragischen und »schier unglaublichen« Handlungen spricht Pfarrer Martin Bock. »Erschreckend daran ist, dass die damaligen politischen Geschehnisse immer auch als Wille Gottes umgedeutet worden sind«, sagt der Leiter der Kölner Melanchton-Akademie, einer Bildungseinrichtung der evangelischen Kirche.

Sein Amtsvorgänger Marquardt sieht im bevorstehenden Verkauf der Kapelle an die liberale jüdische Gemeinde ein historisches Ereignis. Nachdem vor knapp 600 Jahren »mit pietätloser Brutalität die Kölner jüdische Gemeinde auseinandergetrieben« und ihre Synagoge zwangschristianisiert worden sei, schlage die jüdische Gemeinde nun eine neue Brücke über die Gräben der Geschichte. Die »Brücke zur Tradition« werde starke Pfeiler brauchen, um die Lasten der Vergangenheit und das neue Zusammenleben von Juden und Christen zu tragen.

Günther B. Ginzel blickt jedenfalls zuversichtlich in die Zukunft seiner wachsenden jüdischen Gemeinde in der bisherigen Kreuzkapelle, einem ehemaligen Bürgerhaus inmitten einer Häuserzeile. Es solle mit seiner besonderen Geschichte ein Haus der Begegnung sein, sagt Ginzel. »Und es bleibt ein Haus des Gebetes.«

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