Köln

Stillstand ohne die Gemeinde

Kontroverse ums Gedenken: Die israelische Künstlerin Yael Bartana diskutiert mit Kritikern ihrer Schweigeminute. Foto: Alexander Stein

Regenwolken bedecken den Himmel. Das Wasser verleiht dem Roncalliplatz im Süden des Kölner Doms einen leichten Glanz. Er ist nahezu menschenleer. Unter dem Vordach der angrenzenden Philharmonie allerdings warten einige Dutzend Menschen. Sie wollen um 11 Uhr ebenso wie andere Kölner im gesamten Stadtgebiet ihren Alltag zwei Minuten lang unterbrechen und sich an einer Aktion von Yael Bartana beteiligen. Die israelische Multimediakünstlerin hatte für den vergangenen Freitag den »Zwei Minuten Stillstand« angeregt – als »Aufforderung, die Gegenwart zu verändern«. Bartana will eine Debatte anstoßen, »wie aktives Erinnern aussehen sollte«.

Vorbild dieser Aktion ist Jom Haschoa, der Tag, an dem in Israel der Opfer und Widerstandskämpfer der Schoa gedacht wird. Und weil in Israel an Jom Haschoa zwei Minuten lang Sirenen den öffentlichen Raum beschallen, nehmen unter dem Vordach auch 20 Blechbläser Aufstellung und warten ebenfalls bis 11 Uhr.

Das einsetzende Sirenenimitat ist eindrucksvoll. Zwei Minuten lang intoniert die eigens für diese Aktion zusammengebrachte Trompeter- und Posaunistengruppe einen beunruhigend flackernden Ton, jedoch naturgemäß in seiner Reichweite beschränkt. Ursprünglich planten die Veranstalter einen in der ganzen Stadt hörbaren Alarm, erzählt einer der Musiker. Das Ordnungsamt habe dies aber nicht gestattet.

reaktion Bartana sieht den Holocaust »als Anfang einer langfristigen globalen Kettenreaktion«, deren Konsequenzen »von der Gründung des Staates Israel, Flucht und Vertreibung in Europa und im Nahen Osten bis hin zu den NSU-Morden« reichen würden. Sie fordert deshalb eine »breite Debatte, wie aktives Erinnern heute und zukünftig aussehen soll«.

»Zwei Minuten Stillstand«, so der programmatische Name der »kollektiven Performance«, findet aus diesem Grund an verschiedenen Orten der Stadt statt, abseits dieser Hauptveranstaltung auch in der Keupstraße im Stadtteil Mülheim, die 2004 durch das von der Naziterrortruppe »Nationalsozialistischer Untergrund« verübte Nagelbombenattentat überregional bekannt wurde.

Die Debatte beginnt bereits auf dem Roncalliplatz. Zwischen die Stillstehenden haben sich Kritiker gemischt, teils gehüllt in die Flagge des Staates Israel. Sie empören sich über »die Instrumentalisierung des wichtigsten israelischen Gedenktages für die Opfer der Schoa«. Er werde »gegen den Staat Israel« gekehrt.

Belegt sehen sie das unter anderem in dem von den Initiatoren einbezogenen Gedenken an »die palästinensische Nakba«, der »angeblichen Vertreibung der Palästinenser aus Israel«. Die Absicht hinter dieser Veranstaltung sei jedenfalls nicht ein Gedenken an die Opfer des Holocaust, wirft eine Anwesende Yael Bartana während einer hitzigen Debatte unter den Teilnehmern vor. Auch sei, so die Kritik, die Synagogen-Gemeinde Köln nicht ausreichend einbezogen worden. Und entgegen einer Aussage der Stadt biete ein Holocaustgedenken eben nicht die »großartige Gelegenheit eines Gemeinschaftserlebnisses«, ergänzt ein Mann.

Diskussion Auf die meisten Kommentare reagiert Yael Bartana nicht selbst, sondern ihre Mitarbeiterin Galit Eilat, die inoffizielle »Spokeswoman« der Künstlerin. Doch auf deren Versuche, die Diskussion aus dem Regen an die trockene Philharmonie zu verlegen, reagieren die beschirmten Kontrahenten nicht. Unverdrossen kommt Eilat zur Sache: »Der Holocaust gehört niemandem. Weder der Synagoge noch einer Stadt oder einem Staat.« Er sei eine Erfahrung, eine Erinnerung, die man teilen solle, erklärt die Sprecherin mit triefendem Haar. »Wenn Sie sich hieran nicht beteiligen wollen, bitte. Das entscheiden Sie!«

Die Kölner Synagogen-Gemeinde hat eine Beteiligung an den Schweigeminuten grundsätzlich abgelehnt. Der kausale Zusammenhang, in den Yael Bartana die Schoa mit der Besetzung der Gebiete in Israel rücke, sei nicht nachvollziehbar, kommentiert das Vorstandsmitglied der Gemeinde, Abraham Lehrer, die Aktion. »Wir lehnen ab, dass die Schoa für die Besetzung der Gebiete in Israel verantwortlich sein soll.«

Andere Kölner beteiligen sich jedoch an der Aktion. Neben Teilen der Stadtverwaltung, der Universität und einigen Schulen unterstützt auch der 1.FC Köln Bartanas die »kollektive Performance«. Die »Lizenzspieler-Mannschaft« der Geißböcke unterbricht um 11 Uhr ihr Training, »um so der Opfer des Holocaust zu gedenken«. FC-Präsident Werner Spinner sieht den Verein grundsätzlich zwar lieber »politisch neutral«, wolle in diesem Fall aber Flagge zeigen »gegen das Verdrängen des dunkelsten Kapitels unserer Geschichte und zugleich für ein friedliches Zusammenleben in der Gegenwart«.

ÜberlEgungen Damit es nicht nur friedlich, sondern auch sicher abläuft, halten die Kölner Verkehrsbetriebe ihre Fahrzeuge entgegen einer früheren Überlegung nicht an. Die Verantwortlichen hätten eine Unterbrechungen des Schienenverkehrs als zu riskant beurteilt, teilt der Kölner Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD) den Journalisten mit, vor allem wegen der geringen Vorbereitungszeit. Auch er selbst habe erst vor wenigen Wochen von Yael Bartanas Projekt gehört.

An ihrem Konzept gefalle ihm besonders die Eigeninitiative der Mitwirkenden. »Entscheidend ist, dass es nicht von oben angeordnet wird, sondern aus dem eigenen Willen der Bürgerinnen und Bürger kommt«, sagt Roters der Jüdischen Allgemeinen. Ob es nächstes Jahr erneut »Stillstand« geben werde, hänge aber von der Künstlerin ab.

Bartana lässt eine Frage danach offen. Obschon sie Köln wegen der weit zurückreichenden jüdischen Geschichte als geeignet empfindet. Vielleicht aber, ergänzt sie, könne man »Zwei Minuten Stillstand« auch einmal in Berlin realisieren. Konkrete Pläne gebe es derzeit aber nicht.

Genuss

Küche der Kindheit

Die Foodbloggerin Lena Bakman kocht die bucharischen Gerichte ihrer Großmutter

von Alicia Rust  24.04.2026

Porträt der Woche

Der Landeshausmeister

Alexander Reznitchi ist Afghanistan-Veteran, war Sportlehrer und wurde Techniker

von Brigitte Jähnigen  24.04.2026

Kino

Boxen auf Leben und Tod

Im Rahmen der 17. Jüdischen Filmtage zeigte die Kultusgemeinde die Geschichte des Hertzko (Harry) Haft

von Helen Richter  24.04.2026

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« kooperiert mit katholischer »Tagespost«

Ein Zeichen gegen Antisemitismus: »Die Tagespost« legt ihren Abonnenten die »Jüdische Allgemeine« kostenlos bei. Hinter der Aktion steckt unter anderem ein rundes Jubiläum

von Hannah Krewer  23.04.2026

Musik

Jiddisch und Tango

Ein grandioser Abend mit der Allround-Künstlerin Lea Kalisch

von Nora Niemann  23.04.2026

Berlin

Kontrollzentrum für mehr Sicherheit jüdischer Einrichtungen geplant

Eine Rund-um-die-Uhr-Überwachung: Der Zentralrat der Juden hat Pläne, um die Sicherheit jüdischer Einrichtungen zu verstärken. Wie es Sicherheitskräften von Synagogen und Co. eigentlich geht, zeigt eine Umfrage

von Leticia Witte  23.04.2026

Leipzig

Schoa-Überlebender Andrei Moiseenko reist für seinen 100. Geburtstag durch Sachsen

Andrei Iwanowitsch Moiseenko wurde im Alter von 15 Jahren als Zwangsarbeiter nach Leipzig deportiert

 23.04.2026

Jewrovision

Feuerwerk von Talenten

Leipzig feiert ein Comeback, andere Jugendzentren wie Bremen, Hamburg oder Westfalen schließen sich für Auftritte zusammen. Der Countdown zum größten Event für jüdische Jugendliche läuft

von Christine Schmitt  22.04.2026

Programm

Chassidischer Workshop, uralter Blockbuster und eine vergessene Heldin: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 23. April bis zum 30. April

 22.04.2026