Projekttag

Stille Helden

»Mutige Menschen bewegen etwas«: Joachim Gauck mit Schülern. Foto: Gregor Zielke

Anmerkung der Redaktion (2. August 2023):

Als dieser Text von Fabian Wolff in der Jüdischen Allgemeinen erschien, glaubte die Redaktion Wolffs Auskunft, er sei Jude. Inzwischen hat sich Wolffs Behauptung als unwahr herausgestellt.

»Ihr müsst keine Helden sein – ihr müsst nur wissen, dass ihr eine Wahl habt!« Das war die Botschaft, die Bundespräsident Joachim Gauck am Dienstagvormittag rund 300 Berliner Schülerinnen und Schülern mitgeben wollte. Anlässlich des Projekttages »Mutige Menschen bewegen etwas« über den schwedischen Diplomaten Raoul Wallenberg waren 14 Berliner Schulklassen in das FEZ gekommen, um gemeinsam und mit dem Bundespräsidenten über Zivilcourage und Verantwortung zu diskutieren.

Wallenberg wurde als Außensekretär der schwedischen Regierung 1944 nach Budapest gesandt. Seine Mission: Juden zu retten. Durch Schutzpässe und Verstecke - die »schwedischen Häuser« – konnten Zehntausende Juden überleben. Wallenberg selbst wurde im Januar 1945 von sowjetischen Streitkräften verhaftet. Laut russischer Seite starb er offiziell 1947 in einem sowjetischen Gefängnis, endgültig geklärt und belegt ist das aber nicht.

2012 wäre Wallenberg 100 Jahre alt geworden. Daher initiierte die schwedische Regierung das »Wallenberg-Jahr«. Der Projekttag, gemeinsam mit der israelischen Botschaft organisiert, stellt den Abschluss der Veranstaltungsreihe dar.

Demokratie In acht Arbeitsgruppen diskutierten die Schüler über Erinnerung, Mut und stilles Heldentum. Anschließend sprachen acht Schülervertreter mit Bundespräsident Gauck über ihre Erlebnisse und Gedanken. Dabei stellten sie auch provokante Fragen: Was geht uns das heute noch an? Warum wird Zivilcourage in Deutschland nicht gewürdigt? Brauchen wir noch Helden? Gauck hielt die Schüler an, den »Feinden der Demokratie« nicht ihre Angst zu schenken. »Doch auch als Deutsche dürfen wir nicht nur nach rechts sehen.«

Dabei bezog er sich auch auf die eigene Biografie: »Meine Eltern waren Mitläufer. Das hat mich total geärgert.« Auch deswegen seien die zahlreichen Retter heute nicht so im Bewusstsein wie die Mörder: weil die Tätergeneration sich nicht innerlich damit auseinander setzen wollte, dass man sich auch hätte anders entscheiden können.

Neben Wallenberg wurde an diesem Vormittag noch ein weiterer dieser Retter geehrt: Gerhard Kurzbach wurde von der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem zum »Gerechten unter den Völkern« erklärt. Er hatte als Befehlshaber über einen »Heeres-Kraftwerk Park« im polnischen Bochnia 200 Juden, die in seiner Werkstatt angestellt waren, 1941 vor der Deportation gerettet.

Yad Vashem Auch er – ein »Retter in Uniform«, wie es Hilde Müller vom Freundeskreis Yad Vashem e.V. ausdrückte – starb 1945 in sowjetischer Gefangenschaft. Jetzt soll sein Name auf der Ehrenwand im Garten von Yad Vashem stehen. Seine Enkelin Diana Knaute erhielt von Botschafter Yakov Hadas-Handelsman eine Gedenkmedaille.

Einer der 200 damals Geretteten war ebenfalls anwesend. Eigentlich hatte sich Romek Marber geschworen, Deutschland nie zu betreten. Für die Zeremonie machte er eine Ausnahme: »I’ll come for Kurzbach.« Marber, der heute in England lebt, erinnert sich noch an ihn: »Er hat immer sehr viel geflucht, war aber nie gewalttätig. Er war einer der wenigen Deutschen, vor denen ich keine Angst hatte.« Zu Tränen gerührt wandte er sich an die Schülerinnen und Schüler im Publikum: »Wichtig ist nicht, was er getan hat – sondern, dass er es versucht hat.«

Studien

Trauma, Resilienz und Lebenswille: Warum manche Schoa-Überlebende so alt werden

Die Forschung ist einem bemerkenswerten Phänomen auf der Spur: Viele Überlebende des Holocausts werden auffallend alt

 23.01.2026

Justiz

Ehemaliger Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Berlin verurteilt

Das Amtsgericht Tiergarten verurteilte den Angeklagten wegen eines sexuellen Übergriffs und sexueller Nötigung zu 10 Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung

 23.01.2026

TV-Tipp

Doku über Margot Friedländer am Holocaust-Gedenktag - Gegen das Vergessen

Nicht nur für sechs Millionen Juden, sondern für alle unschuldig Ermordeten des Nazi-Regimes wollte Margot Friedländer immer als Überlebende des Holocaust sprechen - zum Beispiel in diesem bewegenden Dokumentarfilm

von Jan Lehr  22.01.2026

Deutschland

»Sie ist ein Teil von mir«

Dritte Generation: Wie gehen Enkelkinder mit den Überlebensgeschichten ihrer Großeltern während der Schoa um?

von Christine Schmitt  22.01.2026

Literatur

Positives Chaos

Die Schriftstellerin Mirna Funk stellte in München ihren neuen Roman »Balagan« über eine Familiengeschichte zwischen Berlin und Tel Aviv vor

von Helen Richter  22.01.2026

Berlin

Die Lehren der »Zöglinge«

Im Begegnungsort Jüdisches Waisenhaus treffen Jugendliche auf die Geschichte von Leslie Baruch Brent

von Sören Kittel  22.01.2026

Programm

Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 22. Januar bis zum 29. Januar

 21.01.2026

Auszeichnung

Großer Kunstpreis Berlin geht 2026 an Meredith Monk

Die sechs Sektionen der Akademie der Künste wechseln sich bei der Vergabe des Großen Kunstpreises Berlin ab. In diesem Jahr ist die Sparte Musik dran. Sie ehrt eine US-amerikanische Sängerin und Komponistin

 21.01.2026

Entscheidung

Noam Bettan startet beim ESC für Israel

Mehrere Länder boykottieren wegen Israels Teilnahme den Eurovision Song Contest 2026. Jetzt wurde entschieden, wer für das Land in diesem Jahr bei dem Musikwettbewerb an den Start geht

von Cindy Riechau  21.01.2026