Porträt

Spuren unterm Make-up

Fühlte sich erst in Berlin frei genug, ihre weibliche Identität offen zu zeigen: Roey Victoria Heifetz Foto: Uwe Steinert

Drei vom Alter geprägte Gesichter. Faltig, von den Höhen und Tälern der Zeit gezeichnet, starren sie den Betrachter mit leeren Blicken an. Die grau-schwarze Farbe lässt sie wie die eisigen Antlitze von Untoten wirken. Das Leben hat tiefe, nicht durch Make-up zu kaschierende Spuren in diesen überlebensgroßen Menschengesichtern hinterlassen.

Sind es Frauen? Sind es Männer? Einzelne Merkmale beider Geschlechter spiegeln sich darin wider. Roey Victoria Heifetz zeichnet ihre Charaktere so, wie sie die Menschen im öffentlichen Raum wahrnimmt: vielschichtig, undurchsichtig, oft mehr Fragen aufwerfend als Antworten gebend, in jedem Fall aber weit entfernt von herkömmlichen Idealbildern.

»Als Künstlerin mit Tusche und Bleistift kann ich mein eigenes Territorium unbeantworteter Fragen darstellen«, sagt Heifetz. »Frau in Rot« hat die Künstlerin ihr Werk genannt, das in ihrem Studio auf dem Areal des ehemaligen Funkhauses in Berlin-Oberschöneweide hängt. Im Frühjahr war das Bild als Teil einer Ausstellung zeitgenössischer Werke von Künstlerinnen in der Kommunalen Galerie in Berlin-Charlottenburg erstmals öffentlich zu sehen.

rollen Als die aus Israel stammende Künstlerin 2013 das erste Mal Bilder in Berlin zeigte, definierte sich Heifetz noch als schwuler Mann. Schon während ihres Kunststudiums in ihrer Heimatstadt Jerusalem stellte sie in ihren Werken immer wieder traditionelle Geschlechterrollen in­frage.

»Über Jahre hinweg empfand ich mich schon in meiner geschlechtlichen Identi­tät unterdrückt«, sagt Heifetz. In Israel habe sie sich ständig sozial kontrolliert und eingeengt gefühlt. Erst als sie 2012 nach Berlin kam, war sie frei genug, ihre weibliche Identität offen zu zeigen. »Das Gefühl, in der großen Stadt fremd zu sein, hat mir in Berlin geholfen, mich als Frau zu identifizieren und als solche auch öffentlich zu zeigen«, sagt die Künstlerin.

Heifetz blieb in Berlin und mietete in Kreuzberg eine Wohnung. Dort lebt sie noch heute – trotz der fast täglichen Anfeindungen, die sie in ihrem Kiez erfährt. »Ich müsste viele Anzeigen schreiben, wenn ich all die Beschimpfungen, die mir nachgerufen werden, strafrechtlich verfolgen wollte«, sagt Heifetz. Der letzte gewalttätige Übergriff liegt erst ein paar Monate zurück: Am U-Bahnhof Kottbusser Tor beschimpfte sie ein Mann als »Tunte« und schubste sie. Heifetz rannte davon. Der Unbekannte verfolgte sie nicht.

»Meiner Einschätzung nach hat die physische Gewalt gegen Transgender-Frauen in Berlin stark zugenommen«, sagt Heifetz. Die schwule Opferberatungsstelle »Maneo« gibt ihr recht. Für 2017 hat das Projekt 801 homo- oder transfeindliche Übergriffe in Berlin verzeichnet – im Vergleich zum Vorjahr ein dramatischer Anstieg. 2016 hatte Maneo 291 Übergriffe gezählt. Und das sind nur die Vorfälle, die überhaupt gemeldet werden.

»Ich habe mir geschworen, mich nie wieder zu verstecken«, sagt Roey Victoria Heifetz. Wenn sie in ihrem Atelierstudio malt, zieht sie sich daher immer besonders weiblich an: High Heels, Röcke und viel Make-up gehören zu ihrer Berufskleidung, sagt Heifetz und lächelt. »Wenn ich in den Spiegel schaue, habe ich oftmals das Gefühl, dass das Äußere mit dem Inneren nicht zusammenpasst. Dieses Gefühl versuche ich, in meinen Bildern deutlich zu machen.«

normen Als Transgender-Künstlerin stellt Heifetz die Untersuchung von Stereotypen und Normen der körperlichen Schönheit in der Transgender-Gemeinschaft in den Mittelpunkt ihrer Arbeiten. »Wenn ich ältere Frauen jenseits der 50 porträtiere, denke ich unweigerlich an ihre Geschichten und daran, dass ihre Schönheit langsam verblasst«, sagt Heifetz mit Blick auf ihr Bild »Frau in Rot«.

Sie habe mit der Zeit geradezu eine Faszination für ältere Frauen entwickelt. Sie selbst ist zwar erst 39 Jahre alt. Da sie sich in ihrem Übergangsprozess vom Mann zur Frau aber von ihrer weiblichen Seite her als Teenager fühlt, sei das Alter eine der sie am meisten umtreibenden Fragen. »Wenn ich ältere Frauen in der Bahn oder im Café beobachte, kann ich mir nicht vergeben, körperlich selbst nie eine junge Frau gewesen zu sein«, sagt Heifetz.

Die Israelin will auch für andere Transgender ein Vorbild sein.
Durch die Darstellungen älterer Frauen kann sich die Künstlerin nicht nur selbst mehr und mehr als Frau identifizieren. In den Gesichtern kanalisieren sich auch ihre eigenen Ängste: vor der Zukunft, vor der Vergänglichkeit und vor dem Tod, mit dem jedes Leben irgendwann einmal unweigerlich endet.

Wenn man Heifetz’ Werke auch als Gesellschaftskritik an geschlechtlichen Rollenbildern und den damit verbundenen Stereotypen liest, ist die Parallele zu ihrer persönlichen Geschichte stets unverkennbar. »Mit meiner Malerei suche ich nach Antworten, was in Zukunft mit mir sein wird, und ob ich mich beispielsweise einer Operation unterziehen möchte oder nicht«, erzählt Heifetz. Sie befinde sich auf einer Reise, die lange noch nicht abgeschlossen ist.

Indem sie Fragen von Identität und äußerer weiblicher Sichtbarkeit in ihrer Malerei verarbeitet, will die Israelin für andere Transgender ein Vorbild sein. »Ich will zeigen, dass man nicht nur als Dragqueen bei Shows auftreten, sondern auch als Künstlerin erfolgreich sein kann«, sagt Heifetz.

videos Mit ihrem neuen Projekt möchte sie von der persönlichen Ebene der Innenschau weg. Heifetz will politischer werden. Die Künstlerin interviewt Transgender-Frauen in Berlin, Los Angeles und Tel Aviv und schneidet diese zu einem Video zusammen. Es soll um Erfahrungen im Alltag zwischen Akzeptanz und Ablehnung gehen.

Im April 2019 wird Heifetz einige ihrer Werke im Museum of Contemporary Art in Houston/Texas ausstellen. Es soll um die Ausschreitungen zwischen Homo- und Transsexuellen und der Polizei vor der New Yorker Szenebar Stonewall Inn im Juni 1969 gehen. Das Ereignis markiert den Beginn der Pride-Bewegung. Auch Heifetz’ Lieblingsbild »Frau in Rot« wird in Houston dabei sein.

Berlin

Gedenken zum ersten Todestag von Margot Friedländer

Zum ersten Todestag von Margot Friedländer gibt es auf dem jüdischen Friedhof eine Gedenkveranstaltung. Berlins Regierender Bürgermeister findet emotionale Worte zum Jahrestag

 10.05.2026

Medien

Kristin Helberg, der Hass auf Israel und der urdeutsche Wunsch nach Entlastung

Ein Kommentar von Jan Fleischhauer

von Jan Fleischhauer  10.05.2026

Gedenken

»Beklemmende Aktualität«

Charlotte Knobloch und Josef Schuster sprachen zum 81. Jahrestag der Befreiung des KZ Dachau

von Vivian Rosen  10.05.2026

Meinung

»Boykottlisten« gegen »Zionisten«? Die 30er-Jahre lassen grüßen

Streit um eine Palästina-Halskette: Was wirklich im Berliner Café »The Barn« passierte, was das Café »Acid« damit zu tun hat und welche Rolle die Lokalpresse spielt

von Ayala Goldmann  08.05.2026

Andenken

Vier Schulen und mehrere Plätze nach Margot Friedländer benannt

Vor einem Jahr - am 9. Mai - starb die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer mit 103 Jahren. Für viele war sie ein Vorbild. Inzwischen tragen immer mehr Schulen, Straßen und Plätze ihren Namen. Eine Übersicht

von Karin Wollschläger  08.05.2026

Meinung

LMU München: Ein Abschiedsbrief an meine geliebte Alma Mater

Ein Liebesbrief aus Enttäuschung an eine Universität, die sich selbst zu verlieren droht

von Guy Katz  08.05.2026

Redaktion

Die Menschen hinter der Jüdischen Allgemeinen

Wer textet und redigiert, gestaltet, illustriert und organisiert heute die Jüdische Allgemeine? 18 Menschen, neun Ressorts – wir stellen uns vor

 07.05.2026

Andenken

Berlin hat jetzt einen Margot-Friedländer-Platz

Bei der Einweihungszeremonie sagt Cornelia Seibeld (CDU), die Präsidentin des Abgeordnetenhauses, die »Herzkammer der Demokratie« habe nun eine neue Adresse

 07.05.2026

Deutschland

»Die Jüdische Allgemeine gehört einfach dazu«

Seit drei Generationen ist die Jüdische Allgemeine ein Kompass für die jüdische Welt. Prominente Leserinnen und Leser erzählen, warum ihnen die Zeitung wichtig ist

 07.05.2026