Porträt der Woche

Sprache als Zuhause

»Durch Sprache und Kultur, davon bin ich überzeugt, lassen sich Brücken bauen«: Michal Zamir (51) aus Berlin Foto: STEPHAN PRAMME

Porträt der Woche

Sprache als Zuhause

Michal Zamir betreibt eine hebräische Privatbibliothek und einen literarischen Salon

von Alicia Rust  22.03.2026 11:31 Uhr

Die Sprache, die Hebräisch sprechende Israelis und Nicht-Israelis miteinander verbindet, bringt uns auch mit einer reichen Kultur in Berührung. Zugleich ist sie Basis einer neuen Identität, die ebenfalls außerhalb Israels entsteht. Im Hebräischen gibt es verschiedene zeitliche Ebenen, und zwar die Sprache der Bibel und des Mittelalters, der Haskala des 18. und 19. Jahrhunderts, die damals einsetzende Renaissance des Hebräischen und natürlich das moderne israelische Hebräisch.

Die meisten meiner Schüler sind erst einmal schockiert, wenn es um die Schrift geht. Dann schauen sie mich mit großen Augen an. Doch schon nach sieben bis zehn Stunden beherrschen viele das hebräische Alphabet. Früher habe ich an der Volkshochschule Pankow unterrichtet und zwei Jahre an der jüdischen Grundschule. Dazu neun Jahre an der israelischen Schule der Botschaft, wo ich Kinder von Diplomaten und dort angestellte Deutsche als Schüler hatte. Seit vielen Jahren unterrichte ich an der Volkshochschule Zehlendorf sowie an der Jüdischen Volkshochschule in der Fasanenstraße.

Als Freiberuflerin gebe ich Einzel- wie Gruppenunterricht. Beides verbinde ich mit meinem zweiten Standbein, denn ich führe eine private Bibliothek für Bücher in hebräischer Sprache, und zwar die »HaSifriya HaIvrit beBerlin« in meiner Berliner Altbauwohnung, die allmählich zu klein dafür wird. Hier habe ich Hunderte von wunderbaren Kinderbüchern und viel Lyrik. Einmal im Monat veranstalte ich einen kulturellen Abend, der ganz im Zeichen der hebräischen Literatur steht.

Durch meine Familie habe ich einen amerikanischen und einen israelischen Pass

Seit dem 7. Oktober 2023, aber auch seit dem von der Regierung initiierten Umbau des Justizwesens ist für mich eine Rückkehr nach Israel, wo ein Großteil meiner Verwandtschaft lebt, in weite Ferne gerückt. »Zuhause« ist ohnehin ein Begriff, mit dem ich wenig anfangen kann. Durch meine Familie habe ich einen amerikanischen und einen israelischen Pass, über meine Großeltern mütterlicherseits wäre es wohl auch möglich, die polnische Staatsbürgerschaft zu erhalten. Aber »Heimat« ist für mich nicht an einen Ort gebunden, ich fühle ich mich vor allem in meiner Sprache zu Hause. Deshalb liebe ich es, anderen Menschen Sprachkenntnisse zu vermitteln. Meine Schüler haben ganz unterschiedliche Gründe, warum sie Hebräisch lernen. Für manche ist es ein politisches Statement. Andere fühlen sich in dieser Sprache ebenfalls »zu Hause«. Manche empfinden eine starke emotionale Verbundenheit.

Als Jugendliche war ich rebellisch und liebte Punkmusik.

Meine Kindheit und frühe Jugend habe ich wie auch meine beiden jüngeren Brüder in Rishon LeZion, einer Stadt rund zehn Kilometer südlich von Tel Aviv, verbracht. Einer von ihnen lebt heute in den USA, der Rest der Familie in Israel. Aufgewachsen bin ich in einem traditionellen Umfeld. Damals fuhren wir im Sommer jeden Schabbat an den Strand oder verbrachten die Wochenenden bei unseren Großeltern, den Eltern meines Vaters, und der Großfamilie. Mit zunehmendem Alter wurden meine Eltern dann religiöser. Ich besuchte die Charles Smith High School for the Arts. Als Jugendliche wurde ich rebellisch und liebte Punkmusik. Auch Kunst war mein ständiger Begleiter.

Später studierte ich an der Hebräischen Universität neben jüdischer und arabischer Philosophie als weiteres Fach Hebräisch. Mein Lehrerzertifikat erhielt ich vom Ono Academic College. Wenn ich an unsere Großfamilie zurückdenke, dann vor allem an die vielen Kinder. An die Tische, die wir vom Wohn- bis ins Esszimmer zusammenstellten, wo mehrere Generationen bei dem fantastischen persischen Essen meiner Großeltern saßen. Mein Vater hatte fünf Geschwister, entsprechend turbulent ging es bei uns zu, zumal sie alle mehrere Kinder hatten. Bei solchen Gelegenheiten wurde aus unserer Wohnung ein richtiges Matratzenlager. Es war eine glückliche Zeit.

Für einige Jahre lebten sie übergangsweise in einer »Stadt aus Zelten«

Mein Vater kommt ursprünglich aus dem Iran. Seine Familie wanderte 1952 nach Israel aus. Er war damals sechs Jahre alt. Für einige Jahre lebten sie übergangsweise in einer »Stadt aus Zelten«, den sogenannten »Ma’abarot«. Das waren Auffanglager, die für jene Juden errichtet wurden, die aus ihren zumeist islamischen Herkunftsländern nach Israel fliehen mussten. Zu Beginn waren die Lebensbedingungen dort sehr hart. Später schafften sie es, sich eine Wohnung zu kaufen.

Die Eltern meiner Mutter stammten noch aus dem Österreich der Habsburger. Mein Großvater Jacob Dressler kam aus Buczacz in Galizien, meine Großmutter Anna Dressler, vormals Klausner, aus Polen. Ich weiß nicht viel über sie, nur dass sie und mein Großvater viele Tragödien erlebt haben. Vor dem Zweiten Weltkrieg war mein Großvater mit einer anderen Frau verheiratet. Meine Großmutter hatte aus erster Ehe einen Sohn, der im Alter von nur einem Jahr von den Nazis ermordet wurde. Einer der fünf Geschwister meines Vaters lebte als Rabbiner in Genua. Mein Großvater war vor Kriegsausbruch mit seiner Frau ebenfalls nach Italien gezogen, doch sie vermisste ihre Familie und kehrte nach Polen zurück. Dann brach der Krieg aus, und sie wurde ermordet, ebenso wie seine Schwestern und sein Vater.

Neulich bin ich mit meinem Hund im Volkspark Wilmersdorf spazieren gegangen, dort waren zehn Bäume mit Hakenkreuzen beschmiert.

Meine Großeltern kannte ich gut, sie lebten später in den USA. Aber über diesen Teil der Familiengeschichte wurde nicht viel gesprochen. Meine Großmutter hatte ihr Kind verloren, sie war in einem Ghetto gewesen, eine Zeit lang hielt sie sich auch versteckt. Glücklicherweise traf sie damals eine alte jüdische Frau, meine Urgroßmutter, die ihr riet, mit nach Italien zu kommen. Sie sagte: »Du musst unbedingt meinen Sohn kennenlernen!« Tatsächlich heirateten meine Großeltern schon bald darauf in Modena und bekamen vier Kinder, zweimal Zwillinge. Meine Mutter war die Älteste, und als sie sechs Jahre alt war, bekam die Familie ein Visum für die Vereinigten Staaten. Sie zogen nach Milwaukee. Der Vater meiner Mutter hatte ein Internierungslager in Süditalien in Ferramonti di Tarsia überlebt.

Natürlich verstehe ich sehr gut, was heute alles passiert. Der wachsende Antisemitismus ist allgegenwärtig. Neulich bin ich mit meinem Hund im Volkspark Wilmersdorf spazieren gegangen, dort waren zehn Bäume mit Hakenkreuzen beschmiert. Glücklicherweise wurden die wieder entfernt. Allerdings bin ich so sehr mit allem anderen beschäftigt. Neben Sprachunterricht und Konversationskursen veranstalte ich auch Events mit Autoren und Lyrikern. Dabei tauschen wir uns über die neuesten israelischen Filme und Bücher ebenso aus wie über aktuelle gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen.

Meine private Hebräische Bücherei betreibe ich mit großer Leidenschaft. Seit 2013 lade ich einmal im Monat in meiner Wohnung zu einer kulturellen Veranstaltung ein. Es ist eine Art Salon. Natürlich bemühe ich mich, vorsichtiger zu sein. Schon vor dem 7. Oktober 2023 gab es immer mal wieder Drohungen, und die Polizei riet uns zu Sicherheitsmaßnahmen. Früher hatten wir ein Schild an der Tür: »Hebräische Bücherei Berlin«. Jetzt steht dort: »Vorsicht vor dem Hund!« Trotz allem, was passiert, weigere ich mich, aus Angst aufzugeben. Inzwischen bitte ich aber die Besucher, sich vor einer Veranstaltung anzumelden.

Meine Freizeit widme ich der Kunst

Obwohl ich keine professionelle Übersetzerin bin, übersetze ich manchmal Gedichte. So haben wir einen hebräisch-deutschen Gedichtband mit dem Titel »Zwischen den Zeilen« veröffentlicht, der Positionen aus weiblicher Perspektive zu den Themen Migration, Gender und dem Leben zwischen Deutschland und Israel thematisiert. Das Projekt war so erfolgreich, dass wir beschlossen, ein Buch daraus zu machen. Meine beste Freundin, die israelische Künstlerin Maya Attoum, die 2022 verstorben ist, hat das Buch illustriert.

Durch Sprache und Kultur, davon bin ich überzeugt, lassen sich Brücken bauen. Meine Freizeit widme ich der Kunst, schreibe manchmal selbst Gedichte und beschäftige mich mit Kalligrafie. Mein größter Wunsch wäre es, einen Ort zu finden, wo wir all diese Aktivitäten in Form einer öffentlichen Einrichtung bündeln könnten, damit es den Menschen möglich wäre, nicht nur einmal im Monat, sondern jeden Tag zu kommen und die vielen Bücher zu lesen, die ich von israelischen Verlagen und durch Privatspenden erhalte. Eine hebräische Bücherei mit Kunst und Café.

Vielleicht finden wir eines Tages ein altes Gebäude, das wieder mit Leben gefüllt werden möchte. Wo Zehntausende von Büchern auf Hebräisch und Deutsch, die nur darauf warten, gelesen zu werden, ein neues Zuhause finden.

Aufgezeichnet von Alicia Rust

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