Ulm

Simche am Weinhof

Viel Prominenz, großes Interesse der Bevölkerung und ein hohes Sicherheitsaufgebot: Den vergangenen Sonntag wird die kleine Ulmer Gemeinde nicht vergessen. »Das ist ein Datum, das man sich merken muss«, sagt Shneur Trebnik anlässlich der Eröffnung der Synagoge am Weinhof. Mit rauer Stimme erinnert der Ulmer Rabbiner an den Mai 2000, als er mit seiner kleinen Familie aus Israel ins Schwabenland gekommen war. Damals hatte er »kaum eine Hoffnung, einen Minjan zusammenzubekommen«. Heute kommen zum Schabbat 50 Leute zum Gebet, feiertags seien es 200.

Auch die Gäste, unter ihnen Bundespräsident Joachim Gauck, der Präsident des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann, Winfried Kretschmann (Grüne), Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg, und Yakov Hadas-Handelsman, Botschafter des Staates Israel, bekunden dem religiösen Pionier herzlichen Beifall.

einheitsgemeinde Die Ulmer Synagoge (Kosten: 4,6 Millionen Euro), erbaut nach den Plänen der Kölner Architektin Susanne Gross, beherbergt einen Gebetsraum, einen Gemeindesaal, einen Jugendraum, eine Bibliothek, einen Kindergarten sowie eine Mikwe.

Der 17 Meter hohe Kubus, der sich in seiner Schlichtheit harmonisch in das Stadtbild der neuen Mitte Ulms einfügt, gehört zur Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg, in Stuttgart (IRGW), wird vorwiegend von der Ulmer Gemeinde genutzt. Mit Blick auf die Streitigkeiten innerhalb der IRGW, die in der Diskussion zum Synagogen-Neubau die Gemüter aufheizten, bekennt sich Rabbiner Trebnik zur Einheitsgemeinde: »Wir sollten eine große Familie sein und bleiben.«

Erwartungsvoll ist die Stimmung am Weinhof schon vor der offiziellen Eröffnung der neuen Synagoge. Von hier aus werden unter der Chuppa die Torarollen durch die Stadt getragen werden. Das Münster ist erleuchtet, auf dem Weihnachtsmarkt stimmen sich Besucher auf den Advent ein. Während sich die Männer in der unübersehbar orthodoxen Garderobe schon mal einsingen und -klatschen, verteilen die Frauen Fahnen und Fackeln an die Kinder. Zaungäste schauen aus den Fenstern der umliegenden Häuser.

Alltag Sebastian H. (Name geändert) ist mit seinen Freunden gekommen, um »an diesem Ereignis« teilzunehmen. »Ich bin praktizierender Katholik, im Alltag haben wir ja nichts miteinander zu tun, aber das ist auch für uns ein besonderer Tag«, sagt der Ulmer bewegt.

Keine Gehminute von ihm entfernt, stützt sich Gerald Moos auf den Arm seiner Frau Carol. Als 16-Jähriger wurde er von den Nazis für drei Wochen nach Dachau gebracht, später konnte er in die USA emigrieren. Nun sei er von der Stadt Ulm eingeladen worden, um an der Eröffnung der Synagoge teilzunehmen. Auch seine Schwester Gabriele sei mitgekommen. Als Kind war sie mit dem Kindertransport in Sicherheit gebracht worden.

Je länger Gerald Moos spricht und je mehr sein flüssiges Deutsch eine schwäbische Färbung bekommt, wird deutlich: Hier schließt sich ein Kreis. Überwältigt sagt Moos, der sich seit seiner Emigration Moss nennt, weil seine amerikanische Frau Moos wie »Mus« aussprach, immer wieder: »Ich fasse es nicht« und »Dass ich das noch erleben kann«.

Inzwischen hat sich der Festzug mit den Torarollen in Bewegung gesetzt. Viele Rabbiner der Bewegung Chabad Lubawitsch, zu der auch der Ulmer Gemeinderabbiner gehört, sind mit ihren Familien gekommen, um diesen Tag zu feiern.

Festzug Dass es nicht nur zwei, sondern drei Torarollen sind, die die Männer singend und tanzend unter der Chuppa tragen, verdankt die Gemeinde Familie Widerker junior aus Stuttgart. Den Toraschrein stiftete Familie Strauss aus Israel, deren Vater einst vor den Nazis aus Ulm floh. Auch weitere Förderer inklusive Förderverein unterstützten den Bau der Synagoge.

Vor dem prächtigen historischen Rathaus stockt der Umzug. Immer schneller und immer fröhlicher werden die Gesänge, aber auch immer mehr Menschen umarmen sich und haben Tränen in den Augen. »Es ist gut für Ulm, dass wir wieder eine Synagoge haben«, sagt eine junge Frau.

»Das hätte vor Jahrzehnten niemand für möglich gehalten«, betont Kretschmann beim Festakt in der Synagoge. »Wir sind heute hier, damit jüdisches Leben nie mehr im Stich gelassen wird«, verspricht der Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg. Der religiöse Imperativ habe für viele Menschen keine Relevanz mehr. Beifall bekommt Kretschmann, als er bekennt: »Wir sind ein säkularer, aber kein laizistischer Staat«, und dabei solle es auch bleiben.

Vertrauen »Was für ein schöner Tag für uns Juden ist das heute«, freut sich auch Dieter Graumann. Die neue Synagoge sei ein in Stein gehauenes Zeichen des Vertrauens in die Zukunft, so der Zentralratspräsident. Trotz aller Freude über das neue Ulmer Gotteshaus fragt Graumann angesichts des aktuellen Antisemitismus, wo denn die christlich-jüdischen Wurzeln geblieben seien. Dass das heutige Judentum als modernes Judentum »flirrend und temperamentvoll« gelebt werden müsse, davon ist der Präsident »noch nie so überzeugt gewesen wie hier an diesem Sonntag an diesem wunderschönen Ort«.

»Jüdisches Leben ist zu uns zurückgekehrt«, freut sich auch Ivo Gönner. Der Ulmer Gemeinderat habe den Neubau vorbehaltlos unterstützt, so der Oberbürgermeister. Gönner erinnert an die Wurzeln jüdischen Lebens in der Stadt an der Donau und dass Juden zu allen Gremien und Vereinen gehört hätten, dass im Jahr 1499 jedoch die Geschichte der Juden erst einmal geendet habe. »Heute ist diese Synagoge wie die Kirchen und die Moscheen in unserer Stadt ein Spiegelbild religiösen Lebens. Auf diese Vielfalt sind wir stolz, vor einigen Wochen haben wir auch den Ulmer Rat der Religionen gegründet«, sagt Gönner.

Dunkel ist es geworden, die Reden sind gehalten, Bundespräsident Joachim Gauck trägt sich ins Gästebuch der IRGW und das Goldene Buch der Stadt Ulm ein. Die Kinder der Gemeinde sind müde geworden, die Kleineren schlafen im Kinderwagen, die Größeren wollen jetzt endlich das Innere der Synagoge sehen, deren Tür in ihrer Himmelsrichtung nach Jerusalem zeigt. 600 einzelne Scheiben bilden das »Jerusalem-Fenster«. Es öffnet den Raum zur Stadt und schenkt den Betenden Licht. Jetzt zieht Alltag in die Gemeinde ein.

Am Sonntag, 16. Dezember, ist die Synagoge am Weinhof von 11 bis 14 Uhr für alle geöffnet. Das Ulmer Museum, Am Marktplatz 9, zeigt noch bis 20. Mai 2013 die Ausstellung »5773. Eine neue Synagoge für Ulm«

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