Protest

»Sie relativieren die Schuld«

Eine Verhöhnung der Opfer: Haredim demonstrierten in ehemaliger jüdischer Häftlingskleidung. Foto: Flash 90

Die Auseinandersetzungen der vergangenen Monate in Israel um die Diskriminierung von Frauen, die Geschlechtertrennung im öffentlichen Raum und den Missbrauch von Symbolen der Judenverfolgung durch die Nazis bei Demonstrationen von ultraorthodoxen Juden in Israel haben im Frankfurter »Treffpunkt« für Überlebende der Shoah zu heftigen Diskussionen geführt. Als Ergebnis formulierten sie einen offenen Protestbrief an den Botschafter des Staates Israel:

»Wir sind jüdische Überlebende der nationalsozialistischen Judenvernichtung, die seit fast zehn Jahren wöchentlich im Frankfurter ›Treffpunkt für Überlebende der Shoah‹ zusammenkommen. Während der Zeit der Verfolgung erlebten wir Schikane, Diskriminierung und Deportation. Wir überlebten Konzentrationslager, Ghettos oder im Versteck. Die meisten von uns hatten Häftlingskleidung zu tragen und ›Judensterne‹. Wir durften nicht mit der Straßenbahn fahren. Und wir mussten den Gehweg räumen, wenn uns ›Herrenmenschen‹ begegneten.

Empörung Vor diesem Hintergrund ist in uns eine große Empörung entstanden zu erfahren, was sich insbesondere in den letzten Monaten und Jahren in Israel zugetragen hat und noch heute geschieht. Wir können nicht akzeptieren, dass eine Minderheit von fanatischen ultraorthodoxen Juden der allgemeinen Bevölkerung ihre Vorstellungen davon aufzuzwingen versuchen, wie man ›richtig‹ zu leben hat.

Es ist für uns unerträglich, wenn Menschenrechte verletzt werden, wenn die Gleichberechtigung von Männern und Frauen verweigert wird. Es ist unerträglich uns vorzustellen, dass Frauen in einem demokratischen Staat im 21. Jahrhundert in militanter Weise aufgefordert werden, in Bussen hinten zu sitzen, bestimmte Gehsteige oder Kassen in Supermärkten zu benutzen, dass Kinder und Frauen angespuckt und bedroht werden, weil sie ›unzüchtig‹ gekleidet seien.

Missbrauch Aufs schärfste aber verurteilen wir den Missbrauch der Erinnerung an die Shoah. Einige ultraorthodoxe Juden trugen bei ihren Demonstrationen gestreifte Kleidung, welche KZ-Bekleidung darstellen sollte. Kinder trugen ›Judensterne‹ und ›ergaben sich‹ symbolisch, als wären sie in Gefahr, gefangen genommen zu werden.

Diejenigen, die sich so ignorant und rückwärtsgewandt gebärden, relativieren die Schuld der Nazis, wenn sie sich als heutige Verfolgungsopfer darstellen, wenn sie das Verhalten der israelischen Behörden und Polizei mit der Nazi-Verfolgung der Juden gleichsetzen.

Gerade für uns Überlebende, die am eigenen Leibe erfahren haben, was die Nazis mit den Menschen anstellten, die sie verfolgten und ermordeten, ist dies in keiner Weise hinzunehmen. Gerade auch deshalb fühlen wir uns aufgefordert, uns öffentlich zu Wort zu melden. Wir unterstützen den Protest und Widerstand gegen diese Auswüchse extremistischer Fanatiker.«

info@treffpunkt-ffm.de

Hamburg

Ruine mit Herz

Einst das Zuhause des Reformjudentums, stand der Israelitische Tempel kurz vor dem Verfall. Eine Bürgerinitiative und die Stadt wollen den historischen Ort nun neu beleben. Ein Besuch im Hinterhof

von Heike Linde-Lembke  02.08.2026

Geschichte

Die Pension in Mumbai

Ellie und Max Lesser aus Dresden waren nur zwei von vielen sächsischen Juden, die vor den Nazis Sicherheit in Indien suchten. Deren tragische Geschichte recherchierte die Journalistin Iris Völlnagel

von Thyra Veyder-Malberg  02.08.2026

Programm

Kultursommer, Führungen und Einstein vs. Hawking: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 31. Juli bis zum 6. August

 02.08.2026

Porträt der Woche

Mehr als ein Beruf

Valerie Vorkul ist Sozialarbeiterin – und jüdischer, als sie lange Zeit annahm

von Leon Stork  02.08.2026

Bundeswehr

Anerkennung für eine Zeitzeugin

Verteidigungsminister Boris Pistorius würdigte IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch mit dem Ehrenkreuz

von Luis Gruhler  01.08.2026

Berlin

Antisemitismus ohne Scham

Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Kahal Adass Jisroel in Berlin-Mitte wurde nach eigenen Angaben auf der Straße mit dem Tode bedroht

von André Anchuelo  30.07.2026 Aktualisiert

Thüringen

Das Erbe der Simsons

Beim jährlichen Moped-Treffen in Suhl feiern Zehntausende den »Sound des Ostens«. Doch hinter der Kultmarke steht die Geschichte einer von den Nazis vertriebenen jüdischen Unternehmerfamilie

von Helmut Kuhn  30.07.2026

Fußball

Rot-Weiß verbindet

Vergangene Woche gründete sich mit den »FCB Chaverim« der deutschlandweit erste jüdische Fanklub des FC Bayern München

von Luis Gruhler  30.07.2026

Erinnerung

Für immer

Manchmal sind es die kleinen Dinge, von denen wir uns nie trennen würden. Wir haben Gemeindemitglieder gefragt, welche Gegenstände ihnen viel bedeuten

von Christine Schmitt  30.07.2026