Laut Berichten der Jewish Claims Conference gibt es aktuell noch rund 10.700 Schoa-Überlebende in Deutschland. Viele haben einen guten Kontakt zu ihren Enkeln – die ebenso wie die Kinder mit ihrem Schicksal aufwachsen, ihr Schweigen und ihren Verlust kennen. Und auch erleben, dass sie ihre Trauer teilen. Doch wie gehen Enkelinnen und Enkel damit um? Wir haben einige von ihnen gefragt.
Celina Avidan (28), Israel, über Eva Szepesi (93), Frankfurt
Vokabeln oder Telefonnummern konnte ich mir nie auf den Arm schreiben, wie es meine Mitschülerinnen gemacht haben. Wenn ich einen Klub besuchte, konnte ich keinen Stempel auf meinem Arm ertragen. Als kleines Mädchen habe ich meine Großmutter gefragt, was die Tätowierung auf ihrem Arm bedeutet. Da antwortete sie, dass das böse Männer gemacht hätten. Ich merkte, dass es etwas Schlimmes ist.
Zu meiner Oma habe ich ein sehr gutes Verhältnis. Ich bin mit ihr groß geworden, denn sie wohnte gleich nebenan. Bereits zum Studium habe ich Frankfurt verlassen, und nun lebe ich seit einigen Jahren in Israel. Aber mindestens einmal die Woche telefoniere ich mit ihr, und zu meiner Hochzeit kam sie auch nach Israel.
Mit ihrer Schoa-Geschichte bin ich aufgewachsen. Es ist ein Teil von mir und meiner Familie. 50 Jahre lang hat meine Oma über ihr Überleben im KZ geschwiegen. Erst als sie zur Gedenkfeier nach Auschwitz eingeladen wurde, fing sie an, über ihre Vergangenheit zu sprechen. Damals begleiteten meine Mutter und meine Tante sie. Es war für sie das erste Mal, dass sie die Geschichte von ihrer Mutter hörten. Für mich als Enkelin ist das ein bisschen anders, weil ich schon mit ihr aufgewachsen bin.
Als 15-jährige Schülerin besuchte ich Auschwitz und habe mich zum ersten Mal intensiv mit dem Schicksal meiner Großmutter auseinandergesetzt und auch ihr Buch gelesen. Mittlerweile kenne ich ihre Geschichte sehr, sehr gut. Sie tut weh. Sehr weh.
Beim »March of the Living« in Auschwitz erlebte ich eine emotionale Achterbahnfahrt. Es war sehr schwer für mich. Man läuft gemeinsam mit Tausenden von Menschen von Auschwitz nach Birkenau und singt Lieder. Ja, wir sind hier, wir leben.
Nach diesem Marsch bin ich total zusammengebrochen. Emotional, ich wusste, hier wurden meine Urgroßmutter und der Onkel meiner Mutter ermordet – und auch meine Oma war hier. Plötzlich hatte ich ganz viele Fragen. Ich habe sie gebeten, dort noch einmal hinzufahren. Erst wollte sie nicht, dann änderte sie ihre Meinung. Als Familie fuhren wir nach Auschwitz – es war ein sehr bewegender Ausflug. Es gibt dort ein Buch, in dem alle Namen der Opfer stehen. Zufällig fand ich den Namen der Mutter meiner Großmutter. Das verbindet uns sehr. Seitdem kann sie trauern. Früher hatte sie die Bilder ihrer Eltern in Schubladen aufbewahrt, aber nun stehen sie auf ihrem Schreibtisch.
Camille Hubermann (15), Berlin
Ich bin traurig, dass ich so viele Familienmitglieder nicht kennenlernen durfte. Es prägt immer noch mein Dasein. Als Mensch und in meiner Identität fühle ich mich dennoch gestärkt. Ich erinnere mich noch gut an den Moment, als wir die Schoa in der Schule durchnahmen. Ich fand es schockierend, dass meine Familie in so einem hohen Maße vom Holocaust betroffen war. Als mein Großvater Bolek eines Tages von der Arbeit nach Hause kam, waren alle weg. Vater, Mutter, Großeltern, Geschwister – einfach weg. Sie wurden in Sobibor vergast. Ganz allein hatte sich mein Opa den Partisanen angeschlossen und konnte in den Wäldern überleben. Damals war er um die 14 Jahre alt, etwas jünger als ich heute. Später emigrierte er nach Israel und lernte dort meine wesentlich jüngere Oma kennen und lieben – und er fand einen Bruder wieder. Meine Oma war als Baby ins damalige Palästina gekommen. Meine Großeltern, die später nach Deutschland zogen, mochten nicht viel über diese Zeit sprechen, wurde mir gesagt. Ich habe meinen Opa leider nicht mehr kennengelernt, denn er verstarb vor meiner Geburt.
Mein Vater war sehr eng mit meinem Großvater verbunden. An seinem Geburtstag und Todestag zünden wir immer eine Kerze an und denken an ihn. Er soll lebensfroh und liebevoll gewesen sein. Meine Großeltern mochten zwar nicht viel über diese Jahre sprechen, aber mit meinen Geschwistern und Eltern reden wir immer offen über alles. Von dem Schicksal meines Opas erfuhr ich, als ich etwa sechs Jahre alt war. Glücklicherweise ist meine Familie mütterlicherseits sehr groß. Sie stammt aus dem Iran und floh aufgrund der politischen Lage vor Jahrzehnten nach Deutschland, Israel und in die USA. Mit meinen Cousins und Cousinen bin ich in engem Kontakt. Die Verwandten meines Opas fehlen.
Miriam Marhöfer (45), Mannheim
Meine Großmutter sel. A. hat sehr darunter gelitten, dass ihr Vater kein eigenes Grab bekommen hat. Er wurde nach dem Einmarsch der Deutschen in Polen bei einer Massenerschießung ermordet. Die Trauer über den Tod ihres Vaters hat sie ihr Leben lang begleitet. Zuvor war sie mit ihrer Mutter und ihren Schwestern rechtzeitig ins damalige Palästina geflüchtet. Mein Opa sel. A. ist in Kaiserslautern groß geworden und war ein richtiger Urpfälzer. Seine Mutter, also meine Urgroßmutter, hat vor dem Krieg Hitlers Mein Kampf gelesen und gesagt: »Wenn jemand so ein Buch schreibt, dann kann nichts Gutes für uns kommen.« Meine Uroma war eine starke Person. Ihretwegen ist die Familie schon 1936 ins damalige Palästina emigriert.
An meine Großeltern erinnere ich mich oft und sehr gern, wir waren uns sehr nah. Sie lernten sich in Palästina kennen und heirateten dort. Ihre Tochter, meine Mutter, war drei Jahre alt, als sich meine Großeltern entschlossen, nach Deutschland zurückzukehren. Mein Opa vermisste seine Heimat, für meine Oma war Deutschland das Land der Täter. Zurück in Kaiserslautern haben sie die Jüdische Gemeinde Kaiserslautern wiederaufgebaut. Meine Großeltern und meine Eltern sind für mich Vorbilder, denn sie brachten sich immer ehrenamtlich in der jüdischen Gemeinschaft ein. Auch ich engagiere mich ehrenamtlich, beispielsweise beim Zentralratsprojekt »Meet a Jew«. Bei den Begegnungen berichte ich oft, welche Ängste die Anschläge auf die Flüchtlingsunterkünfte in Mölln und Solingen in den 90er-Jahren bei uns auslösten.
Als Kind habe ich mitbekommen, wie meine Eltern und Großeltern zusammensaßen und überlegten, ob es Zeit wäre zu gehen, ob sie Koffer packen und auswandern sollten. Diese Situation und der fortwährende Antisemitismus haben meine Familie und mich von jeher begleitet. Hier ist unsere Heimat, aber irgendwie sind wir doch nicht so ganz da.
Deutschland ist mein Zuhause. Die Schwierigkeit ist, dass andere das nicht immer akzeptieren und es mir dadurch etwas schwer machen. Seit dem 7. Oktober 2023 haben die Gedanken rund um das Thema Auswanderung immens zugenommen. Auch wegen der AfD. Da komme ich schon ins Grübeln, ob das hier der richtige Ort ist, ob man hier eine Zukunft hat. Bin ich hier sicher? Möchte ich mich diesen Gefahren täglich aussetzen? Verpasse ich den Kipppunkt?
Später haben meine Großeltern im Winter in Israel gelebt, im Sommer hier. Deshalb ist Israel auch mein zweites Zuhause. Ihre Entscheidung, nach Kaiserslautern zurückzugehen, können wir nicht mehr rückgängig machen. Ich glaube, ich hätte es anders entschieden.
Simon Wallfisch (43), Berlin, über Anita Lasker-Wallfisch (100), London
Es liegt auch am Cello, das wir beide spielen, dass ich von klein auf mit ihr sehr verbunden bin. Als 20-Jähriger war ich Mitglied im English Chamber Orchestra, das sie 1948 mitgegründet hat. Ich musizierte mit ihren ehemaligen Kolleginnen und Kollegen und erkannte ihre Handschrift von früher in den Noten. Als ich studiert habe, hat sie mir sehr geholfen. Sie hat mich sehr oft unterrichtet und mir viele Tipps gegeben.
Meine Großmutter hat im Mädchenorchester von Auschwitz gespielt und Bergen-Belsen überlebt. Als Kind war ich immer sehr interessiert an ihrer Geschichte und stellte ihr viele Fragen. Wie viele, die überlebt haben, war auch sie in der Nachkriegszeit enttäuscht, dass sich damals kaum jemand für ihre Geschichte interessierte. Sie und ihre Schwester Renate, die auch in Auschwitz und Belsen war, hatten gedacht, alle würden sich für ihre Geschichte interessieren, und sie könnten so die Welt verändern. Aber da war ein langes Schweigen. Und dann? Viele Überlebende haben einfach innegehalten, waren stumm. Meine Oma wollte nicht mit ihren Kindern über ihre Erlebnisse sprechen. Mit ihren Enkeln fiel es ihr leichter.
Als sie mit über 80 Jahren das Cellospiel aufgab, schlug sie ein neues Kapitel auf: ihr Überleben während der Schoa. Sie war sehr engagiert, hat ein Buch geschrieben und viele Interviews gegeben. Sie sprach häufig öffentlich als Zeitzeugin. Das war ihre Mission. Oft habe ich sie begleitet. Es waren immer sehr positive, herzliche Begegnungen.
Am 25. April, dem Tag der Befreiung von Belsen, haben sich alle noch lebenden Frauen aus dem Orchester angerufen, um einander »Happy Birthday« zu wünschen.
Für mich war es normal, dass sie Besuch von alten Menschen bekam, die eine Nummer auf dem Arm haben. Der Verlust ihrer Eltern und Verwandten und ihre Erlebnisse im KZ haben sie stets begleitet. Aber ihr Credo lautet: »Ich gönne mir nicht den Luxus von Gefühlen.«
Als ich früher beispielsweise mehr über ihre Eltern wissen wollte, antwortete sie sehr sachlich und sagte rasch, dass es nun genug sei. Dann war das Gespräch zu Ende. Doch jetzt beobachte ich, dass sie sehr zart über ihre Eltern sprechen kann. »My parents were so beautiful«, sagte sie jüngst. Es hat mich wirklich zum Weinen gebracht.
Ich habe für mich einen Weg gefunden, mit der Biografie meiner Familie umzugehen: Als Sänger gebe ich Konzerte mit der Musik, die zum Beispiel im Ghetto Theresienstadt geschrieben wurde, beispielsweise am Holocaust Memorial Day in der Wigmore Hall in London.
Aufgezeichnet und zusammengestellt von Christine Schmitt