Erinnerung

»Sie hätten so berühmt sein können!«

Simon Wallfisch will in der Schoa ermordete und heute vergessene Komponisten ins Bewusstsein bringen

von Blanka Weber  27.01.2019 13:04 Uhr

Das Erbe der Schoa prägt Simon Wallfisch seit frühester Kindheit. Heute widmet er sich der Musik jüdischer Künstler. Foto: dpa

Simon Wallfisch will in der Schoa ermordete und heute vergessene Komponisten ins Bewusstsein bringen

von Blanka Weber  27.01.2019 13:04 Uhr

Es ist Wochenende, und Simon Wallfisch radelt durch Osnabrück. »Ich bin zum ersten Mal hier, sogar mit meiner Familie«, sagt der Musiker. Auch das Fahrrad hat er aus Großbritannien mitgebracht, wo er geboren wurde und bis heute auch zu Hause ist. Zehn Tage lang beteiligt sich Simon Wallfisch am »Labor Europa« an der Hochschule Osnabrück, einer europäischen Jugendbegegnung mit Debatten‐Workshops, bei denen es um historisches Erbe, europäische Wurzeln, Werte und die Frage geht: Welche Voraussetzungen braucht künftig der Frieden? Simon Wallfisch diskutiert mit 20 Jugendlichen aus 13 Nationen, darunter aus Südkorea, China und den USA.

Der Ort könnte passender nicht sein, denn Osnabrück ist neben Münster eine Stätte des Westfälischen Friedens, wo 1648 nach etlichen Verhandlungsmonaten das Ende des Dreißigjährigen Krieges besiegelt wurde. Rund 370 Jahre später richten die dritte und vierte Generation der nach der Schoa Geborenen ihren Blick auf den kriselnden Kontinent mit seinen historischen und globalen Erschütterungen. Die Sprache im Workshop von Simon Wallfisch ist die Musik, jene Musik, die er mit seinen familiären Wurzeln aufgesogen hat. Der 37‐Jährige ist Sänger, Dirigent und Cellist wie sein Vater Raphael, ein berühmter Solomusiker, und wie seine Großmutter Anita Lasker‐Wallfisch, die den Holocaust dank des Cellos überlebte – in Auschwitz war sie Mitglied des Mädchenorchesters unter der Leitung von Alma Rosé.

Erbe Die Workshops stehen unter dem Motto »Sharing Heritage«, Erbe teilen – ein Thema, das Simon Wallfisch seit frühester Kindheit bewegt und prägt. Mit der renommierten Mezzosopranistin Ruth Frenk aus Konstanz leitet er das Labor zum Thema »Musik: Memory Culture – Songs from Theresienstadt«. Keine leichte Kost. Aber das erwartet hier auch niemand. Wallfisch und Frenk sitzen zehn Sänger und zehn Instrumentalisten gegenüber. Die beiden Kursleiter teilen Noten aus, diskutieren über Kompositionen, beleuchten Biografien und die Schicksale von Viktor Ullmann, Pavel Haas, Gideon Klein, Hans Krása und Ilse Weber – Komponisten und Musiker, die in der Schoa ermordet wurden.

»Meine Großmutter und ich sprechen viel über das Thema.« Simon Wallfisch

»Ich will, dass wir den Blick weiten, dass wir jungen Leuten Geschichte auf diese Art nahebringen und die Musik auf unsere heutige Situation übertragen. Es ist fantastische Musik, die man kennenlernen kann«, sagt Simon Wallfisch. Ihm geht es um die Schönheit der Musik, die Vielfalt des Klangs und die Tragik der Vergessenen. »Es war die nächste Generation, und sie hätten so berühmt sein können wie ein Beethoven, ein Mahler! Komponisten, die einst Janácek und Schönberg begegnet sind.« Simon Wallfisch wird nachdenklich bei diesen Sätzen. »Es ist für mich Herausforderung und Mission, Repertoire, das von den Nazis als ›entartet‹ bezeichnet worden ist, in unser gemeinsames Bewusstsein zurückzubringen.«

anliegen Mit diesem Anliegen ist er als Künstler nicht allein, doch aufgrund seiner Biografie ist sein Blick besonders geschärft. Sein Leitsatz: »Wir sollten ihre Musik bewusst hören. Denn sie gilt noch immer als etwas Besonderes und Trauriges. Ich aber möchte, dass man in einem normalen Konzert neben Beethoven und Mahler auch eine Ullmann‐Sinfonie hören kann.« Er verweist auf die Menge an Kompositionen und Texten – Lieder wie auch Kabarett –, entstanden und gespielt vor mehr als 70 Jahren in Theresienstadt.

Simon Wallfisch stört, dass viele Komponisten ausschließlich in diesem Kontext erwähnt werden, »aber es bedeutet nicht, dass wir Ullmann ausschließlich mit Tränen in den Augen hören müssen. Er war einer der größten Komponisten in unserer Zeit. Wir betrachten ihn nur, wenn wir an Theresienstadt erinnern.«

Schon als Jugendlicher hat Simon Wallfisch in der Schule Deutsch gelernt. Seine Großmutter Anita, die als Kind in Breslau aufwuchs, unterstützte ihn und half bei den Hausaufgaben. Auch musikalisch tauschen sich beide bis heute aus. Für die dritte Generation sei es einfacher, zu fragen und Antworten zu bekommen, vermutet Simon Wallfisch. »Meine Großmutter und ich, wir sprechen sehr viel über das Thema, über die Musik, die in Lagern entstanden ist«, sagt er. Dennoch hat der Enkel für sich einen eigenen Weg definiert.

Gedenktag Simon Wallfisch studierte am Royal College of Music in London. Er hat ein Diplom als Cellist und eines als Sänger. Dann kam er nach Deutschland, um in Berlin an der Hochschule für Musik »Hanns Eisler« Sprache und Gesang zu verfeinern, er studierte in Leipzig und fügte seinen Abschlüssen einen weiteren hinzu. Es folgte eine Station in Zürich als Mitglied des Internationalen Opernstudios.

Wallfisch arbeitete und lernte, besuchte Meisterkurse und wurde selbst eingeladen, unter anderem nach Jerusalem an die Academy of Music and Dance. »Irgendwann fragte man mich, ob ich für einen Holocaust‐Gedenktag ein Repertoire zusammenstellen könnte.« Es war der entscheidende Punkt in seinem Leben, an dem Simon Wallfisch beschloss, jenen ehemals verfemten und lange Zeit vergessenen Musikern seine Kraft und seine Zeit zu widmen.

2018 erschien dazu seine dritte CD, gemeinsam mit dem Pianisten Edward Rushton (Gesänge des Orients, Nimbus Records) mit Musik von Hans Gál, Egon Wellesz, Gottfried von Einem, Viktor Ullmann und Pavel Haas. Auch Lieder von Richard Strauss sind zu hören, denn es sollte keine CD sein, die ausschließlich als Erinnerung an verfemte Musiker zu verstehen ist. Simon Wallfisch hat einen anderen Ansatz. »Wir verpassen es sonst, die Qualitäten, die Feinheiten, die musikalischen Ahnenreihen dieser Künstlerindividuen wahrzunehmen, und uns entgeht, welche kulturellen Einflüsse ihre Arbeit vereint«, meint er. Zum Beispiel die Faszination der Künstler Anfang des 20. Jahrhunderts für chinesische und persische Poesie. Wallfisch will die vergessenen Komponisten bewusst in eine Reihe mit den namhaften Kollegen stellen – um sie »in das musikalische Bewusstsein zurückzuholen«.

brundibar Lieder aus dem Repertoire dieser Künstler übt er auch mit den jungen Musikern im »Labor Europa« ein. Aus welcher Kultur, Religion oder Sprache jemand kommt, spielt keine Rolle. Er lächelt und erzählt von einer Probe: »Gestern hat uns beim Übersetzen eine Flötistin aus Montenegro helfen können. Sie spricht Chinesisch, weil sie in Asien studiert und unser Gast aus China noch nicht so gut Englisch versteht.« Auch das ist »Labor Europa«.

»Auf der einen Seite geht es um Musik«, sagt Sascha Wienhausen, der das Institut für Musik an der Hochschule in Osnabrück leitet. »Es gibt einen riesigen Missing Link.« Viele Schätze seien schon gehoben, sagt er, aber es fehle etwas: jene Musik, die zwischen Unterhaltung und moderner klassischer Musik zu finden ist. »Wir beschäftigen uns damit, amerikanische Musicals zu rezipieren, doch wir sollten auch den anderen Weg zurückfinden, hin zu großartigem Unterhaltungstheater. Und mit den Stücken aus Theresienstadt ist eine Verbindung möglich.«

Genau darauf hat sich Ruth Frenk spezialisiert. Geboren 1946 als Tochter von Holocaust‐Überlebenden, lebte die Niederländerin lange Zeit in den USA. 1974 kam sie mit ihrer jüdischen Gesangslehrerin nach Konstanz, wo sie bis heute lebt und aktiv ist. Seit 25 Jahren leitet Frenk dort die Deutsch‐Israelische Gesellschaft. Es war ihr wichtig, »auch künstlerisch ein Statement zu setzen«. 1988 stand sie erstmals mit dem Programm »Lieder und Kabarett aus Theresienstadt« auf der Bühne. Ruth Frenk arrangierte und gestaltete das Programm, informierte über das propagandataugliche Vorzeige‐Konzentrationslager der Nazis 60 Kilometer nördlich von Prag, das seit 1941 Durchgangslager für jüdische Künstler aus ganz Europa war.

reaktionen Trotz aller Gefahren entstanden unglaubliche Werke, darunter die Kinderoper Brundibar des Komponisten Hans Krása. Die Reaktionen auf ihr Programm seien damals sehr unterschiedlich gewesen, erzählt die Mezzosopranistin. Sie trat bundesweit damit auf. »Manche konnten nicht verstehen, dass es auch lustige Lieder gab, die allerdings am Ende traurig, bitter und schwarz klangen.« Auch ihr ist es ein Anliegen, junge Menschen zu unterrichten. Genau das tut sie in Osnabrück an der Seite von Simon Wallfisch. »Seine Großmutter habe ich vor vielen Jahren in Konstanz getroffen, und jetzt haben wir diesen Faden wiederaufgenommen, indem ich mit der dritten Generation zusammenarbeite.«

Ob die Zeit heute für Juden schwieriger geworden sei? Sie überlegt einen Moment und blickt in den Raum. »Ich schreibe heute mehr Leserbriefe als früher, und ich spreche eben auch hier frei über mein Judentum. Vielleicht haben viele noch keinen Kontakt mit Menschen wie mir, Nachkommen von Schoa‐Überlebenden, gehabt, dann reden wir darüber, auch über Vergangenes. Das schwingt immer mit.«

Doch im Vordergrund, sagt Ruth Frenk, steht für sie die Musik. Und wenn dann das Nachdenken irgendwann beginnt, habe man doch auch etwas erreicht. Und so probt sie die teils humorvollen, teils sarkastischen Lieder wie »Theresienstädter Währung«, »Drunt im Prater«, »Auf Wiedersehn, Herr Fröhlich« und »An einem sonnigen Abend« mit jungen Menschen, die höchstens in der Schulzeit von Holocaust und Judenverfolgung gehört haben.

Revue Simon Wallfisch koordiniert die Instrumente und das Zusammenspiel aller. Er ist der musikalische Leiter des Projekts, an dessen Ende ein großes Konzert stattfindet. »Wenn in den Proben manche weinen«, sagt Sascha Wienhausen, »wird klar, in welchem Kontext das Ganze in Theresienstadt stand – diese Erkenntnis kommt fast nebenbei. Und das ist an so einem Labor großartig. Ich frage mich, ob es nicht überhaupt ein Format wäre, mit dem Thema nachhaltig umzugehen.«

Für Simon Wallfisch ist es ein Format. Er widmet sich derzeit als Künstler intensiv der Musik von Ullmann, Haas, Gottfried von Einem, Hans Gál, Egon Wellesz. Es scheint eine unendliche Fülle an vergessenem Musikbestand zu geben. Genau hier möchte er ansetzen und seine Kunst perfektionieren. Auch Ruth Frenk ist sich sicher: Wir haben noch nicht alles entdeckt!

Viktor Ullmann schrieb Musik über das Leben, das Lachen, die Liebe – das will Wallfisch zeigen.

Ob sie denn noch etwas reizen würde? »Oh ja, sicher. Es gibt so viele Komponisten, zum Beispiel bin ich jetzt auf Werner Richard Heymann, einen jüdischen Komponisten aus den 30er‐Jahren, gestoßen. Bekannt ist er zum Beispiel durch UFA‐Filme geworden und durch Filmmusik wie den Heinz‐Rühmann‐Klassiker ›Ein Freund, ein guter Freund‹. Ich mache jetzt mit meiner Klasse eine kleine Revue dazu. Menschen hören das Lied gern, singen es und haben doch keine Ahnung, was den Künstlern damals passiert ist. Es gibt viele Beispiele, so viele Komponisten und Geschichten, die wir entdecken müssen. Da ist noch viel zu tun.«

Sascha Wienhaus sieht in dem Labor auch eine Chance, die einst verloren gegangene Unterhaltungsmusik ein Stück zurückzuholen, sie sichtbar und hörbar zu machen als ein Erbe, das die Nationalsozialisten auslöschen wollten. »Von daher ist es für das Unterhaltungstheater nicht nur wichtig, sondern tatsächlich auch neu, das, was wir hier machen. Denn die klassische Musik ist etabliert.«

generation Simon Wallfisch genießt die Zeit in Osnabrück. Der Musiker und Sänger gehört zu einer neuen Generation. Oft hat er seine Großmutter auf ihren Reisen als Zeitzeugin begleitet, auch als sie im vergangenen Jahr anlässlich des Holocaust‐Gedenktages im Bundestag sprach.

Auf die Frage, was es für ihn bedeutet, heute Musiker zu sein, antwortet er: »Es heißt, ein vielfältiges Leben zu haben. Alles geht immer um Konversation. Man redet in einer Probe miteinander, und wenn man spielt, ist das auch eine Art zu reden.« Hinzu komme die Verbindung mit dem Publikum. Das gefalle ihm sehr: etwas zu kommunizieren.

»Ich mache sehr viel Repertoire. Aber meine große Leidenschaft sind tatsächlich Ullmann, Pavel Haas und ihre Zeitgenossen. Das ist einfach wunderbare Musik. Ich spüre immer sehr stark den Menschen dahinter. Ullmann zum Beispiel bringt mich mit seiner Musik oft zum Lachen. Er schreibt nicht nur traurige Musik, sodass man automatisch an Gaskammern denken muss, er schreibt Musik über das Leben, das Lachen, die Liebe. Wir müssen ihn einfach hereinlassen, damit wir ihn endlich in jedem Konzertsaal haben.«

Am 27. Januar liest und musiziert Anita Lasker‐Wallfisch mit ihrer Familie im Jüdischen Museum Berlin und am 28. Januar im Erfurter Museum Topf & Söhne.

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