Friedenau

Sichtbar solidarisch

W ollen Sie Gewalt gegen Menschen mit Kippa oder gegen Christen oder Muslime? Ich will das nicht. Astrid.» Viele bunte Unterschriften drängen sich dicht an dicht auf dem großen Plakat, das auf einer Mauer in der Beckerstraße im Bezirk Schöneberg klebt. Nur wenige Meter von dem Ort entfernt, wo Rabbiner Daniel Alter am Dienstag vergangener Woche von vier mutmaßlich arabischen Jugendlichen angegriffen worden war.

Um sich mit dem 53-Jährigen solidarisch zu zeigen, haben sich am vergangenen Sonntag mehr als 1.000 Menschen im Herzen des Ortsteils Friedenau versammelt. Eine von ihnen ist Renate M. Sie wohnt ganz in der Nähe und ist immer noch schockiert: «Vor allem auch, weil der Tochter gedroht wurde», sagt die Rentnerin. Auch die Nachbarin Carmen J. kann nicht fassen, was am 28. August geschehen ist: «Der Rabbiner hat mir erzählt, dass der Überfall nur eineinhalb Minuten gedauert hat. So schnell ging das», sagt die Ur-Friedenauerin aufgebracht.

Vorgärten Der Überfall ist das Gesprächsthema auf den Straßen im Malerviertel. Etliche Anwohner sind überrascht: «Was, bei uns hier im Kiez?», fragen sie sich kopfschüttelnd. Auf den ersten Blick wirkt er nicht gerade wie ein Problembezirk. Grüne Straßenzüge, restaurierte Häuser und gepflegte Vorgärten – eine eher idyllische Wohngegend mit Dorfcharakter. Dass das nicht unbedingt schläfrig und hinterm Mond bedeuten muss, das zeigen die Friedenauer seit dem Überfall.

Auch Felix Bethmann, stellvertretender SPD-Vorsitzender in Friedenau und stellvertretender Landesvorsitzender der Jusos Berlin, gehört dazu. Der Politiker, der in Friedenau aufwuchst, ist von dem Angriff auf Rabbiner Alter geschockt. «Wir müssen etwas machen», war sein erster Gedanke. «Alle Anwohner, mit denen ich gesprochen habe, wollten ein Zeichen setzen.» Mehrmals telefonierte Bethmann mit Thomas Lübke, dem Pfarrer der Philippus-Nathanael-Kirchengemeinde. Gemeinsam besprachen sie, wie sie eine Kundgebung auf die Beine stellen.

Wenige Meter vom Tatort entfernt, war am vergangenen Donnerstag die Schlagzeile einer Boulevardzeitung ausgestellt. «Rabbiner von Jugendlichen verprügelt». Kurz darauf ging Pfarrer Lübke mit einem Stapel Blätter von Laden zu Laden. «Können Sie diesen Aufruf bitte aufhängen? Es geht um eine Solidaritätskundgebung.» Der Apotheker klebt ihn sofort in sein Schaufenster. Als eine Kundin hereinkommt und nach dem Aufruf fragt, kopiert er das Papier für sie. Die Frau will es an ihre Haustür heften.

«Es tut mir sehr, sehr leid», meint der türkischstämmige Inhaber eines Feinkostladens über den Angriff. Er werde den Rabbiner unterstützen und auf jeden Fall zur Kundgebung gehen. Auch im gegenüberliegenden Supermarkt, deren Pächter ebenfalls Wurzeln in der Türkei haben, hängt der Aufruf. Einige Meter weiter arbeitet Goldschmiedemeister Peter Giese. «Es ist hier kein Problemkiez, sondern eine gutbürgerliche Gegend», sagt er.

Aber es fehle dennoch an Polizeipräsenz, meint er. Der wenige Meter entfernte Dürerplatz gelte seit Jahren als sozialer Brennpunkt. Bis vor Kurzem war dort ein großer Wohnkomplex in einem schlechten Zustand. Nun ist das Haus saniert. «Dadurch hat sich die Situation entschärft.» Trotzdem ist die Atmosphäre rund um den S-Bahnhof Friedenau nicht gerade gemütlich. Keine Spur von der viel besungenen Gutbürgerlichkeit.

Flashmob Während die Vorbereitungen in Friedenau noch auf Hochtouren liefen, gab es wenige Kilometer stadteinwärts einen «Kippa-Flashmob». Rund 150 Juden und Nichtjuden zogen vom Kranzler-Eck zum KaDeWe – mit Kippa auf dem Kopf. Aufgerufen dazu hatte die Kindergärtnerin Sara-Nurit Gress. «Die Empfehlungen, sich als Jude in der Öffentlichkeit ›unsichtbar‹ zu machen, haben mich sehr schockiert. Ich finde es ist ein falsches Signal, mit einer fatalen Außenwirkung, die gleich auf mehreren Ebenen wirkt», sagte sie der Jüdischen Allgemeinen.

Gress möchte nicht, dass ihre Kinder lernen: «Wir sind Juden, wir müssen uns verstecken.» Auch die Tageszeitung BZ zeigte Kippa und ließ bekannte Berliner, darunter der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit oder der Abendschau-Moderator Uli Zelle, die traditionelle Kopfbedeckung für die Seite eins aufsetzen.

Doch nicht alle gehen so offensiv nach außen. Heike Michalak, Direktorin an der Jüdischen Traditionsschule Or Avner rät dazu, die Kippa zu verdecken. «Wir wollen uns nicht verstecken, aber die Sicherheit geht vor.» Nur wenige Tage nach dem Angriff auf den Rabbiner wurden Schülerinnen der Schule angepöbelt. Auch Grigorij Kristal, Gabbai an der Synagoge Fraenkelufer und früherer Kultusdezernent, nimmt die Kippa ab, wenn er das Gotteshaus in Kreuzberg verlässt. «Sich verstecken ist falsch, tragen provoziert vielleicht», sagte er ratlos.

«Wir können nicht herumlaufen wie Duckmäuser», sagt Barbara Witting, Leiterin des Jüdischen Gymnasiums «Moses Mendelssohn». Deshalb wolle sie daran arbeiten, dass die jüdische Identität gestärkt werde. Noga Hartmann, Leiterin der Heinz-Galinski-Grundschule, meint hingegen: «Eltern sind zu mir gekommen, weil sie besorgt sind.» Auch die Kinder hätten über die Attacke reden wollen. Vor allem um die Sicherheit geht es immer wieder. Die Schüler sollen daran erinnert werden, dass sie mit Fremden nicht reden dürfen und lieber weggehen sollen, als sich in ein Gespräch verwickeln zu lassen.

Interreligiös So weit kam es beim Überfall auf Rabbiner Alter gar nicht erst. Mit einem gebrochenen Jochbein musste er ins Krankenhaus. «Sie haben mir zwar mein Jochbein gebrochen, aber nicht meinen Willen, mich weiterhin für den interreligiösen Dialog einzusetzen», betont Alter am Sonntag bei der Solidaritätskundgebung. Nur ein winziges gekreuztes Pflaster und eine kleine Schwellung unter dem rechten Auge erinnern noch an die Verletzung. «Wir gehören zusammen», sagt der 53-Jährige. Berlin bleibe eine tolerante und weltoffene Stadt. «Das lassen wir uns nicht wegnehmen.»

Es werde schwierig, die Täter zu finden, sagt Martin Steltner, Sprecher der Staatsanwaltschaft. Da man das Alter der Angreifer nicht wisse, könne er nicht sagen, wie hoch eine Verurteilung ausfällt, wahrscheinlich zwischen sechs Monaten und zehn Jahren. «Erst einmal müssen wir die Täter kriegen.» Am Grazer Platz hängt ein Banner mit der Aufschrift «Gegen Gewalt und Antisemitismus», auf dem etliche der 1.000 Teilnehmer der Kundgebung unterschrieben haben. Seit vergangener Woche ist in Friedenau nichts mehr so, wie es einmal war. Eines aber wissen die Anwohner: Sie können sich aufeinander verlassen.

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