Erinnerung

Sichtbar, aber nicht sicher

Eigentlich steht am 9. November allein die Erinnerung an die Reichspogromnacht 1938 im Mittelpunkt. Heuer aber feierten die Landeshauptstadt München und die Münchner Kultusgemeinde auch, dass 65 Jahre später, am 9. November 2003, der Grundstein für das Jüdische Zentrum München gelegt wurde und jüdisches Leben seinen Weg zurück ins Herz der Stadt fand. Dann aber kam der 7. Oktober 2023 – und in den lang geplanten Gedenk- und Festakt in der Hauptsynagoge am Jakobsplatz mischte sich unendliche Trauer über die Opfer der Angriffe in Israel.

Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde, zog in ihrer Ansprache eine bittere Bilanz: »Was vor 20 Jahren undenkbar gewesen wäre, ist heute Tatsache: Rechtsextreme in unseren Parlamenten. Offener Judenhass auf deutschen Straßen. Jüdische Menschen, die am liebsten wieder unsichtbar sein möchten. Und noch etwas, das wir nie für möglich gehalten hätten: ein Pogrom an Juden in Israel.«

Ein eigener Programmblock war den sieben Festreden aus diesem gegebenen Anlass vorangestellt worden, wie Moderatorin Ilanit Spinner den über 450 geladenen Gästen in der voll besetzten Synagoge darlegte. In einem Videobeitrag führte deshalb zunächst Arye Sharuz Shalicar als Sprecher der israelischen Streitkräfte aus, dass von Alltag in Israel längst noch keine Rede sein könne. Noch immer würden nicht alle Kinder wieder zur Schule gehen, »die Wirtschaft ist nicht wie vorher, Bus und Bahn fahren nicht wie vorher«. Eine Viertelmillion Israelis seien evakuiert worden, aber: »Wir müssen stark bleiben.«

»Es geht darum, aufzustehen und die Dinge beim Namen zu nennen.«

Talya Lador-Fresher, israelische Generalkonsulin für Süddeutschland, begann anschließend ihre Gedenkrede mit der Erinnerung an ihre Großeltern, die die Pogromnacht 1938 in Leipzig erlebten. Heute strebe ebenso die Hamas die »Vernichtung aller Juden« an. Seit am 7. Oktober in Israel über 1200 Menschen getötet und 240 verschleppt worden sind, sei es in Deutschland zu mehr als 2000 antisemitischen Vorfällen gekommen: »Es geht darum, aufzustehen und die Dinge beim Namen zu nennen.«

Alle Redner betonten an diesem Abend ihre uneingeschränkte Solidarität mit Israel, »nicht nur aus historischer Verantwortung heraus«, wie Bayerns Ministerpräsident Markus Söder betonte, »sondern aus Überzeugung«. Landtagspräsidentin Ilse Aigner spielte auf das Abstimmungsverhalten von Außenministerin Annalena Baerbock in der UN an, als sie bemerkte: »Es darf kein ›Aber‹ geben. Es darf auch keine Enthaltung geben« – und erhielt dafür spontan Applaus.

Wer sich in Deutschland judenfeindlich betätige, so ein weiteres Thema vieler Reden, müsse deshalb Konsequenzen spüren. Aigner erklärte: »Wer unsere Erinnerungskultur mit Schuldkult gleichsetzt, überschreitet die Grenzen unserer Gastfreundschaft.« Der Ministerpräsident kündigte an, all jenen, die Hamas-Netzwerke unterstützen oder Israel-Fahnen verbrennen, »mit der vollen Härte des Rechtsstaates« zu begegnen, was für Doppelstaatler auch einen Verlust des deutschen Passes mit sich bringen könne. »Ein Angriff auf jüdisches Leben ist ein Angriff auf die freiheitlich-demokratische Grundordnung«, un­terstrich Söder.

Jede Täter-Opfer-Umkehr sei deshalb »zynisch und antisemitisch«.

Die Landtagspräsidentin wies darauf hin, dass auch palästinensisches Leid in diesen Tagen gesehen werde. »Beim Wert des Lebens dürfen wir keinen Unterschied machen. Aber bei der Ursache des Sterbens müssen wir einen Unterschied machen. Die Ursache des Sterbens ist die Hamas.« Jede Täter-Opfer-Umkehr sei deshalb »zynisch und antisemitisch«.

Altoberbürgermeister Christian Ude, der seinerzeit den Bau von Synagoge und Gemeindezentrum zur »Chefsache«, so IKG-Präsidentin Knobloch, und damit letztlich erst möglich gemacht hatte, sprach offen über die Bedeutung des 9. November für ihn – »für mich das schlimmste Datum im Jahreskalender«. Der Tag erinnere daran, dass das sorgsam gepflegte Münchner Selbstverständnis als liberale Stadt immer Risse hatte – und weiter habe. Wie Charlotte Knobloch erinnerte auch Ude daran, dass die Polizei kurz vor der Grundsteinlegung 2003 einen Sprengstoffanschlag am Jakobsplatz vereitelt hatte.

In den Festakt mischte sich unendliche Trauer über die Opfer der Angriffe in Israel.

Auch Udes Nachfolger im Amt des Oberbürgermeisters, Dieter Reiter, blickte auf die Rolle Münchens vor 85 Jahren. Am 9. November 1938 habe es in der Stadt »so gut wie keine Proteste« gegen die Gewaltexzesse gegeben, »die meisten haben einfach zugeschaut«. Dass heute der TSV Maccabi als jüdischer Verein Spiele aus Sicherheitsgründen absagen müsse, sei »nicht hinzunehmen. Jüdisches Leben ist fester Bestandteil unserer Gesellschaft«.

Heute sei die jüdische Gemeinde wieder sichtbar in der Stadt

Gekommen waren an diesem Abend auch der ehemalige Ministerpräsident Edmund Stoiber und Altbundespräsident Horst Köhler. Stoiber, der die Unterstützung des Freistaates für den Bau des Jüdischen Zentrums gesichert hatte, machte in seiner Rede etwas Hoffnung: Er glaube, »dass die Gesellschaft weiß, was auf dem Spiel steht«.

Wie viele andere Sprecher dankte auch er Charlotte Knobloch für ihre Beharrlichkeit bei Planung und Bau des Zentrums: »Sie sind ein Glücksfall für Deutschland!« Horst Köhler, der am 9. November 2006 als Bundespräsident zur Eröffnung der Synagoge gesprochen hatte, wünschte nun, hörbar bewegt, der jüdischen Gemeinde »nur das Beste, Schalom nämlich, Frieden«.

Charlotte Knobloch schlug in ihrem Redebeitrag den Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart. Sie selbst hatte die Pogromnacht in München miterlebt, »als sechsjähriges Mädchen, an der Hand des Vaters, steif vor Angst«. Heute sei die jüdische Gemeinde wieder sichtbar in der Stadt, und man sei stolz auf das Erreichte. »Aber sicher, das sind wir nicht.« Trotzdem versprach sie, »nicht nur als Präsidentin dieser Gemeinde, sondern als Bayerin und als Münchnerin: Wir sind hier – und wir bleiben hier!«

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