9. November

Schwieriges Erbe

Das heutige Feuerwehrhaus wurde 1953 auf den Resten der gebrandschatzten Synagoge errichtet. Foto: Rolf Schmitt

Als Paul Schrag, Rechtsanwalt aus New York und jüdischer Abstammung, in den 80er-Jahren zum ersten Mal wieder seine badische Heimatstadt Karlsruhe besuchte, machte er auch einen Abstecher ins benachbarte Bruchsal, wo sein Onkel einst eine Malzfabrik besessen hatte. Schrag suchte das Grundstück der ehemaligen Synagoge, die in der Pogromnacht niederbrannte, ohne dass die Feuerwehr eingegriffen hatte.

Was er auf diesem Grundstück vorfand, verschlug ihm die Sprache: ein Feuerwehrhaus. Noch am selben Abend erzählte Schrag einem Bruchsaler Journalisten der Nachkriegsgeneration von seinem Entsetzen: »Wisst ihr denn nicht, dass man das nicht darf?« Schrag, der Jahre zuvor die »Arisierung« der Malzfabrik seines Onkels in einem kleinen Büchlein mit dem Titel Heimatkunde dokumentiert hatte, beschloss, diese Stadt nie wieder zu besuchen, in der er einen Großteil seiner Jugendjahre verbracht hatte.

2018 soll die Bruchsaler Feuerwehr ein neues Domizil erhalten, und jetzt steht die Kleinstadt vor der Frage, wie sie mit diesem wohl einmaligen Erbe ihrer Geschichte umgehen soll. Totalabriss und vergessen oder Erhalt des Feuerwehrhauses.

Filetstück
Das Problem: Die Lage in der Stadtmitte gilt als Filetstück für Handel, Büro und Wohnungen. Investoren reißen sich sicher darum, allerdings kaum, wenn sie das Thema Feuerwehrhaus und Synagoge irgendwie einbeziehen müssen. Noch wurden Öffentlichkeit und Gemeinderat nicht über die Planungen der Stadtverwaltung informiert. Aber nach allem, was durchsickerte, darf man davon ausgehen, dass wirtschaftliche Überlegungen wenig Raum lassen für einen angemessenen Umgang mit dem Nachkriegsbau, der – wohl einzigartig in ganz Deutschland – für den verantwortungslosen Umgang mit den dunkelsten Kapiteln deutscher Geschichte steht.

Die Synagoge wurde im Jahr 1881 für 140.000 Reichsmark im Stil der Neo-Renaissance errichtet, der Vorbau sollte an den Felsendom in Jerusalem erinnern. 1926 wurde das Gotteshaus renoviert und von dem Bruchsaler Maler Leo Kahn (1894 in Bruchsal geboren und 1983 in Ramat Gan, Israel, gestorben) ausgestaltet.

Das Grundstück wurde Anfang der 50er-Jahre von der Jewish Restitution Successor Organization an die Stadt Bruchsal verkauft. Die Nutzung des Geländes als Standort eines Feuerwehrhauses, das 1953 errichtet worden war, soll der Organisation bekannt gewesen sein, beruhigt man in Bruchsal die Kritiker dieser Entscheidung. Erst spät, im Oktober 2000, wurde nach langen Diskussionen an der Fassade des Feuerwehrhauses immerhin eine Tafel angebracht, mit der an die frühere Synagoge erinnert wird.

Zeitzeugen der Pogromnacht 1938 erinnern sich, wie der damalige Rabbiner Feuerwehrleute, die sich an einem Hydranten zu schaffen machten, aufforderte, endlich etwas zu unternehmen. Die Antwort: »Wir haben kein Wasser!«

Nutzungsideen Nachdem jetzt bekannt wurde, dass die Freiwillige Feuerwehr demnächst das Gebäude räumen wird, haben sich mehrere Initiativen zu Wort gemeldet, die auf alle Fälle verhindern wollen, dass das Nachkriegsgebäude völlig abgerissen und das Gelände geräuschlos dem Immobilienmarkt übergeben wird.

Es gibt einige Vorschläge für eine künftige Nutzung, etwa als Theater- oder Konzertraum für Amateur-Ensembles. Eine andere Idee ist die, das städtische Museum dort unterzubringen. Bislang fristet es im großen Barockschloss von Balthasar Neumann nur eine Nebenrolle im Museums- und Touristenbetrieb. Nur wenige Bruchsaler haben sich je für das eher lieblos zusammengestellte Museum interessiert. Im Feuerwehrhaus könnte es ansprechend untergebracht werden.

Auch Teile des städtischen Archivs könnten hier eine neue Bleibe finden. Das Archiv musste schon vor einiger Zeit in eine provisorische Unterkunft in einem Technologiepark umziehen, weit weg vom Rathaus in der Stadtmitte. Die Unterbringung des Stadtarchivs im ehemaligen Feuerwehrhaus, respektive in der ehemaligen Synagoge, so die Initiativ-Gruppen, wäre der Geschichte des Platzes und des Gebäudes angemessen. Vorgeschlagen wurde auch, in einer eigenen Abteilung des Archivs ausführlich das große jüdische Erbe Bruchsals zu dokumentieren, vor allem die menschlichen Schicksale der früheren jüdischen Bevölkerung der Stadt.

Verantwortung In den nächsten Wochen und Monaten wird sich der Gemeinderat der Stadt wohl mit dem sensiblen Thema beschäftigen müssen, ob er will oder nicht. Und dann wird sich zeigen, ob wirtschaftliche Überlegungen obsiegen oder ein verantwortungsvoller Umgang mit der Geschichte.

Bruchsal, so die Befürworter einer historischen Lösung, könnte für sich damit auch bundesweit den Anspruch erheben, aus der Geschichte, vor allem aus der Gedankenlosigkeit der Nachkriegszeit, gelernt zu haben und dies für alle Zeiten in Gestalt des neu genutzten Feuerwehrhauses dokumentieren.

Berlin

Türkisches Unternehmen »Medicana« neuer Träger vom Jüdischen Krankenhaus

Die 270-jährige Tradition des Hauses bleibe bewahrt – Kritik an der Übernahme kommt von Ver.di

 10.07.2026

Entscheidung

Halberstädter Museum für jüdische Kultur wird weiter gefördert

Im Jahr 2001 wurde das Berend Lehmann Museum für jüdische Geschichte und Kultur in Halberstadt gegründet. Zum Museum gehören die frühere Mikwe sowie die Synagoge im ehemaligen rabbinischen Lehrhaus, der Klaus. Sie bekommen weiterhin eine Förderung.

 09.07.2026

Speyer, Worms und Mainz

SchUM-Stätten feiern fünfjährigen »Welterbe-Geburtstag«

Vor fünf Jahren erhielten sie wegen ihrer wichtigen Bedeutung für das mittelalterliche Judentum den Welterbe-Titel. Nun feiern die SchUM-Stätten Speyer, Worms und Mainz die Aufnahme auf die Unesco-Welterbeliste mit einer Veranstaltung in Speyer

 09.07.2026

Gemeindetag

Zusammen füreinander

Vom 17. bis zum 20. Dezember treffen sich Mitglieder der jüdischen Gemeinden in Berlin – für viele wird es ein lang ersehntes und freudig erwartetes Wiedersehen

von Katrin Richter  09.07.2026

Machanot

Kleine Auszeit

Die Koffer sind gepackt, gut gelaunt fahren die Kinder ins Ferienlager. Doch auch die Eltern haben Pläne, wollen renovieren, verreisen oder finden ein neues Hobby. Wir haben uns umgehört

von Christine Schmitt  09.07.2026

Maccabiah

»Jetzt erst recht«

Die Sportlerinnen und Sportler aus Deutschland sind hoch motiviert. Für manche ist es nicht das erste Mal, dass sie in Israel dabei sind – bei den Medaillen spielen sie ganz vorn mit

von Sabine Brandes  08.07.2026

Programm

Schostakowitsch, Punk und Nathan in der Schwebebahn: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 9. Juli bis zum 16. Juli

 08.07.2026

50 Jahre in Deutschland

»Die Deutschen haben aus ihrer Geschichte gelernt«

Was ist typisch deutsch, was typisch amerikanisch? Holly-Jane Rahlens kennt sich mit beiden Nationen aus. Die Autorin lebt seit mehr als 50 Jahren in Berlin

von Nina Schmedding  08.07.2026

München

»Auf geht’s – an die Arbeit!«

Die Israelitische Kultusgemeinde hat einen neuen Vorstand gewählt. Charlotte Knobloch wurde als Präsidentin im Amt bestätigt

von Leo Grudenberg  07.07.2026