München

Schwierige Zeiten

Sprachen über die antisemitischen Ausschreitungen in Deutschland nach dem 7. Oktober: Moderator Jan Fleischhauer und Autor Philipp Peyman Engel (r.) Foto: Astrid Schmidhuber

Es geschieht nicht oft, dass ein Experte bei einer Podiumsdiskussion nach anderthalb Stunden Gespräch erklärt, er wisse nicht, wie es weitergehen könne. Genau das war der Fall, als vergangene Woche im Hubert-Burda-Saal der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern Philipp Peyman Engel, Chefredakteur der »Jüdischen Allgemeinen«, sein Buch Deutsche Lebenslügen. Der Antisemitismus, wieder und immer noch vorstellte. Sein Fazit: Viele Gemeindemitglieder seien »nach wie vor im Ausnahmezustand. Jüdische Studenten etwa können sich an ihren Universitäten oft nicht als Juden zu erkennen geben. Es sieht zurzeit düster aus«.

IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch hatte zuvor in ihrer Begrüßung ebenfalls auf die beunruhigende Situation hingewiesen. Nie hätten jüdische Menschen in Deutschland seit 1949 schlimmeren Judenhass erlebt als heute. Unter Bezugnahme auf den Buchtitel meinte auch sie, »Judenhass lässt uns nicht los. Wieder und immer noch«.

Anfeindungen von drei Seiten

Inzwischen kämen die Anfeindungen von drei Seiten; von den »rechtsextremen Hetzern in den Parlamenten«, den »linken post-kolonialen Israelhassern« und von radikalen Muslimen. Zwar sei, so Knob­loch, die jüdische Gemeinschaft »eine Gemeinschaft, die es gewohnt ist, dem Hass die Stirn zu bieten. Aber ihre Mitglieder spüren mehr und mehr, dass ihre Kräfte in diesem Kampf nicht unendlich sind«.

Viele jüdische Menschen hätten längst kein Verständnis mehr dafür, dass die Weltgemeinschaft ungerührt zusehe, wie noch immer weit über 100 Geiseln in der Gewalt der Hamas seien. Keine Geduld gebe es mehr für die »naseweisen Kritiker«, die lieber über »einen angeblichen Völkermord Israels zu Gericht sitzen wollen« und Terroristen nicht Terroristen nennen. Jüdische Stimmen in der deutschen Debatte seien vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen »himmelschreiend überfällig«.

Eine solche Stimme ist das Buch von Philipp Peyman Engel. Darin erzählt er, Sohn einer aus dem Iran geflohenen jüdischen Mutter, auch von seinem Aufwachsen im Ruhrgebiet. Die Mutter hatte gehofft, dass es stimmt, was ein Onkel ihr gesagt hatte: »In Deutschland seid ihr sicher.« Lange wusste niemand im täglichen Umfeld, dass Engel überhaupt Jude war, der Einzige in seiner Klasse.

Irgendwann kam es dann doch heraus – und war sofort ein Problem. Zwei Freunde hielten dennoch zu ihm, der eine Türke, der andere Deutschtunesier. Letzterer aber meldet sich seit dem 7. Oktober 2023 nicht mehr. Früher hätten sie einander mehrere WhatsApp-Nachrichten am Tag geschrieben, so Engel, »er war 1000-mal bei uns«. Heute: Funkstille. »Diese Erfahrung machen gerade viele Juden.«

Erfahrungen mit deutschen Politikern

Engel berichtet an diesem vom Kolumnisten Jan Fleischhauer moderierten Abend auch von seinen Erfahrungen mit deutschen Politikern. Betroffenheit zu zeigen – darin seien etwa Claudia Roth und Frank-Walter Steinmeier Meister, aber es fehle oft die Haltung hinter der Betroffenheit: Roth und Steinmeier wetteiferten darum, »wer sich unbeliebter macht bei der jüdischen Community«.

Nach dem 7. Oktober sind in der muslimischen Community alle Dämme gebrochen, betont Engel.

Robert Habecks Rede nach dem 7. Oktober sei zwar als »eine Art Leuchtturm-Ereignis« im Gedächtnis geblieben. Man habe sich aber im Nachhinein auch darüber wundern können, warum diese Rede derart aufgefallen sei. Denn eigentlich hatte Habeck nur gesagt, dass in Deutschland auch der muslimische Antisemitismus ein Problem ist – und dass Juden in Sicherheit leben können müssen. »So sollte jeder reden. Es sollte keine Ausnahme sein.«

Das »antisemitische Grundrauschen« im Land sei, so Engel, »immer hoch« gewesen, inzwischen seien aber alle Dämme gebrochen, insbesondere bei muslimischen Migranten. Wenn die IKG heute ihren Mitgliedern rate, nicht mit Kippa auf die Straße zu gehen, sei ganz München eine »No-go-Area«. Auch die Jüdische Allgemeine erhalte Drohungen in nicht gekanntem Ausmaß. Deren Chefredakteur ergänzte zudem, er sei bislang sicher gewesen, dass die Mehrheit der Muslime Gewalt gegen Juden ablehne; in den Wochen nach dem 7. Oktober habe er das nicht mehr geglaubt, da die antisemitischen Demonstrationen einen anderen Schluss nahelegten.

Linker Antisemitismus und eine lange Tradition

Wie im Buch ging es auch auf dem Podium um linken Antisemitismus, der eine lange Tradition in Deutschland hat und neuerdings etwa fordert, die Erinnerung an die Schoa müsse sich in eine kritische Betrachtung des Kolonialismus einreihen. Dabei sei es »beschämend und ein moralischer Bankrott«, so Engel, die Singularität des Holocaust in Abrede zu stellen. Verwandte in den USA berichteten, auch dort werde die Luft immer dünner, unter den persischen Juden wählten fast alle Donald Trump, der zumindest in dieser Hinsicht als unproblematisch gelte.

Wie man den Judenhass nun bekämpfen könne? Eine klare Haltung seitens der Politik wäre sicher hilfreich, bekräftigte Engel, auch entschiedenes Durchgreifen der Polizei sei nötig, etwa, wenn bei Demonstrationen Justiziables gerufen werde. Nicht zuletzt Bildung, »auch Dialogformate bringen viel«. Ist das alles zusammen eine Lösung? Nein: »Ich fürchte«, so Engels pessimistisches Resümee, »wir sind noch sehr weit von einer Lösung entfernt.«

Philipp Peyman Engel, mit Helmut Kuhn: »Deutsche Lebenslügen. Der Antisemitismus, wieder und immer noch«. dtv, München 2024, 192 S., 18 €

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