Schalom Aleikum

Schreiben in Zeiten von Corona

Corona und kein Ende. Die Pandemie dominiert die Berichterstattung in den deutschen und internationalen Medien. Das ist einerseits verständlich und auch wichtig, ist es doch in gefährlichen Zeiten wie diesen entscheidend, dass es vertrauenswürdige Informationsquellen gibt. Doch darf man sich anderseits auch fragen: Sind in diesen Tagen denn trotz Virus gar keine anderen Themen mehr für die Gesellschaft von Bedeutung?

Vier jüdische und muslimische Journalisten haben sich am Mittwochabend genau diese Frage gestellt. Im Rahmen des Zentralratsprojekts »Schalom-Aleikum. Jüdisch-muslimischer Dialog« waren die Journalisten Filipp Piatov, Canan Topçu, Hatice Kahraman und Linda Rachel Sabiers zwar nicht physisch zur Diskussion zusammengekommen, aber dank der modernen Technik per Videoschaltung aus Berlin, Hanau und Essen miteinander verbunden.

Harry Schnabel, Mitglied im Präsidium des Zentralrats der Juden und im Vorstand der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, betonte, es gehe darum, sich »vorurteilsfrei und vorbehaltlos in einer kultivierten Kontroverse zu begegnen«. Aufgrund der Pressefreiheit seien gerade in Deutschland die Rahmenbedingungen gut, um sich über die Beziehung von Juden und Muslimen sachlich auszutauschen.

Facebook Moderiert wurde das Gespräch von der Publizistin Shelly Kupferberg. Interessierte Zuschauer konnten die Veranstaltung unter dem Titel »Good News. Jüdisch-muslimisches Gespräch über den journalistischen Alltag heute« über einen Livestream auf Facebook und YouTube verfolgen.

Mit dem in der Corona-Krise vorerst digital stattfindenden religionsübergreifenden Dialogformat »Schalom-Aleikum«, das von der Staatsministerin und Bundesintegrationsbeauftragten Annette Widmann-Mauz (CDU) unterstützt wird, sollen Menschen verschiedener Herkunft durch einen offenen Austausch zusammengebracht und somit auch antisemitischen Ressentiments entgegengewirkt werden.

»Ich will nicht in irgendwelche Schubladen gesteckt werden.« Canan Topçu

Zum Einstieg in das Gespräch sagte die aus der Türkei Canan Topçu einen Satz, den alle Diskussionsteilnehmer für sich genommen bestätigen konnten. »Corona überlagert derzeit alle Themen und bestimmt die Arbeit von Journalistinnen und Journalisten.« Die 1965 im türkischen Bursa geborene Autorin ist unter anderem für die Jüdische Allgemeine und den NDR tätig.

Verwerfungen Doch nur, weil alle Menschen gleichermaßen von den Folgen des Virus betroffen sind, bedeute dies aus Topçus Sicht nicht, dass alle Menschen auch gleichwertig mit ihren Folgen umgehen können. »Die Pandemie betrifft uns alle, hat uns dadurch aber nicht gleich gemacht«, sagte die 55-Jährige. Vielmehr offenbare Corona die gesellschaftlichen Verwerfungen, die es in Deutschland gebe. »Diesen Aspekt herauszuarbeiten, finde ich aus meiner persönlichen Perspektive als deutsche Journalistin und Muslima spannend.«

Auch Journalisten-Kollege Filipp Piatov, der Leiter des Ressorts Meinung/Debatte bei der BILD-Zeitung ist und aus einer  jüdisch-russischen Familie stammt, betonte, dass es bei der Berichterstattung über Corona für ihn nicht nur um die aktuellen Infektionszahlen und die verschiedenen Maßnahmen zur Eindämmung des Virus gehe. »Es geht bei Corona zum Beispiel auch um wirtschaftliche Verwerfungen und darum, wie der Zusammenhalt in der Gesellschaft angesichts der Gefahr funktioniert.«

Für die junge Journalistin Hatice Kahraman geht es in der Corona-Krise vor allem darum, auf im Hintergrund mitspielende Aspekte wie Rassismus, Antisemitismus und Verschwörungstheorien hinzuweisen. »Corona steht als Virusinfektion nicht allein, sondern wird von gesellschaftlichen Bewegungen mitgetragen und von extremen Gruppierungen auch für ihre Agitation genutzt«, sagte Kahraman, die für das Recherchenetzwerk CORRECTIV arbeitet.

»Mein journalistisches Leben steht dank Corona derzeit Kopf.« Linda Rachel Sabiers

Auf einen anderen Aspekt wies die in Köln geborene jüdische Journalistin Linda Rachel Sabiers hin. »Mein journalistisches Leben steht dank Corona derzeit Kopf«, sagte Sabiers, die unter anderem für die Süddeutsche Zeitung und auf ihren Social-Media-Kanälen über ihre Alltagsbeobachtungen im Berliner Miteinander schreibt.

»Dieses Miteinander in seiner herkömmlichen Form findet in der Großstadt in Zeiten von sozialer Distanz nicht statt«, erzählt sie. Stattdessen schreibe sie momentan gerne über Beobachtungen bei ihren Corona-Spaziergängen in einem »deutlich langsameren und ruhigeren Berlin«. Immer aus der Perspektive »einer schreibenden deutschen Jüdin«, betont Sabiers.

Von Moderatorin Shelly Kupferberg nach dem Selbstbild und der Bedeutung des jeweiligen familiären und religiösen Hintergrundes befragt, antwortete Kahraman, deren Wurzeln in der Türkei liegen: »Ich sehe mich als deutsche Journalistin und möchte auch so wahrgenommen werden.«

Auch Topçu betonte: »Ich will nicht in irgendwelche Schubladen gesteckt werden. Wir sind ausgebildete Journalisten und können über alle möglichen Themen schreiben, nicht nur darüber, was speziell migrantische Communitys betrifft.« Gerade deshalb sei der Austausch zwischen Juden und Muslimen auch so wichtig, auch in Corona-Zeiten.

Dem schloss sich Filipp Piatov an. »Ich hoffe sehr, dass nicht nur wir Diskutanten einen Mehrwert aus unseren Gesprächen mitnehmen, sondern die Zuschauer durch eine ehrliche und kontroverse Debatte auf interessante Gedanken kommen.«

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