Elmshorn

Schmuckstück an der Krückau

Wolfgang Fischer‐Ohl hat ganze Arbeit geleistet. Gemeinsam mit seinen Kollegen hat der Restaurator und Steinmetz den historischen jüdischen Friedhof Elmshorn wieder in einen sehenswerten Zustand versetzt.

Er richtete umgestürzte Grabsteine auf, machte die Inschriften lesbar und stellte Steine, die tief in die Erde eingesunken waren, mithilfe eines Flaschenzugs auf. Es fehlt noch der Abschluss der Renovierungsarbeiten an der geschichtsträchtigen Trauerhalle – und der historische Friedhof Elmshorn ist wieder ein Schmuckstück in der schleswig‐holsteinischen Stadt.

»Zuerst haben wir die Grabsteine der Cohen‐, Stern‐ und Oppenheim‐Familie wiederaufrichten lassen«, erzählt Alisa Fuhlbrügge. Die pensionierte Schulrektorin ist seit vielen Jahren Vorsitzende der am 8. November 2003 wiedergegründeten Jüdischen Gemeinde Elmshorn. Die Elmshornerin hat die Gemeinde zurück in die Öffentlichkeit der Industriestadt geholt und ihr mit dem großen Betsaal am Flamweg, schräg gegenüber der während der Pogromnacht am 9. November 1938 von den Nazis niedergebrannten Synagoge, eine repräsentative Heimat gegeben.

inschriften »Für mich gilt die Mizwa Sachor, nach der kein Name verloren gehen soll, das ist das Wichtigste. Natürlich tasten wir die Gräber nicht an, sondern nur die Grabsteine. Denn hätten wir die Informationen, die Inschriften auf den Steinen, jetzt nicht gesichert, wären sie für immer verloren gewesen«, sagt Fuhlbrügge.

Besonders wertvoll ist die Cohen‐Grabsteinreihe, da sie wegen ihrer Geschlossenheit zur Rarität auf jüdischen Friedhöfen in ganz Deutschland geworden ist. Sie steht aufgrund des Priestergeschlechts Cohen, deren Nachfahren keinen Friedhof betreten dürfen, in der ersten Reihe zur Straße. Zu erkennen sind sie an den zwei Händen über der hebräischen Inschrift.

Die ältesten Grabsteine auf dem 330 Jahre alten aschkenasischen Friedhof stammen vom Beginn des 18. Jahrhunderts. Sie tragen noch keine Inschriften. Erst ab 1835 wurden Namen graviert, auf der einen Seite des Steins in lateinischer, auf der anderen in hebräischer Schrift. Dazu kamen Symbole wie die segnenden Hände der Cohen oder Cohn, der Kohanim, die Leviten‐Kanne und -Schale für Nachkommen der Levi, ebenfalls eines der jüdischen Priestergeschlechter, und der Magen David.

Grundbesitzer Das Gelände des 1740 Quadratmeter großen Areals konnte die jüdische Gemeinde vom Grundbesitzer Detlev Graf zu Rantzau zunächst nur pachten, am 4. Februar 1828 dann auch kaufen. 1906 baute die Gemeinde die heutige Friedhofshalle. Bis 1943 gehörte die gesamte Anlage der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland, ab 1944 dem Kreis Pinneberg, ab 1953 der Jewish Trust Corporation und ab 1960 der Jüdischen Gemeinde Hamburg. Seit 2005 ist sie wieder im Besitz der Jüdischen Gemeinde Elmshorn.

Dem NS‐Régime war es glücklicherweise nicht gelungen, den Friedhof zu schleifen. 1935 konnte Hamburgs Oberrabbiner Joseph Zwi Carlebach einen Antrag auf Schließung mit dem Hinweis auf den Schulchan Aruch, die Ewigkeit für jüdische Gräber, abweisen. Dann verhinderte ein Gesetz, nach dem ein Friedhof erst 40 Jahre nach der letzten Beerdigung geschlossen werden durfte, die Auflösung, anschließend ließ ein mutiger Beamter im Kieler Ministerium den Nazi‐Befehl einfach in seinem Schreibtisch verschwinden. Heute verwahrt Alisa Fuhlbrügge den Schlüssel zum historischen Friedhof.

Pflege Die Kosten für dessen Restaurierung und die der Friedhofshalle, die kürzlich trockengelegt wurde, werden von der Stadt Elmshorn und von der Jüdischen Gemeinde mit Spenden getragen. Die Stadt erhält ihrerseits vom Land Schleswig‐Hols­tein für die Betreuung des Friedhofs eine Pflegepauschale von rund 1900 Euro pro Jahr. Damit kann der städtische Betriebshof gerade einmal die Kosten für Grünpflege, Erhalt der Einfriedung und der Zuwege finanzieren. Deshalb gewährte die Stadt einen weiteren Zuschuss von 40.000 Euro, verteilt auf zwei Jahre.

Aufgrund dieser Gelder beteiligten sich das Landesamt für Denkmalpflege und die Deutsche Stiftung Denkmal­schutz mit je 30.000 Euro sowie darüber hinaus die Sparkassenstiftung Schleswig‐Holstein an der Restaurierung. Die Gesamtkosten werden auf 100.000 Euro geschätzt, die Kosten für die Halle werden zusätzlich mit 13.000 Euro veranschlagt. Ein Gutachten der Landschaftsarchitekten Jacobs & Hübinger aus Berlin, vom Landesamt für Denkmalpflege in Auftrag gegeben, errechnete für Restaurierung und Konservierung einen Aufwand von 85.000 Euro nur für die 160 historisch wertvollen Grabanlagen und Grabsteine. Das Salomon Ludwig Steinheim‐Institut in Essen erstellt zurzeit eine Dokumentation über den Friedhof.

Denkmalschutz Margita Meyer, Mitarbeiterin der Gartendenkmalpflege des Landesdenkmalamts Schleswig‐Holstein, bezeichnet den jüdischen Friedhof Elmshorn als den schönsten im nördlichsten Bundesland. Seit 2015 ist er in die Denkmalschutzliste eingetragen. Im Gegensatz zu den sefardischen Friedhöfen wie im schleswig‐holsteinischen Glückstadt hat der aschkenasische aufrecht stehende Steine. Der jüdische Friedhof in Elmshorn ist nach dem Glückstädter das zweitgrößte Beit Olam in Schleswig‐Holstein.

Der Elmshorner Historiker Harald Kirschninck, der mit Alisa Fuhlbrügge die Namen und Inschriften rekonstruiert hat, erstellte mit Was können uns die Gräber erzählen zusätzlich eine zweibändige Dokumentation über den alten jüdischen Friedhof in Elmshorn.

Am 14. Oktober gibt die Jüdische Gemeinde, unterstützt vom Zentralrat der Juden in Deutschland, ein Fest der Dankbarkeit. »Dann haben wir wieder einen Ort des Gedenkens, der Geschichte und der Erwartung«, freut sich Fuhlbrügge, die in Zusammenarbeit mit dem Elmshorner Industriemuseum auch Führungen über den Friedhof anbietet.

Die Jüdische Gemeinde Elmshorn bittet aber weiterhin um Spenden für die Restaurierung und den weiteren Erhalt von Friedhof und Halle.

Spende an die Gemeinde Elmshorn unter dem Stichwort »Alter jüdischer Friedhof«, IBAN DE41221500000000123560
Harald Kirschninck: »Was können uns die Gräber erzählen?«. Books on Demand, ISBN‐13: 9783743151987

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