Porträt der Woche

»Schalom ist möglich«

Eine Alternative zur Musik hat es für ihn nie gegeben: Kantor Yoed Sorek Foto: PR

Mein musikalisches Talent hat meine Großmutter Sima Skurkovitch entdeckt. Und ihre Liebe zu jiddischen Liedern hat sie mir wie einen Schatz mitgegeben. Sie wollte, dass die Quelle ihrer Lebenskraft, die eine wie sie aus dem Jahrgang 1924 von Wilna gerettet hat, weiter in mir lebt. Jedesmal, wenn ich auf der Bühne stehe, bedanke ich mich bei meiner Safta Sima.

65 Jahre lebte sie in ihrer kleinen Wohnung in Jerusalem. Dort habe ich viele kostbare Stunden mit ihr verbracht. Sie war eine praktische Frau, die sich mit Spiritualität, Kultur, Musik und Ideen beschäftigte. Und so saßen wir in der kleinen Küche, und ich habe den gesungenen Geschichten meiner Safta zugehört, den Geschichten aus Wilna vor dem Krieg, dem Jeruschalajim de Lita.

Als ich neun Jahre alt war, hat meine Großmutter entschieden, es sei für mich an der Zeit, eine klassische musikalische Ausbildung zu bekommen. Klavier natürlich. Sie wollte, dass ich sowohl in der klassischen Musik zu Hause bin als auch beim Singen jiddischer Volkslieder. Ein Jahr später, auch dank meiner Musiklehrerin in der Grundschule, ging ich in den Ankor Children’s Choir in Jerusalem.

Elektro Der italienische Komponist Luciano Berio (1925–2003) hat in seinen späteren Lebensjahren »Ofanim« geschrieben – ein Stück für zwei Kinderchöre, zwei Instrumentalgruppen, Frauensolo und Live‐Elektronik. In der Interpretation des Anko Children’s Choir wurde aus dem Frauensolo ein Knabensolo, das ich singen durfte.

Ich sang es erst in Jerusalem. Dann durfte unser Chor nach Berlin zu den Berliner Phiharmonikern reisen. Claudio Abbado dirigierte. Er war überrascht vom Niveau dieses Chores aus Jerusalem. Und dann, bei der letzten Aufführung, war es erlaubt, im Saal zu bleiben und den zweiten Teil des Konzerts zu hören. Murry Perahia spielte das 3. Klavierkonzert von Ludwig van Beethoven – ein Werk, das ich später selbst gespielt habe. Damals verließ ich die Philharmonie und entschied: Ich werde Musiker. Eine Alternative hat es nie gegeben.

Planung Meine Großmutter hat sich sehr gefreut und meine Zukunft weiter geplant. Sie nahm mich mit zum Amcha‐Klub in Jerusalem. Amcha gibt es fast überall in Israel. In diese Klubs kommen Holocaust‐Überlebende. Ich spielte zuerst Beethoven‐Sonaten und sang anschließend Lieder wie »Moyshele mayn fraynt« oder »Kinder Yorn« von Mordechaj Gebirtig.

So ging es weiter mit dem Klavier‐ und Gesangsstudium an der Jerusalem Academy of Music and Dance. Neben der Ausbildung in Klavier und Gesang beschäftigte ich mich gern mit Chazanut. Jeden Schabbat war ich woanders, immer dort, wo Chazanut‐Profis wie Naftali Hershtik, Eli Jaffe, Yitzchak Meir Helfgot oder Azi Schwarz sangen.

Ich wollte mein eigenes Können weiterentwickeln und ging nach Den Haag in den Niederlanden. Später nach Italien, wo ich in Pavia italienische Sprachwissenschaft und in Milano Alte Musik studierte. In Italien als Musiker zu leben, ist aber sehr schwierig. Außerdem wollte ich nach Deutschland, wo viele von meinen Freunden aus der Jerusalemer Akademie leben und arbeiten.

Deutschland Ich habe meine Großmutter gefragt, ob sie etwas dagegen hat. Noch heute erinnere ich mich an ihre Antwort: »Es ist fast 70 Jahre her. In Deutschland lebt die dritte Generation. Die sind nicht schuld, und wir sollten in die Zukunft schauen. Weil es keinen Hass geben sollte, spreche ich als Zeitzeuge in Yad Vashem und auch in Deutschland. Geh’ nach Deutschland. Und ich wünsche dir viel Erfolg. Zing oyf jiddisch!«

Als ich in Deutschland ankam, habe ich erst als Leiter des Synagogenchores in der Israelitischen Kultusgemeinde München am Jakobsplatz gearbeitet. Ich wohne in Augsburg, weil ich denke, dass man in einer kleinen Stadt schneller seinen Platz findet. Ich habe mich mehr und mehr auf jüdische Musik fokussiert, und doch wollte ich immer weiter studieren. So schloss ich meinen Master in Singen und Ensembleleitung Alte Musik an der Schola Cantorum in Basel ab.

Und dann kam 2014 der Internationale Musikwettbewerb in Amsterdam. Gemeinsam mit der Pianistin Susanna Klovsky aus München habe ich den »Best Yiddish« und den »Merkaz Prize« gewonnen.

Anschließend habe ich mit meiner Safta zusammen das Projekt »Simas Songs – Simas Lieder« erarbeitet. Ich singe die Lieder und lese aus den Erinnerungen meiner Großmutter. Ich war in ganz Deutschland, in den Niederlanden, Tel Aviv und in der Schweiz mit diesem Programm unterwegs. Auch der Zentralrat der Juden in Deutschland vermittelte Auftritte.

levaya Am 16. Juni 2015 starb meine Großmutter, 91 Jahre alt, in Jerusalem. Die »Levaya«, die Beerdigung, war wieder ein wichtiger Moment in meinem Leben. Zum ersten Mal habe ich das Gebet »El Male Rachamim« als Kantor vorgebetet – und ich wurde gläubig. Ich ging zur Westmauer und habe verstanden: Jeder Mensch, auch wenn wir alle »Me’afar bata, uleafar tashuv« – »du bist Erde und sollst zu Erde werden« (Buch Moses 3,19) – sind, hat ein Geschenk bekommen. Mein Geschenk ist mein musikalisches Talent. Seitdem arbeite ich auch als freischaffender Vorbeter in Amsterdam und in Warschau.

Als einer, der in Jerusalem geboren ist, sind mir Terror und Attentate nicht fremd. Aber es waren die Attentate außerhalb Israels, die in mir etwas bewegt haben. Am 14. November 2015, einen Tag nach dem Attentat in Paris, war ich – auf dem Weg nach Beverly Hills – in Paris. Und am 2. Dezember desselben Jahres, beim Attentat in Kalifornien, war ich auch dort. Ich habe gespürt, wie die Spannung unter den Menschen stieg. Wie Hass, Angst und Fundamentalismus präsent sind. Viel Anti also, auch Antisemitismus.

Irgendwann im Dezember 2015, in meiner Augsburger Wohnung, mitten in der Nacht, war mir klar, was ich am besten mit meinen von Gott gegebenen Gaben machen möchte: die Geschichte meiner Großmutter öffentlich singen und dadurch Brücken bauen. Ich sehe doch, was sich seit 1945 in Deutschland verändert hat. Mehr als 25.000 Israelis leben in Berlin! Wer hätte sich das im Jahr 1943 vorstellen wollen? Ich ziehe daraus ein Fazit: Frieden – Schalom – ist möglich. Genau das möchte ich jungen Menschen durch die alten jiddischen Melodien vermitteln. Also begann ich, mit meinem Programm in Schulen aufzutreten.

Yiddish‐Festival Vor einiger Zeit kam ich von einem erfolgreichen Auftritt beim Internationalen Yiddish‐Festival in Tel Aviv zurück. Das israelische Publikum ist warm und herzlich, es singt die Lieder von vorn bis hinten mit. Und dann befand ich mich in Jettingen, und zum Höhepunkt des Programms – ich sang »Minutn fun bitokhn« von Gebirtig – gab es eine Energie im Raum, die ich vorher nie und seitdem nicht mehr gespürt habe. Die Mädchen sangen, klatschten und stampften mit den Füßen. Ich bin mir sicher: In diesen Jugendlichen, späteren Müttern, hat sich etwas verändert. Sie denken anders als vorher über den Holocaust, über das Judentum, über Israel. Für immer.

Vor kurzer Zeit war ich wieder in der Schule. Ein Schüler, ein Neuntklässler, hatte eine Statur wie ein ausgewachsener Mann und eine Bassstimme dazu. Er störte, die Lehrerin konnte ihn kaum zur Ruhe bringen. Und dann nach einem Gespräch sah ich ihn mit zwei Heften unterm Arm. Mit Tränen in den Augen erzählte er mir von seinem Großvater in Weißrussland, der die zwei Weltkriege überlebt hat und einen Freund der Familie, einen jüdischen Holocaust‐Überlebenden, seelisch und physisch unterstützte. Der Junge bedankte sich bei mir und sagte: »Ich danke Ihnen für ihre wichtige und berührende Geschichte.«

Sinn So habe ich gelernt, dass auch, wenn sich Schüler uninteressiert geben, etwas bei ihnen ankommt. Das tut mir gut. Es bringt Sinn in mein Leben und gibt die Kraft, weiter zu machen.

Vor einigen Jahren habe ich eine besondere Konzertreihe organisiert. Ich sang Lieder alter Meister und von Franz Schubert, von mir selbst auf dem Hammerklavier begleitet. Nun möchte ich sehr gerne ein Schubert‐Album mit dem Zyklus »Die schöne Müllerin« herausgeben. Auch dieses Werk möchte ich selbst singen und selbst begleiten.

Doch was am stärksten in mir brennt, sind Simas Lieder. Sie haben die Kraft der Inspiration für eine Welt, die alles andere als harmonisch ist. Eine Welt, die Schalom so dringend braucht.

Aufgezeichnet von Brigitte Jähnigen

Ulpan

»Hebräisch verbindet«

Uli Hirschfelder über Spracherwerb, einen deutsch‐polnischen Austausch und engagierte Studenten

von Jérôme Lombard  16.08.2019

Sprache

Gemeinsam lernen

Mangelnden Deutschkenntnissen von Kindern begegnen jüdische Schulen mit vielseitigen Konzepten

von Christine Schmitt  14.08.2019

ZWST

»Es ist auch eine große Chance«

Aron Schuster über die Überalterung der Gemeinden, deren Rolle als moderner Dienstleister und die Bedeutung der Religion

von Hans-Ulrich Dillmann  14.08.2019