Düsseldorf

Schabbat frei Haus

Wenn Mark Lektor und Emanuel Esser ihre handliche Holzkiste packen, steht ein besonderes Event bevor. Ein Abend in Gemeinschaft mit Gebeten, Gesprächen und Zeit, mit Lachen und leckerem Essen – Schabbatabend eben. Das Zubehör dafür ist in einer schlichten ehemaligen Obstkiste verpackt und kann sozusagen ausgeliehen werden für die Schabbatfeier zu Hause. Schön dekoriert auf weißem Tuch finden sich darin die notwendigen Utensilien vom Kidduschbecher bis zur Kippa.

»Mit diesem Schabbat-Kit versuchen wir, einen Rahmen zu schaffen, um das Interesse an Religion auf unkomplizierte Weise zu stärken«, erklärt der 22-jährige Initiator und Ideengeber Mark Lektor, Jugendzentrumsleiter in Mönchengladbach. Und der 28-jährige Emanuel Esser, der sich ebenfalls bei dem Projekt engagiert, ergänzt: »Wir wollten etwas machen, um die jüdische Identität gerade bei jüngeren Menschen zu stärken.« Beide leiten auch die jeweiligen Schabbatabende.

Im Mai 2016 bekam die Idee einen offiziellen Namen, ein Logo und die finanzielle sowie organisatorische Unterstützung des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein. Schabbat@Home ist damit das wohl bundesweit erste Landesverbandsprojekt dieser Art, das den Schabbatgedanken losgelöst von bestehenden Gemeindestrukturen und -angeboten auf ganz praktische Weise in jüdische Haushalte bringen möchte.

»Für unseren Landesverband ist Schabbat@Home deshalb ein wichtiges Projekt, weil wir zwar bereits erfolgreich junge jüdische Erwachsene und Familien durch eigene Events erreichen«, erklärt Michael Rubinstein, Geschäftsführer des Landesverbands. Das Besondere an diesem Projekt sei jedoch, dass der Landesverband nur das Setup liefert, aber die Beteiligten den Abend selbst organisieren.

Motivation Rubinstein, der mehr als elf Jahre Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde in Duisburg war, kennt die Distanz gerade der Jüngeren zur Gemeinde. »Wir wollen jüdische Menschen motivieren und unterstützen, durch eigenes Engagement die Tradition des gemeinsamen Kabbalat Schabbat für sich und andere zu gestalten und zu erleben, gerne auch im Anschluss an einen Gemeindegottesdienst.« Jüdische Verbandsarbeit müsse neue Wege gehen, um junge Juden verstärkt für ein praktiziertes Judentum sowie bestenfalls ein aktives Mitgestalten des Gemeindelebens zu begeistern.

Kerzen, koscherer Wein, Kidduschbecher, Gebetbuch, Schabbatdecke und Challa – alles ist beisammen. Was früher in traditionellen Familien zur Standardausrüstung gehörte, wird nach »Lieferando«-Stil ins Haus geliefert. Die Gastgeber müssen sich nicht darum kümmern, wo sie eine Challa oder den koscheren Wein kaufen können und ob für jeden Mann eine Kippa vorhanden ist. All das wird besorgt. »Wir stellen die gesamte Infrastruktur«, erklärt Rubinstein. Dazu gehören auch verschiedenfarbige Kippot und leicht anzubringende Mesusot für die Tür.

»Schabbat@Home« ist ein niedrigschwelliges Angebot und funktioniert über digitale Netzwerke. Die Gruppen finden sich über Gemeindegrenzen hinweg. Die Atmosphäre ist locker. Mark Lektor und Emanuel Esser sehen hier eine gute Möglichkeit, gerade auch Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die der Gemeinde und der Religion nicht so nahestehen, religiöse Praxis zu vermitteln.

Einen Einstieg dafür liefert das Schabbat-Kit. Die einzelnen Gebete – der Segen auf das Brot, die Bracha beim Kerzenzünden, der Kiddusch über den Wein – sind auf laminierte Blätter gedruckt. Auf Hebräisch, in Umschrift sowie auf Deutsch. »Nicht alle beherrschen Hebräisch ausreichend, so vereinfacht es die Sache«, erklärt Emanuel Esser. Jemand gibt an, an welchem Ort man sich treffen will, für das Essen bringt dann jeder etwas mit. »Der Schabbatabend findet zu Hause statt, wo man keine besonderen Rücksichten nehmen muss«, so Esser.

Gemeinschaft Zur Schabbatfeier gehöre, sich auf den anderen zu konzentrieren, sich auf Gemeinschaft einzulassen, gemeinsam zu essen, den Abend ohne Fernsehen, ohne Handy, ohne Störung zu verbringen. Mark Lektor findet den Gemeinschaftsaspekt besonders wichtig: »Wir wollen eine Plattform bieten für kulturellen Austausch in einer freien Umgebung, wo man in häuslicher Atmosphäre bei Kerzenlicht zusammen ist, sich freut, dass man zusammenkommt in der Gemeinschaft mit religiösem Hintergrund.«

Die beiden wollen durch ihr Engagement auch andere dafür begeistern, Eigeninitiative zu zeigen. Bislang begleiten sie jeden Schabbatabend, sprechen die Gebete, stehen für Rückfragen zur Verfügung. Aber auch das kann sich ändern. »Wir wollen zum Nachahmen anregen«, betont Michael Rubinstein. Auch wenn das Projekt in Mönchengladbach gestartet wurde, die »Schabbat@Home«-Engagierten haben schon in umliegenden Städten wie Bochum und Düsseldorf Freitagabende begleitet. Interessierte melden sich, über eine WhatsApp-Gruppe mit bislang etwa 50 Mitgliedern tauscht man sich aus, findet man zusammen.

Überregional Jüdisch sein nicht nur als ein Oberbegriff, sondern mit Leben gefüllt – diese Idee will der Landesverband in den kommenden Monaten gerne ausweiten. Mönchengladbach gilt als Pilotprojekt, in diesem Jahr soll die Idee großflächig den Gemeinden im Landesverband angeboten werden. »Je mehr Kisten wir dann anschaffen müssen, umso besser.« Geschäftsführer Rubinstein glaubt an eine positive Resonanz. Bislang richte sich das Angebot an Menschen bis Anfang 20.

»Ich kann mir gut vorstellen, dass wir auf diese Weise auch etwas ältere Erwachsene bis Mitte 30 und in einem weiteren Schritt Familien ansprechen können.« Dafür brauche man noch mehr engagierte Ehrenamtliche, die dann zielgruppenorientiert eingesetzt werden könnten. »Langfristig wollen wir die Menschen ans Judentum, seine praktische Ausübung und wieder an die Gemeinden binden.« Und Rubinstein denkt schon weiter: Ein »Schabbat-to-go-Set« mit den wichtigsten Utensilien für zu Hause, das man kaufen kann als Grundausstattung für weitere Schabbatfeiern.

Infos zu »Schabbat@tHome« beim Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein: 0211/4691290 oder info@lvnr.de

Leipzig

Ausstellung mit Fotografien von NS-Deportationen

Mehrere Hunderttausend Menschen wurden in der NS-Zeit aus dem Deutschen Reich deportiert. Ein Forschungsprojekt sichert seit Jahren fotografische Dokumente. Einige zeigt jetzt das Leipziger Ariowitsch-Haus

 13.08.2026

Sachsen-Anhalt

Polizeirabbiner vor der Wahl: Erstarken der AfD bereitet Sorgen         

Mehr Begegnung zwischen Juden und Nicht-Juden - das wünschen sich Deutschlands Polizeirabbiner. Sie bilden Polizeianwärter hierzulande fort und vermitteln jüdische Kultur. Seit fünf Jahren gibt es sie

von Nina Schmedding  13.08.2026

Ferien

Spiel, Spaß, Werte

Gerade beginnt der dritte Turnus der ZWST-Machanot. Bildungsreferentin Liya Cinciper über Heimweh, Handyzeiten und Kühlung bei Hitze

von Helmut Kuhn  13.08.2026

Hitze

Kühl beten, kühl bleiben

Gemeinden und jüdische Einrichtungen bekommen die hohen Temperaturen sehr zu spüren. Einige behelfen sich mit kalten Tüchern, manche mit Ventilatoren, andere haben Klimaanlagen

von Katrin Richter  13.08.2026

Programm

Summer Open Airs in Frankfurt und Hannover, und ein Rendezvous für Hercule Poirot - mit einer Leiche

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 13. August bis zum 20. August

 12.08.2026

Wiesbaden

Hessen verlängert Staatsvertrag mit jüdischen Gemeinden

Die Zahlungen an jüdische Gemeinden steigen schrittweise

 12.08.2026

Brandenburg

Cyberangriff auf Gedenkstätten

Immer wieder schädigen Ransomware-Attacken Behörden, Krankenhäuser und andere Einrichtungen. In Brandenburg ist nun die Gedenkstätten-Stiftung betroffen

 11.08.2026

Gedenken

Stolpersteine für jüdische Familie Frank in Erfurt

Als Zwölfjährige wurde Ingeburg Geißler nach Theresienstadt deportiert. Jahrzehnte später erzählt sie von ihrem Schicksal. Ihre Stimme soll nun bei der Gedenkveranstaltung erklingen

 11.08.2026

Porträt der Woche

Aus Erfahrung handeln

Marina Koren hat Ausgrenzung erlebt und unterstützt heute Betroffene von Hassgewalt

von Gerhard Haase-Hindenberg  09.08.2026