Darmstadt

Sarrazin contra Anne Frank

Die Vorbereitung auf diese Diskussionsrunde hat Daniel Neumann gar nicht geschmeckt. »Ziemlich sauer« habe sie ihn gemacht, lässt der Geschäftsführer des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden in Hessen das Publikum im Offenen Haus Darmstadt wissen. Neumann musste im Vorfeld ein Buch lesen, das weit oben auf den deutschen Bestsellerlisten steht. Die Rede ist von Thilo Sarrazins Deutschland schafft sich ab. Die Thesen des ehemaligen Bundesbankvorstands werden ein Thema sein, das im Rahmen dieser Veranstaltung diskutiert wird, auch wenn Daniel Neumann dazu nur bedingt Lust verspürt. »Denn der Genetik-Humbug, den er da aufmacht, ist gar nicht diskussionswürdig.«

Ausverkauft Die Sitzplätze im Saal des Offenen Hauses, einer Einrichtung des Evangelischen Forums Darmstadt, sind restlos besetzt. Dicht an dicht sitzen einige Hundert Gäste zu Füßen des Podiums, auf dem sich nicht weniger als elf Diskutanten niedergelassen haben. Die beiden großen Kirchen wie auch die Parteien im hessischen Landtag sind vertreten. »Der Fall Sarrazin und die Folgen« lautet das Thema im Rahmen der Darmstädter Anne-Frank-Tage.

Dabei sollte Sarrazin gar nicht so sehr im Mittelpunkt stehen. »Gibt es Strategien für Demokratie, Vielfalt und Zivilcourage in Stadt und Land?«, lautet der Untertitel der Diskussion. Weder Überschrift noch Untertitel formulieren die Frage nach dem Stand der Erinnerungskultur in Deutschland. Und an dieser Stelle kommt ein zweites Buch ins Spiel, eines das im völligen Gegensatz zu dem des ehemaligen Bankers steht: Das Tagebuch der Anne Frank.

Zustimmung Die eigentliche Diskussion beginnt mit Diagnosen, die nicht wirklich neu sind. Eine neue Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigt, dass ein Viertel der Befragten ausländerfeindlichen Thesen zustimmt, ein Drittel sich einen »starken Führer« für das Land wünscht und mehr als die Hälfte eine Einschränkung der Religionsausübung bei Muslimen für gerechtfertigt halten. Vor diesem Hintergrund fragt Moderator Martin Frenzel: »Ist Anne Frank noch aktuell?«

Eine Frage, die man Dalia Moneta, Leiterin der Sozialabteilung der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, nicht stellen muss. »Ich hatte schließlich ›Anne Franks‹ in der Familie.« Vor diesem Hintergrund erachte sie das Tagebuch immer noch als aktuell, als ein Stück greifbarer Erinnerungskultur, die es zu pflegen und zu vermitteln gelte. In diesem Punkt herrscht Einigkeit auf dem Podium.

Widerspruch Der deutsch-afghanische Philosoph und Religionswissenschaftler Ahmad Milad Karimi gehört nach eigener Aussage einer Gruppe an, »die nach Sarrazins Definition gar nicht existieren dürfte«, derjenigen der gut integrierten, noch dazu beruflich erfolgreichen Muslime. Das entscheidende Moment bei der Lektüre des Tagebuchs sei die emotionale Verbundenheit, die man zum Schicksal dieses Mädchen aufbaue. »Sie war eine Person, die ich verstehen konnte«, so Karimi, »vor allem das Bedürfnis nicht immer nur für alle ›Jude‹, sondern einfach ›Mensch‹ sein zu können.«

Problematisch an der derzeitigen Integrationsdebatte findet Karimi nicht den Rassismus, sondern dass dieser »salonfähig« geworden sei. Seine Religion dürfe jederzeit kritisiert werden. »Aber wenn sie mich kritisieren, dann bitte als einen der Ihrigen.« Daniel Neumann beurteilt die Sachlage ähnlich. Auch wenn er findet, dass einige Punkte in Sarrazins Buch dann doch »diskussionswürdig« sind, etwa der gesellschaftliche Umgang mit bildungsfernen Schichten. »Der Punkt ist aber«, so Neumann, »den gibt’s bei Muslimen wie bei Christen.«

Soziale Medien

Zeit zum Ausloggen

Australien hat es vorgemacht und ein Gesetz verabschiedet, wonach Jugendliche unter 16 Jahren kein eigenes Konto mehr auf Plattformen wie Instagram oder TikTok haben dürfen. Wir haben uns bei jüdischen Teenagern und Eltern umgehört, wie sie darüber denken

von Katrin Richter, Christine Schmitt  11.01.2026

Initiative

Gedenken im Alltäglichen

Im vergangenen Jahr wurden Erinnerungszeichen für rund 50 von den Nazis ermordete Münchnerinnen und Münchner der Öffentlichkeit übergeben

von Esther Martel  11.01.2026

Porträt der Woche

Frau mit kreativem Gen

Nelli Davydenko ist Pädagogin und tanzt gern zu eigenen Choreografien

von Chris Meyer  11.01.2026

Brandenburg

Potsdam soll jüdische Kita bekommen

Zum jüdischen Leben gehören auch jüdische Schulen und Kitas. Eine Kindertagesstätte wird derzeit in Potsdam geplant

 09.01.2026

Leipzig

Kinder greifen koscheres Café an

Sie bewarfen offenbar Mitarbeiter mit Plastikflaschen, beschimpften sie und versuchten, in den Schankraum einzudringen: Die Polizei ermittelt gegen mehrere Kinder und Jugendliche in Leipzig

 08.01.2026

Trauer

Schöpfer der Todesmarsch-Mahnmale: Hubertus von Pilgrim ist tot

Der Bildhauer Hubertus von Pilgrim ist im Alter von 94 Jahren in Pullach bei München gestorben. Internationale Bekanntheit erlangte er durch sein Mahnmal für die Opfer des Dachauer Todesmarschs vom April 1945

 08.01.2026

Debatte

Schulen legen Namen von Antisemiten und Eugenikerinnen ab

Hedwig Dohm oder Dag Hammarskjöld sind Namen, die Schulen heute gerne tragen. Andere Schulen sind nach Menschen benannt, deren Wirken heute kritischer gesehen wird als in der Vergangenheit

von Pat Christ  08.01.2026

Gegenwart

Jetzt erst recht!

Das Festjahr für jüdisches Leben in Deutschland war ein großer Erfolg. Es wird Zeit, dass nun auch auf europäischer Ebene das reiche jüdische Erbe gewürdigt wird

von Andrei Kovacs, Abraham Lehrer  08.01.2026

Mannheim

Schätze der Synagogalmusik

Die jüdischen Kantoren treffen sich zur Jahreskonferenz und laden zu drei Konzerten ein

von Christine Schmitt  08.01.2026