Besuch

Sachwalter des Guten

Joachim Gauck und Inge Deutschkron im Museum »Blindenwerkstatt Otto Weidt« Foto: Gregor Zielke

Jetzt musste er sich entscheiden, dessen wurde sich Otto Weidt am 10. November 1938 bewusst. Entweder würde er weiter untätig bleiben und Mitschuld an der Verfolgung der Juden auf sich laden. Oder er musste sich etwas einfallen lassen – und dafür womöglich mit seinem Leben bezahlen.

Am Tag nach der Pogromnacht konnte keiner mehr ignorieren, dass Hitler es ernst meinte mit seinen Drohungen gegen die Juden, wusste der Berliner Kleinunternehmer – so geht es aus seiner Korrespondenz hervor, die im Museum »Blindenwerkstatt Otto Weidt« ausgestellt ist. Zuvor waren die Nationalsozialisten marodierend durch die Straßen gezogen, hatten jüdische Geschäfte ausgeraubt, Synagogen angezündet und viele Juden ermordet.

Weidt entschied sich zu helfen. Anfang der 40er-Jahre eröffnete er im Hinterhof der Rosenthaler Straße 39 in Mitte eine Blindenwerkstatt, in der Besen und Bürsten produziert wurden. Seine Waren verkaufte er hauptsächlich an die Nazis, weshalb sein Betrieb als »wehrwichtig« eingestuft wurde. Was keiner wusste: Der 1883 in Rostock geborene Weidt beschäftigte heimlich überwiegend blinde und gehörlose Juden und rettete sie so vor der Ermordung.

Besuch Fast auf den Tag genau 75 Jahre nach Weidts Entschluss stehen die Schoa-Überlebende Inge Deutschkron und Bundespräsident Joachim Gauck vergangenen Freitag in den Räumen der früheren Werkstatt. Hier, wo Otto Weidt untergetauchte Juden rettete, befindet sich heute das Museum »Blindenwerkstatt Otto Weidt«. Gemeinsam wollen Gauck und Deutschkron anlässlich des 75. Jahrestags der Pogrome vom 9. November 1938 an die Holocaust-Opfer erinnern und Weidt für seinen Mut würdigen.

»Genau hier ist es gewesen«, sagt die 91-jährige Deutschkron zu Gauck gewandt, bei dem sie sich untergehakt hat. »In diesen Räumen habe ich gearbeitet.« Die Wilmersdorferin ist eine der Überlebenden, die dem postum als »Gerechter unter den Völkern« geehrten Weidt das Leben zu verdanken haben. Von 1941 bis Anfang 1943 hatte sie in der Blindenwerkstatt gearbeitet, später halfen ihr auch andere Menschen, den Nazi-Terror zu überleben.

Held Nachdenklich schaut Inge Deutschkron sich nun bei ihrem Rundgang mit Gauck durch die einstige Werkstatt in dem kleinen Räumen des Museums um. »Otto Weidt ist ein moderner Held«, sagt sie schließlich. Er habe das getan, was viele Menschen in der NS-Zeit unterlassen hätten: »Dies ist ihm gar nicht hoch genug anzurechnen.«

Sichtlich beeindruckt von der Biografie Weidts ist auch Bundespräsident Gauck. Selbst in schlechten Zeiten habe jeder Mensch immer die Wahl, seinem Gewissen zu folgen und das Richtige zu tun, sagt Gauck. Der Widerstand des stillen Helden Weidt gegen den Nazi-Terror sei eine »Insel der Humanität inmitten der Barbarei gewesen«. Der selbstlose Einsatz des Kleinunternehmers zeige: »Man hat immer die Wahl, Sachwalter des Bösen zu sein oder aber im Rahmen seiner Möglichkeiten zu helfen.«

Gauck ist an diesem Nachmittag anzumerken, dass er seinen Besuch nicht bloß als einen weiteren Pflichttermin in der Reihe der vielen Gedenkveranstaltungen rund um den 9. November begreift. Er hört zu, stellt Fragen, liest interessiert in überlieferten Dokumenten Weidts. Anders als im Protokoll vorgesehen, nimmt sich der Bundespräsident mehr als anderthalb Stunden Zeit für den Besuch des Museums.

DAnk Bei der Verabschiedung will sich Inge Deutschkron dafür bei Joachim Gauck bedanken. »Nein«, entgegnet Gauck, »nicht Sie haben zu danken, Frau Deutschkron. Die Bundesrepublik bedankt sich bei Ihnen, dass Sie wieder in Deutschland leben!« Ins Gästebuch des Museums trägt er bei seinem Abschied folgende Sätze ein: »Otto Weidt mochte das Wort ›unmöglich‹ nicht. Er tat mehr als das Mögliche. Wir haben eine Chance.«

Alija

Darum bleibe ich

Der 7. Oktober hat unsere Autorin zu einem anderen Menschen gemacht. Und beinahe wäre sie nach Israel ausgewandert. Vieles aber hält sie hier – aus gutem Grund

von Barbara Bišický-Ehrlich  23.07.2026

Interview

»Kiddusch mit Empanadas«

Daniela Rusowsky über die lateinamerikanische Gemeinschaft in Berlin, Melodien aus der Heimat und die Bedeutung von Kabbalat Schabbat

von Mascha Malburg  23.07.2026

Programm

Marathon-Mann, Swingende Hermline und ein festliches Triple in Karlsruhe: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 23. Juli bis zum 30. Juli

 22.07.2026

Projekt

Ein Denkmal für gefallene Soldaten und ermordete Juden

Ein Dorf will mit einer Gedenkstätte an die Opfer der NS-Zeit erinnern. Das geplante gemeinsame Gedenken an gefallene Soldaten und ermordete Juden ruft ein unterschiedliches Echo hervor

von Jens Bayer-Grimm  21.07.2026

Berlin

Jüdisch, Queer, Selbstbewusst

Der »Pride-Shabbat« des Vereins Keshet Deutschland zeigt auch in diesem Jahr wieder, dass jüdisches und queeres Leben zusammengehören

von Leon Stork  20.07.2026

Pforzheim

Die vergessene jüdische Geschichte der Goldstadt

Vom Schwarzwald aus verkauften Juden einst Schmuck in die ganze Welt. Erst langsam wird diese Geschichte aufgearbeitet. Sie ist nicht immer glänzend – und auch noch nicht vorbei

von Mascha Malburg  20.07.2026

Porträt der Woche

»Ich wollte zum Ursprung«

Richard Ernst konvertierte zum Judentum, wurde Gärtner und Hobbymaler

von Anja Bochtler  18.07.2026

Würdigung

Im Einsatz für die Demokratie

Minister Georg Eisenreich zeichnete Engagierte in Justiz und Polizei mit dem Fritz-Neuland-Gedächtnispreis aus

von Luis Gruhler  18.07.2026

München

Bücher für alle

Der Literaturwissenschaftler Nathan Cohen sprach im Rahmen der Scholem-Alejchem-Reihe über populäre jiddische Literatur in Osteuropa

von Nora Niemann  18.07.2026