München

Nicht zu überhören

Mit einem Lied, das Lebensmut und Selbstbehauptung besingt, haben am Mittwoch vergangener Woche die 39. Jüdischen Kulturtage in München begonnen. Schlagersängerin Vicky Leandros eröffnete das Festival mit ihrem Klassiker »Ich liebe das Leben« (1975), dessen Botschaft den Saal sofort erfasste. Moderator Gil Bachrach betonte, das Organisationsteam um Judith Epstein habe den Titel bewusst gewählt – ein musikalisches Statement gegen jene, die Jüdinnen und Juden zu Sündenböcken erklären wollen.

Judith Epstein, Vorsitzende der Gesellschaft zur Förderung Jüdischer Kultur und Tradition, betonte in ihrer Begrüßung, die Kulturtage wollten einen Raum der Verbundenheit schaffen. Jüdisches Leben in München gehöre in die Mitte der Gesellschaft, weshalb das Schweigen vieler, die sonst laut für Freiheit und Gerechtigkeit einträten, sie umso betroffener mache. Zugleich zeige das große Interesse an den Kulturtagen, dass es viele Menschen gebe, die solidarisch an der Seite jüdischen Lebens stünden.

Unter den Gästen waren wie in jedem Jahr erneut zahlreiche Prominente aus Politik, Kultur und Gesellschaft – darunter Ehrengast Karin Bau-müller-Söder, Herzog Franz von Bayern, Violinistin Anne-Sophie Mutter, Gasteig-Chefin Stefanie Jenke, der Vorsitzende der Liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom, Bernd C. Sucher, der evangelische Regionalbischof Thomas Prieto Peral sowie Mitglieder des konsularischen Korps und namhafte Vertreter der Medien- und Kulturszene.

Charlotte Knobloch: Jüdische Kultur längst nicht mehr so randständig wie bei den ersten Kulturtagen vor bald 40 Jahren

Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, dankte den Organisatoren für ihren Einsatz, jüdische Kultur sichtbar zu machen. Diese sei längst nicht mehr so randständig wie bei den ersten Kulturtagen vor bald 40 Jahren, so die Präsidentin, aber »im Hauptstrom der Kulturlandschaft schwimmen jüdische Themen und jüdische Menschen immer noch nicht wirklich selbstverständlich mit. Um im Bild zu bleiben: Wir müssen arg kämpfen, um uns über Wasser zu halten.« Diese Entwicklung habe sich seit dem 7. Oktober 2023 noch verstärkt.

Bayerns Justizminister Georg Eisenreich, seit vielen Jahren treuer Gast der Kulturtage, beklagte ebenfalls das Schweigen weiter Teile des Kulturbetriebs zum wachsenden Antisemitismus. Umso mehr freue er sich, dass dieser Abend einen Gegenakzent setze. Die israelische Generalkonsulin Talya Lador-Fresher würdigte in ihrer Rede den Pianisten Igor Levit, neben Leandros der zweite musikalische Stargast des Abends, für seinen Mut und seine klare Haltung. Die Kulturtage zeigten, dass jüdisches Leben in Deutschland »nicht nur Vergangenheit, sondern aktive Gegenwart« sei.

Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter, der per Video zugeschaltet war, lobte die Kulturtage als ein »unverzichtbares Forum des Dialogs«. Ludwig Spaenle, Beauftragter der Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, erinnerte an die Gründung der Gesellschaft zur Förderung Jüdischer Kultur und Tradition Anfang der Achtzigerjahre. Als Reaktion auf rechtsextreme Anschläge und das antisemitische Attentat auf Rabbiner Shlomo Levin sel. A. hätten die Initiatoren ein deutliches Zeichen gesetzt und die Tore in die jüdische Kultur hinein geöffnet.

»Wir sind stolz auf unsere jüdische Identität, Kultur und Traditionen.«

Gil Bachrach

Höhepunkt des Abends war das Spiel Igor Levits. Der international gefeierte Pianist, der am Vorabend noch mit dem Israel Philharmonic Orchestra im Münchner Gasteig aufgetreten war, spielte Werke von Mendelssohn Bartholdy, Schubert und das Adagietto aus Mahlers 5. Sinfonie, einem breiten Publikum bekannt aus Luchino Viscontis Film Tod in Venedig. Im Gespräch mit Bachrach berichtete Levit offen darüber, dass sich seit dem 7. Oktober viele Menschen aus seinem Umfeld zurückgezogen hätten – nicht durch offene Konflikte, sondern durch ein stilles, allmähliches Distanzieren. Besonders in der Kultur habe er dieses Wegdriften schmerzhaft erlebt.

Eindringliche Lesung aus Margot Friedländers Erinnerungen

Den Abschluss gestaltete die Schauspielerin und Grimme-Preisträgerin Sunnyi Melles mit einer eindringlichen Lesung aus Margot Friedländers Erinnerungen Versuche, dein Leben zu machen. Bis zum 4. Dezember bieten die Jüdischen Kulturtage ein vielfältiges Programm. Darunter ist etwa der »Kulturtage-Talk« am 23. November, bei dem Philipp Peyman Engel, Chefredakteur dieser Zeitung, Schauspielerin Adriana Altaras, Sportjournalist Marcel Reif und weitere Gäste über die Zukunft jüdischen Lebens in Deutschland diskutieren werden.

Erklärtes Ziel der Kulturtage bleibt es dabei, das jüdische Kulturleben in seiner ganzen Breite sichtbar zu machen und den Austausch in der Stadtgesellschaft zu vertiefen – ein Anspruch, der angesichts der aktuellen Lage kaum relevanter sein könnte.

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