Berlin

Realer Ort der Ausgrenzung

Sorgt für Diskussionen: der monumentale Antisemitismus des Olympiastadions Foto: picture alliance / robertharding

Auf dem Berliner Olympiagelände ist die monumentale Ästhetik der nationalsozialistischen Ideologie wie an kaum einem anderen Ort in Stein gemeißelt. Der Antisemitismus, der ihrer Architektur inhärent ist, verbirgt sich hingegen unter der Oberfläche. Das Gelände ist allerdings nicht einfach Relikt einer vergangenen Zeit, nicht Erinnerungsort, an dem über die Verbrechen der Deutschen aufgeklärt wird, sondern Austragungsort sportlicher Events und Markenzeichen der Hauptstadt bis heute.

Am vergangenen Dienstag beschloss der Senat die »außergewöhnliche stadtpolitische Bedeutung« für die Olympiaparkflächen. Mit der weiteren Nutzung des Geländes geht somit eine besondere Verantwortung einher. Zuletzt zeigte sich das in der Diskussion um die mögliche Bewerbung Berlins als Austragungsort der Olympischen Sommerspiele 2036. Wo vor knapp 100 Jahren der mörderische Antisemitismus der Deutschen vertuscht werden sollte, will der Berliner Senat beweisen, dass die Hauptstadt nichts mehr mit dem Berlin von 1936 zu tun hat.

Der NS-Staat nutzte die Olympischen Spiele systematisch dazu, sich im Ausland positiv darzustellen. Zeitgleich, während die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf die Spiele gerichtet war, errichteten Zwangsarbeiter das KZ Oranienburg. Damit wurde noch während der Spiele einer der vielen Grundsteine gelegt, die später im Holocaust kulminierten. Jüdische Sportler wurden zudem aus den Spielen ausgeschlossen.

Der NS-Staat nutzte die Olympischen Spiele systematisch dazu, sich im Ausland positiv darzustellen.

»Wenn wir es schaffen, an diesem Ort das zu vermitteln, was mit dem Sichtbaren, dem Monumentalen und dem spektakulär Inszenierten unsichtbar und zum Verschwinden gebracht wurde«, gelinge es, so Veronika Springmann vom Berliner Sportmuseum, »diese Inszenierung kritisch zu reflektieren«. Für sie liegt das Problem in der Kuration des Geländes.

Denn der Kern der NS-Ideologie ist die antisemitische Vernichtung. Und »die Kehrseite dessen ist die Schaffung einer Fantasie einer homogenen Volksgemeinschaft«, so der Antisemitismusbeauftragte des Landes Berlin, Samuel Salzborn. Das eine funktioniere nicht ohne das andere. Die NS-Körperpolitik und damit die Strategie der Rassifizierung lassen sich noch heute eindrücklich in der Architektur des Olympiageländes erleben.

Auch Salzborn sieht ein Problem in der fehlenden kritischen Auseinandersetzung mit der Gestaltung des Geländes. Das Gelände sei ein realer Ort der antisemitischen Ausgrenzung, so Jérôme Buske, Sportreferent von Makkabi Deutschland. Der jüdische Sportverein hat seinen Sitz heute dort. Den Einzug des einzigen jüdischen Sportvereins ins Olympiastadion wertet er als Zeichen des Sieges. »Makkabi ist kein Gast mehr im Stadion. Wir sind darin zu Hause.«

Der Sammelband Monumentaler Antisemitismus? Das Berliner Olympiagelände in der Diskussion, herausgegeben von Samuel Salzborn, soll die verschiedenen Kritikpunkte am Olympiagelände zusammenbringen. Springmann und Buske sind sich darin einig, dass erst die Architektur des Geländes analysiert werden muss. Erst dann könnte eine Brechung des Ortes auf allen Ebenen stattfinden, um die Wirkmechanismen punktuell zu destabilisieren. Die Durchführung jüdischer Sportevents wie den European Makkabi Games 2015 brechen bereits mit der ursprünglichen Bedeutung dieses geschichtsträchtigen Ortes.

Samuel Salzborn (Hrsg.): »Monumentaler Antisemitismus? Das Berliner Olympiagelände in der Diskussion«. Nomos, Baden-Baden 2024, 245 S., 59 €

Sachsen-Anhalt

Drohungen gegen jüdische Studenten nach Aktion vor Synagoge

Eine Menschenkette hinderte den AfD-Politiker Tillschneider an der Teilnahme an einer Gedenkfeier in Halle. Das hat Folgen für die Studierenden

 16.10.2026

Frankfurt/ Main

Einst Provisorium, heute selbstbewusst

Zum 75. Jubiläum beleuchtet ein Almanach die Geschichte der jüdischen Gemeinde nach der Schoa, ihre inneren Konflikte und ihren Weg zu einem festen Platz in der Stadtgesellschaft

von Leon Stork  15.10.2026

Dresden

Tora-Projekt wird verlängert

Mitten in Dresden wird derzeit in aller Öffentlichkeit eine Tora-Rolle geschrieben. Das Projekt soll jüdisches Leben sichtbar machen. Die Schreiberin sitzt in einem gläsernen Pavillon

 14.10.2026

Gedenken

Vier Stolpersteine erinnern in Erfurt an Familie Rosenblüth

Ein Poesiealbum bewahrte die Erinnerung an eine jüdische Mitschülerin über Generationen. Am 9. November werden in Erfurt vier Stolpersteine für Sara Rosenblüth und ihre drei Töchter verlegt

 14.10.2026

Sachsen-Anhalt

Eine Woche voller Eklats

Nach der Wahl des Landtagspräsidiums bröckelt die »Brandmauer« in der CDU weiter. Das Gedenken in Halle bot einen Vorgeschmack auf ein Land unter AfD-Regierung

von André Anchuelo  14.10.2026

Meilenstein

Endlich Batmizwa

Unsere Autorin hatte vor Kurzem ihren großen Tag. Wie sie sich darauf vorbereitet hat, was ihr Dvar Tora war und wie das Motto ihrer Party lautete, das hat sie uns erzählt

von Madeleine Prinz  13.10.2026

München

Einstimmige Zwiesprache

Kunstexperte Konrad Bernheimer stellte seine Familiengeschichte zwischen Südamerika und Deutschland in Briefen an den Vater vor

von Vivian Rosen  13.10.2026

9. November

Bautzen erinnert an Novemberpogrome 1938

Der Bautzener Kornmarkt war Schauplatz der Novemberpogrome von 1938. Eine temporäre Installation soll am authentischen Ort an NS-Opfer erinnern

 13.10.2026

Berlin

Guy Katz mit Margot-Friedländer-Preis ausgezeichnet

Geehrt wurden neben dem Hochschullehrer, eine Europaschule und ein Projekt des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend

 13.10.2026