Antisemitismus

Rabbiner in Berlin attackiert und verletzt

Opfer des Angriffs: Rabbiner Daniel Alter Foto: Thomas Rosenthal

Antisemitismus

Rabbiner in Berlin attackiert und verletzt

Jugendliche prügeln 53-Jährigen krankenhausreif. Zentralratspräsident Dieter Graumann: Bösartiger Angriff auf das Judentum in Deutschland

 29.08.2012 11:14 Uhr

Ein 53-jähriger Rabbiner ist am Dienstagabend in der Beckerstraße im Berliner Stadtteil Friedenau von vier mutmaßlich arabischstämmigen Jugendlichen angegriffen worden. Das Opfer, das eine Kippa trug, erlitt Kopfverletzungen. Außerdem hätten die Täter den Mann, seine Religion und seine Mutter beleidigt sowie eine Tötungsdrohung gegenüber der siebenjährigen Tochter ausgesprochen, die neben ihm stand. Die Jugendlichen konnten unerkannt entkommen.

Bei dem Verletzten handelt es sich um Daniel Alter. Er ist einer der ersten Rabbiner, die nach der Schoa in Deutschland ordiniert wurden. Nach seinem Studium am Potsdamer Abraham Geiger Kolleg erhielt er im September 2006 die Smicha und war danach Gemeinderabbiner in Oldenburg.

ermittlungen Wie ein Polizeisprecher am Mittwoch bestätigte, sei der Anlass des Übergriffs bislang unklar. Man gehe von einer eindeutig antisemitischen Straftat aus, der Staatsschutz hat die Ermittlungen aufgenommen.

Die Frau des Rabbiners, Hannah Alter, sagte im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen, ihr Mann sei am Mittwochabend am Jochbein operiert worden. Sein Zustand sei den Umständen entsprechend gut, er könne vermutlich am Freitag das Krankenhaus wieder verlassen.

»Ich bin sehr überwältigt von den Reaktionen bei uns im Haus und in der Nachbarschaft«, sagte Hannah Alter. »Die Menschen haben Geld gesammelt für Blumen.« Sie sei dankbar für die Solidarität. Mitbewohner hätten der Rabbinersfrau versichert: »Wir dulden so etwas nicht; wir sind stolz darauf, dass Juden bei uns im Kiez wohnen.« Gefreut habe sie sich auch über eine Stellungnahme von Betül Ulusoy von dem Projekt »JUMA – jung, muslimisch, aktiv«. Die Studentin distanzierte sich in einem öffentlichen Brief von dem Anschlag: »Ich verabscheue die Tat gegenüber dem Rabbiner zutiefst.« Reaktionen aus der arabischstämmigen Gemeinschaft habe Hannah Alter aber bislang kaum vernommen. »Da würde ich mir mehr wünschen.«

Entsetzen Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, sagte in einer ersten Stellungnahme am Mittwoch: »Dieser abscheuliche Angriff auf jüdische Menschen mitten in unserer Hauptstadt entsetzt und schockiert mich zutiefst.« Er wünsche dem Verletzten von Herzen eine schnelle Genesung. »Dieser Überfall ist aber nicht nur ein bösartiger Angriff auf das Judentum in Deutschland. Es ist ein Angriff auf uns alle, auf unsere gemeinsamen Werte von Toleranz und von Liberalität. Er darf unter gar keinen Umständen bagatellisiert werden. Wir Juden werden uns aber auch durch solche niederträchtigen Angriffe nicht einschüchtern lassen. Wir werden vielmehr weiterhin offen, leidenschaftlich und selbstbewusst unsere positive neue jüdische Zukunft hierzulande entschlossen aufbauen.« Graumann betonte, er habe volles Vertrauen in die Behörden, dass sie die Täter jetzt schnell fassen und zur Verantwortung ziehen werden.

Reaktionen Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) sagte der Jüdischen Allgemeinen: »Ich verurteile diesen antisemitischen Überfall, der am Dienstagabend verübt worden ist, auf das Schärfste. Berlin ist eine weltoffene Stadt, in der Intoleranz, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus nicht geduldet werden. Die Polizei wird alle Anstrengungen unternehmen, die Täter zu ermitteln und festzunehmen.«

Auch Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) reagierte bestürzt und verurteilte die Tat »auf das Schärfste«. In einer Pressemitteilung heißt es: »Es ist unsere tiefe Überzeugung und demokratische Pflicht, dass wir bei solchen Gewalttaten nicht schweigen oder wegsehen dürfen. Wer den Glauben anderer zum Anlass nimmt, Gewalt auszuüben, greift uns damit alle an. Solche Taten werden von den Sicherheitsbehörden unnachgiebig verfolgt.« In Berlin solle niemand Angst haben müssen, sich zu seiner Religion zu bekennen. Die Stadt setze auf ein friedliches Zusammenleben in religiöser Vielfalt. »Wer sich außerhalb dieses Konsenses stellt, stellt sich auch außerhalb unserer Gesellschaft. Hier kann, darf und wird es keine Toleranz geben.«

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Gideon Joffe, erklärte: »Nach Schweden, Frankreich und den Niederlanden sind wir anscheinend nun auch hier mit einer derart schweren Form des Antisemitismus konfrontiert, dass viele Juden verstärkt daran denken werden, ihr Judentum zu verstecken. Einen 53-jährigen Familienvater in Begleitung seiner kleinen Tochter zusammenzuschlagen, ist nur möglich, wenn man diesen Menschen nicht als Menschen sieht. Das Menschsein wird dieser Person abgesprochen, weil er Jude ist und sein Judentum offen lebt.« Joffe wünscht dem Rabbiner eine schnelle Genesung und hofft, dass die kleine Tochter keine bleibenden psychischen Schäden davongetragen hat.

Moshe Kantor, Präsident des European Jewish Congress (EJC), verurteilte den Anschlag massiv. Mit Bezug auf den Angriff auf eine Schule in Toulouse vom März diesen Jahres beklagte er, dass immer noch versäumt würde, mit der notwendigen Intensität zu reagieren. Das sende ein falsches Signal an Extremisten in aller Welt aus. »Das Leben in Europa geht nach den Morden in Toulouse so weiter wie bisher, aber für die jüdische Gemeinschaft ist nichts mehr so, wie es einmal war.« ja

Hamburg

Ruine mit Herz

Einst das Zuhause des Reformjudentums, stand der Israelitische Tempel kurz vor dem Verfall. Eine Bürgerinitiative und die Stadt wollen den historischen Ort nun neu beleben. Ein Besuch im Hinterhof

von Heike Linde-Lembke  02.08.2026

Geschichte

Die Pension in Mumbai

Ellie und Max Lesser aus Dresden waren nur zwei von vielen sächsischen Juden, die vor den Nazis Sicherheit in Indien suchten. Deren tragische Geschichte recherchierte die Journalistin Iris Völlnagel

von Thyra Veyder-Malberg  02.08.2026

Programm

Kultursommer, Führungen und Einstein vs. Hawking: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 31. Juli bis zum 6. August

 02.08.2026

Porträt der Woche

Mehr als ein Beruf

Valerie Vorkul ist Sozialarbeiterin – und jüdischer, als sie lange Zeit annahm

von Leon Stork  02.08.2026

Bundeswehr

Anerkennung für eine Zeitzeugin

Verteidigungsminister Boris Pistorius würdigte IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch mit dem Ehrenkreuz

von Luis Gruhler  01.08.2026

Berlin

Antisemitismus ohne Scham

Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Kahal Adass Jisroel in Berlin-Mitte wurde nach eigenen Angaben auf der Straße mit dem Tode bedroht

von André Anchuelo  30.07.2026 Aktualisiert

Thüringen

Das Erbe der Simsons

Beim jährlichen Moped-Treffen in Suhl feiern Zehntausende den »Sound des Ostens«. Doch hinter der Kultmarke steht die Geschichte einer von den Nazis vertriebenen jüdischen Unternehmerfamilie

von Helmut Kuhn  30.07.2026

Fußball

Rot-Weiß verbindet

Vergangene Woche gründete sich mit den »FCB Chaverim« der deutschlandweit erste jüdische Fanklub des FC Bayern München

von Luis Gruhler  30.07.2026

Erinnerung

Für immer

Manchmal sind es die kleinen Dinge, von denen wir uns nie trennen würden. Wir haben Gemeindemitglieder gefragt, welche Gegenstände ihnen viel bedeuten

von Christine Schmitt  30.07.2026