Rosenstraße

Protest der Frauen

Ruth Gross sorgte sich um ihren Vater. Foto: Anna Fischer

Rosenstraße

Protest der Frauen

Ruth Gross war als Kind bei der »Fabrik-Aktion« 1943, um ihren verhafteten Vater am Fenster zu sehen

von Christine Schmitt  23.02.2023 12:18 Uhr

Nur selten besucht Ruth Gross die Litfaßsäule an der Rosenstraße. »Eigentlich nur, wenn ich jemandem Berlin zeigen möchte«, sagt die 91-Jährige. Heute ist der originalgetreue Nachbau der Litfaßsäule ein Gedenkort und erinnert an die sogenannte Fabrik-Aktion. Ruth Gross kennt die Ecke sehr gut, denn als Kind hat sie mit ihren Eltern und ihrem älteren Bruder in der Oranienburger Straße 37 gewohnt.

Als elfjähriges Mädchen war sie mehrmals am Tag mit ihrer Mutter in der Rosenstraße, denn in dem ehemaligen Wohlfahrtsamt der Jüdischen Gemeinde zu Berlin war ihr Vater, der Fotograf Abraham Pisarek (1901–1983), inhaftiert. Wenn sie neben der Litfaßsäule stand, hatte sie einen guten Blick auf die Fenster und hoffte stets, ihren Vater zu entdecken. An eine Situation erinnert sie sich genau, als ihr Vater mit dem Brief winkte, den die Familie zuvor in einem Stullenpäckchen bei den Wächtern abgegeben hatte.

zwangsarbeit Pisarek war an einem Samstagvormittag, am 27. Februar 1943, aus der Fabrik in der Frankfurter Allee, in der er als Heizer Zwangsarbeit leisten musste, abgeholt worden und wurde zusammen mit etwa 2000 anderen in sogenannter Mischehe lebenden Juden verhaftet. Vor 80 Jahren begann die Gestapo eine groß angelegte Verhaftungswelle, die später »Fabrik-Aktion« genannt wurde.

Rund 9000 Juden wurden an diesem Tag verhaftet und in verschiedene Sammellager transportiert. In das Gebäude an der Rosenstraße wurden die Juden, die in »Mischehen« lebten und bis dahin einen gewissen Schutz genossen, gebracht. Hunderte Ehefrauen, Kinder und andere Angehörige kamen daraufhin jeden Tag in die Rosenstraße und demonstrierten.

»Als er nicht von seiner Arbeit nach Hause kam, ging mein Bruder in die Fab­rik, wo er arbeiten musste, um nachzuschauen, ob er ihn finde.« So nach und nach erreichte die schlechte Nachricht die Familie. »Sie sind alle frühmorgens mit einem Lastwagen abgeholt worden, erfuhren wir«, sagt die 91-Jährige.

litfaßsäule »An dem Sonntag noch gingen wir die Rosenstraße auf und ab«, sagt Ruth Gross. Dann seien Polizisten gekommen, um alle zu verscheuchen. Sie versteckte sich hinter der Litfaßsäule. Sobald die Polizisten weg waren, kamen die Frauen wieder.

»Wir hatten Angst.« Die Frauen seien sehr mutig gewesen, sagt Ruth Gross heute. Auch an den folgenden Tagen suchten sie immer wieder die Rosenstraße auf. »Es war ja auch schwierig, weil gerade so viele Fliegerangriffe waren.« Später berichtete ihr Vater, dass es in dem Raum so eng war, dass nicht alle Inhaftierten gleichzeitig auf dem Boden sitzen konnten, weshalb sie sich abwechselten. Begehrt waren auch die Plätze am Fenster – denn alle wollten so in Kontakt mit ihren Angehörigen kommen.

»Der Frauenprotest war singulär und ist deshalb von größter Bedeutung. Selbst wenn der Protest gescheitert wäre und die Verhafteten deportiert worden wären, gibt es in der zwölfjährigen NS-Geschichte kein vergleichbares Ereignis zivilen Protests einer größeren Gruppe in der Öffentlichkeit über mehrere Tage«, so der Historiker Andreas Na­chama im Vorwort zum Buch Gedenkort Rosenstraße 2–4.

meldeliste Nach einer Woche kam der Vater von Ruth Gross nach Hause. »Er war ganz elend, hat erst einmal gegessen, gebadet und geschlafen. Dann ist er zur Polizei gegangen, um sich zu melden«, erinnert sie sich. Einmal pro Woche musste er sich registrieren lassen, seine Tochter hat die polizeiliche Meldeliste aufgehoben. »Jeden Dienstag gab es einen Eintrag, dass er da gewesen war – nur während der Fabrik-Aktion nicht.« In einer anderen Fabrik musste er bis Kriegsende weiter Zwangsarbeit leisten, beispielsweise in einem sogenannten Himmelfahrtskommando Möbel aus Häusern räumen, in denen Blindgänger lagen.

Als die Schoa vorbei war, arbeitete Pisarek wieder als Fotograf. »In der Oranienburger Straße 28 im obersten Stock hatte er sein Studio«, so die Tochter. Die Verbindungen zwischen ihnen war immer sehr eng – »vermutlich auch, weil ich so viel Angst um ihn gehabt hatte«.
Christine Schmitt

Die Gedenkveranstaltung beginnt am kommenden Montag, 16 Uhr, am Mahnmal Große Hamburger Straße. Anschließend findet ein Schweigemarsch zur Rosenstraße statt.

Entscheidung

Halberstädter Museum für jüdische Kultur wird weiter gefördert

Im Jahr 2001 wurde das Berend Lehmann Museum für jüdische Geschichte und Kultur in Halberstadt gegründet. Zum Museum gehören die frühere Mikwe sowie die Synagoge im ehemaligen rabbinischen Lehrhaus, der Klaus. Sie bekommen weiterhin eine Förderung.

 09.07.2026

Speyer, Worms und Mainz

SchUM-Stätten feiern fünfjährigen »Welterbe-Geburtstag«

Vor fünf Jahren erhielten sie wegen ihrer wichtigen Bedeutung für das mittelalterliche Judentum den Welterbe-Titel. Nun feiern die SchUM-Stätten Speyer, Worms und Mainz die Aufnahme auf die Unesco-Welterbeliste mit einer Veranstaltung in Speyer

 09.07.2026

Gemeindetag

Zusammen füreinander

Vom 17. bis zum 20. Dezember treffen sich Mitglieder der jüdischen Gemeinden in Berlin – für viele wird es ein lang ersehntes und freudig erwartetes Wiedersehen

von Katrin Richter  09.07.2026

Machanot

Kleine Auszeit

Die Koffer sind gepackt, gut gelaunt fahren die Kinder ins Ferienlager. Doch auch die Eltern haben Pläne, wollen renovieren, verreisen oder finden ein neues Hobby. Wir haben uns umgehört

von Christine Schmitt  09.07.2026

Maccabiah

»Jetzt erst recht«

Die Sportlerinnen und Sportler aus Deutschland sind hoch motiviert. Für manche ist es nicht das erste Mal, dass sie in Israel dabei sind – bei den Medaillen spielen sie ganz vorn mit

von Sabine Brandes  08.07.2026

Programm

Schostakowitsch, Punk und Nathan in der Schwebebahn: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 9. Juli bis zum 16. Juli

 08.07.2026

50 Jahre in Deutschland

»Die Deutschen haben aus ihrer Geschichte gelernt«

Was ist typisch deutsch, was typisch amerikanisch? Holly-Jane Rahlens kennt sich mit beiden Nationen aus. Die Autorin lebt seit mehr als 50 Jahren in Berlin

von Nina Schmedding  08.07.2026

München

»Auf geht’s – an die Arbeit!«

Die Israelitische Kultusgemeinde hat einen neuen Vorstand gewählt. Charlotte Knobloch wurde als Präsidentin im Amt bestätigt

von Leo Grudenberg  07.07.2026

Rabbinerausbildung

Levinson-Stiftung als Institut an der Uni Potsdam anerkannt

Neuer Meilenstein für die Ausbildung liberaler und konservativer Rabbinerinnen und Rabbiner sowie Kantorinnen und Kantoren

 07.07.2026