Porträt der Woche

»Ohne Essen, ohne Trinken«

»In Russland war ich Professor, in Deutschland habe ich den Status eines Almosenempfängers«: Leonid Berezin (88) Foto: Marco Limberg

Porträt der Woche

»Ohne Essen, ohne Trinken«

Leonid Berezin überlebte als Jugendlicher die Leningrader Blockade

von Maria Ugoljew  02.05.2017 15:55 Uhr

Ich bin Leningrader, Neu-Berliner, Jude und Kontingentflüchtling. In Russland habe ich den Status eines Rentners, in Deutschland den eines Almosenempfängers. Ich habe viele Jahrzehnte als Ingenieur und Forschungsprofessor gearbeitet, ich war ein bekannter Spezialist auf dem Gebiet der Funktechnik. Als Kind habe ich die Leningrader Blockade überlebt, als Komsomol die schwere körperliche Arbeit in Sibirien. Ich bin Vater, Großvater und Urgroßvater, Witwer und seit nunmehr 17 Jahren wieder glücklich liiert.

Angefangen hat mein Leben am 16. Januar 1929. Ich war das zweite Kind meiner Eltern. Ilja Alekseevich aus Belarus und Vera Aleksandrovna aus Riga lernten sich in Wologda kennen, einer Stadt rund 500 Kilometer nordöstlich von Moskau. Das war noch während des Ersten Weltkrieges und nach der Oktoberrevolution. Geboren wurde ich allerdings nicht in Wologda, sondern in Sibirien, im Gebiet Tomsk in Shcheglowsk. Heute heißt die Stadt Kemerowo. Ich hatte damals schon eine drei Jahre ältere Schwester, Jevgenija. Nach mir kamen noch Vitali, Boris, Faina und Jakob zur Welt.

großeltern Aufgewachsen bin ich jedoch nicht in dieser großen kinderreichen Familie. Und auch nicht in Shcheglowsk. 1932 ging es mit Mutter und Vater nach Europa: nach Leningrad. Dort lebten meine Großeltern väterlicherseits. Meine Eltern sind alsbald wieder losgezogen, zum Arbeiten, sie nahmen meine Brüder und Schwestern mit. Ich blieb an der Newa.

Ich wuchs also in Leningrad auf. Ging zur Schule, freute mich über gute Noten. Ich liebte meine Großeltern. Mein Opa hatte einen dichten Bart. Ich dachte damals: »Opas müssen so etwas haben!« Er las oft Bücher auf Jiddisch. Damit konnte ich nicht viel anfangen, ich habe lediglich einzelne Worte aufgeschnappt. Er erklärte mir nie, was er da machte. Oder was das für eine Sprache ist. Ich sollte das nicht wissen. Als Jude war man ja ständig Repressionen ausgesetzt.

Ich kann mich aber noch gut daran erinnern, wie wir 1937 ein großes Pessachfest bei uns zu Hause ausrichteten – auch wenn das jüdische Leben zu diesem Zeitpunkt in der Öffentlichkeit bereits aufgehört hatte zu existieren. Das weiß ich jetzt im Nachhinein, damals verstand ich von alldem nicht viel.

mazza Ich fand es schön, mit meiner Oma einkaufen zu gehen. Wir besorgten Zucker und Rosinen, damit setzte sie koscheren Pessach-Wein an. In unserer kleinen Kommunalka-Küche wurde Teig gerollt für die Mazza. Am Abend versammelten sich alle an einem großen Tisch, mein Opa sprach – und ich verstand nichts. Aber es war schön!

Wenige Jahre später erkrankte meine Großmutter. Ich entdeckte sie als Erster, wie sie bei uns zu Hause im Bett lag und nicht mehr atmete. Ich besuchte zu dem Zeitpunkt die vierte Klasse. Zur Beerdigung kamen eine Menge Leute, das hat mich gewundert. Ich hatte gar nicht geahnt, wie viele Menschen sie kannten.

Im Juni 1941, als der Krieg begann, befand ich mich in einem Pionierlager. Irgendwann flogen Flugzeuge über unseren Köpfen. Wir wunderten uns, verstanden nichts. Dann holten besorgte Mütter ihre Kinder ab. Mich holte keiner ab, ich dachte, dass mein Großvater sicherlich arbeiten müsse in der Textilfabrik. Also nahm mich einer der Erzieher mit zurück nach Leningrad. Was war ich glücklich, als ich am Bahnsteig meinen Opa entdeckte!

lagoda-See Im Juli 1941 kam mein Vater zu uns: Er wollte sich von mir verabschieden, er ging an die Leningrader Front. Ich sah ihn nie wieder. Dann begann die Blockade. Wir Kinder sollten weggebracht werden. Aber anstatt uns gen Osten zu bringen, fuhr unser Zug gen Westen.

Es dauerte nicht lange, dann begann das Bombardement. Wir retteten uns in Büsche, unsere Lehrerin, die nicht viel älter war als wir, entschied, dass wir zurück nach Hause gehen sollten. Zu Fuß waren wir unterwegs, mehrere Tage, ohne Essen, ohne Trinken. Die Kleinsten trugen wir auf den Armen. Niemand beachtete uns – bis auf einen Lastwagenfahrer. Er hievte uns alle in den Laderaum, und dann ging es zurück nach Leningrad. Meine Mutter nahm mich und meine beiden Schwestern in den Arm, als wir völlig entkräftet ankamen.

Meine Geschwister zogen mit meiner Mutter nach Kasachstan weiter. Ich wollte bei meinem Opa bleiben, jetzt, wo er auch noch allein war. 1942 wurden wir über den zugefrorenen Lagoda-See – die »Straße des Lebens« – nach Tscheljabinsk in Westsibirien evakuiert. Mein Großvater liegt heute dort begraben. Eine schwere Zeit brach an. Wir lebten in einem Dorf, ich musste in der Kolchose als Hirte arbeiten.

Eines Tages hörte ich im Radio, dass eine Leningrader Marineschule Kadetten suchte. Ich bewarb mich. Im Juni 1945 lud man Hunderte solcher wie mich dorthin ein. Dort angekommen, mussten wir uns einer medizinischen Kontrolle unterziehen. Ich wurde nicht genommen, denn der Augenarzt stellte eine Farbschwäche fest. Das war mir vorher gar nicht bewusst gewesen. Also reichte ich meine Unterlagen woanders ein.

kommunalka Ich ging an eine Binnenschifffahrtsschule, Teile der Ausbildung absolvierte ich auf einem Kriegsschiff. Die Offiziere waren sehr streng, kamen gerade von der Front. Einige blieben danach in der Armee. Ich hingegen entschied mich für ein Ingenieursstudium und spezialisierte mich später auf dem Gebiet der Funktechnik. An der Leningrader Hochschule für Elektrotechnik machte ich Karriere, schrieb meine Dissertation, wurde Professor. Meine Frau Maria unterstützte mich dabei. 1952 hatten wir geheiratet. Wir lebten noch in einer Kommunalka, teilten uns das Zimmer mit Marias Eltern. 21 Quadratmeter, es war eng für uns alle. 1953 kam unser Sohn Ilja zur Welt. Zum Lernen ging ich damals immer in die Bibliothek.

1975 ereignete sich ein schwerer Schicksalsschlag. Wir hatten auf der Krim Urlaub gemacht. Unser Sohn flog einen Tag früher nach Hause. Meine Frau Maria und ich wollten mit dem Auto nachkommen. Ein Lastwagen rammte uns stark, meine Maria starb. Das hat mich lange Zeit sehr mitgenommen. Viele Jahre später habe ich Evelina kennengelernt, wir sind gemeinsam nach Deutschland ausgewandert.

Mein Sohn und seine Familie waren bereits 1989 nach Berlin gegangen. Ehrlich gesagt, von allein hätte ich das nicht gemacht. Wir führten ein etabliertes Leben in Leningrad, oder wie man heute sagt: Sankt Petersburg. Wir hatten unsere Wohnung, unsere Freunde, unseren Alltag. Deutschland war mir fremd, auch wenn ich die Sprache teils beherrschte. In der Uni habe ich sie ja gelernt, aber dann nie benutzt.

synagoge Im März 1992 kamen wir zu Besuch nach Berlin. Ich kann mich gut an einen Spaziergang im Tiergarten erinnern und daran, wie uns die Jüdische Gemeinde empfing. Alle fragten: »Was macht ihr noch da drüben? Kommt doch her.« Man lud uns in die Synagoge in der Joachimsthaler Straße ein.

Es war das erste Mal, dass ich eine Synagoge betrat. In Leningrad hatte ich lediglich von außen mal hineingeschaut. Alles andere hätte Probleme bereiten können.

Ein halbes Jahr später haben wir dann wirklich unsere Sachen gepackt. Wir nahmen nicht viel mit: Kleidung, Besteck, zwei Geschirrservices, die Maria und ich zur Hochzeit geschenkt bekommen hatten. Und Bücher, darunter auch ein Jiddisch-Lehrbuch, das ich mir kurz zuvor besorgt hatte. Dann kamen wir in Berlin an, mit dem Zug. Am Bahnhof holte uns mein Sohn Ilja ab. Wir, die beiden »Kontingentflüchtlinge«, bezogen eine kleine Wohnung in Charlottenburg. Hier wohne ich bis heute.

Das Leben ist einfach, aber vielfältig – dank einer Reihe von Unterstützern. Wir besuchten von Anfang an einen Deutschkurs, mit der Kursleiterin haben wir uns angefreundet. 1997 holten wir Evelinas Mutter nach Berlin. Ich kümmerte mich bis zu ihrem Tod um sie. Das war vor zehn Jahren. Vor 17 Jahren starb Evelina, sie wurde sehr krank.

liebe Ich ließ den Kopf nicht hängen. Eine Freundin stellte mir Bella vor, sie war ebenfalls verwitwet. Was soll ich sagen – es war Liebe auf den ersten Blick. Diese kleine Frau, die mir damals in ihrer Spandauer Küche begegnete, gefiel mir sehr. Bellotschka wohnt heute eine Etage unter mir. Sie hilft mir bei so vielem, auch in der Vereinsarbeit, wo ich sehr aktiv bin.

Menschen zusammenzubringen, für andere da zu sein – das ist mir wichtig. Ich liebe es, dass mein Telefon ständig klingelt.

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