Thüringen

Nossen spricht Tacheles

Viel über sein Leben, viel über die Gemeinde, doch wenig über seine Jahre in Israel verrät Wolfgang Nossen im Gespräch mit Kerstin Möhring, das jetzt als Buch vorliegt. Foto: salier

Thüringen

Nossen spricht Tacheles

Der frühere Gemeindevorsitzende erzählt aus seinem Leben

von Kevin Zdiara  18.08.2014 18:46 Uhr

Fast zwei Jahrzehnte prägte Wolfgang Nossen die Jüdische Landesgemeinde in Thüringen. Im vergangenen Jahr zog er sich in den wohlverdienten Ruhestand zurück. Mit 83 Jahren schaut Nossen auf ein langes und bewegtes Leben zurück und zieht Bilanz. Die Autorin Kerstin Möhring hat sich in den vergangenen Jahren mehrmals mit Nossen getroffen. Das Ergebnis legt Möhring jetzt mit Der Mann, der Tacheles redet in Form eines langen Gesprächs vor, ergänzt um Reden, Briefe und weitere Veröffentlichungen von Nossen sowie Laudationes auf ihn.

Breslau Am Anfang stehen die Einblicke in das Leben des 1931 in Breslau geborenen Sohns eines jüdischen Vaters und einer zum Judentum konvertierten Mutter. Die weiteren Stationen sind Erfurt, Israel, Nürnberg und ab Anfang der 90er-Jahre wieder dauerhaft die thüringische Landeshauptstadt.

Es ist insbesondere dieser letzte Lebensabschnitt, für den Nossen bekannt wurde und der in dem vorliegenden Buch eine zentrale Rolle spielt. Denn im Jahr 1995 übernahm er den Vorsitz der Gemeinde, womit für ihn eine neue, sehr öffentliche Rolle begann. In seiner Amtszeit waren vor allem zwei Aspekte wichtig: zum einen das Wachstum und die Veränderung der Gemeinde aufgrund der russischsprachigen Einwanderer und zum anderen der Rechtsextremismus und Antisemitismus. In Möhrings Buch steht allerdings vor allem der letzte Punkt im Vordergrund, was ein wenig bedauerlich ist, da es Nossens Rolle auf die des Mahners reduziert.

Familienmensch Neben seiner Funktion als Gesicht der jüdischen Gemeinde Thüringens lernt man eine andere Seite des Gemeindevorsitzenden kennen: Der Mann für Klartext ist eben auch und gerade ein großer Familienmensch. Berührend ist hierbei der Abschnitt über seine wiedergefundene Jugendliebe Elisabeth. Vier Jahrzehnte hält er an ihr fest, und Anfang der 90er-Jahre kommt es zum Happy End.

Die ernsten Teile des Buches werden immer wieder um Anekdoten ergänzt, in denen sich Nossen als unterhaltsamer Gesprächspartner zeigt. Viel erfährt der Leser über Nossens Jugend in Breslau während der Naziherrschaft, über die Jahre als Gemeindevorsitzender, wenig hingegen über Nossens Leben in Israel. Das ist erstaunlich, lebte er dort doch fast drei Jahrzehnte und kämpfte in vier Kriegen als Soldat für dieses Land.

Klare Worte Dennoch könnte der Titel Der Mann, der Tacheles redet nicht passender sein. Dies kann man gerade in Nossens zahlreichen Reden nachlesen. Er kommt auf den Punkt und nimmt hierbei kein Blatt vor den Mund. Mit Überzeugung und klaren Worten verteidigt er Israel gegen unfaire Kritiker, auch wenn es sich dabei um Entwicklungsministerin Wieczorek-Zeul handelt. Er plädiert für ein NPD-Verbot und warnt vor einer um sich greifenden Geschichtsvergessenheit und Geschichtsverdrängung.

Das Buch zeigt einen engagierten Gemeindevorsitzenden, der die Öffentlichkeit nicht scheut, und – man lernt den Menschen dahinter kennen.

Kerstin Möhring, Wolfgang Nossen (Autoren): »Der Mann, der Tacheles redet«. Salier, Hildburghausen 2014, 352 S., 14,90 €

Eröffnung

Ausstellung in Osnabrück beleuchtet Antisemitismus

2026 jährt sich das Ende der ersten jüdischen Gemeinde in Osnabrück zum 600. Mal. Mit einer Ausstellung erinnert das Museumsquartier an diese frühe Phase jüdischer Geschichte. Auch die Wurzeln des Antisemitismus werden sichtbar

 19.03.2026

Musik

»Die Verbundenheit zwischen Juden und Iranern zeigen«

Alexey Kochetkov und Kioomars Musayyebi haben ein Konzert mit jüdischer-persischer Musik gegeben. Ein Gespräch über Santur-Klänge, Politik und eine besondere Freundschaft

von Katrin Richter  19.03.2026

Berlin

Berliner Rabbinerin wird Präsidentin der Rabbinical Assembly

Mit Gesa Ederberg übernimmt erstmals eine Europäerin das Spitzenamt der internationalen Organisation

 18.03.2026

Angriffe

Schmierereien und Drohungen: Antisemitismus an NS-Gedenkstätten nimmt zu

Lehrer hätten bereits Führungen abgesagt, aus Angst, dass Schüler das Programm boykottieren

von Leticia Witte  18.03.2026

Ehrung

Ein pflichtbewusster Optimist

Fritz Neuland war einer der Wiederbegründer und später Präsident der Münchner Kultusgemeinde. Nun ist eine Straße nach ihm benannt

von Esther Martel  16.03.2026

Auftakt

Schutzversprechen für die jüdische Gemeinschaft

Im Alten Rathaus am Marienplatz begann die Münchner »Woche der Brüderlichkeit« 2026

 16.03.2026

Dresden

Stimme der Aufklärung

Die 90-jährige Schoa-Überlebende Renate Aris erhält für ihr Engagement als Zeitzeugin das Bundesverdienstkreuz

 15.03.2026

Berlin

Signale am Gleis 17

Aktivisten möchten aus dem ehemaligen Bahnwärterhaus eine Info-Werkstatt zur Schoa machen

von Christine Schmitt  15.03.2026

Porträt

Im Einsatz für andere

Jutta Josepovici arbeitete für die ZWST und die Frankfurter Jüdische Gemeinde

von Eugen El  15.03.2026