Kreuzberg

Noa rennt

Die einzige jüdische Kandidatin fürs Landesparlament: Miriam Noa (SPD) Foto: Stephan Pramme

Seit Wochen joggt Miriam Noa im roten Trikot quer durch Berlin-Kreuzberg. Nur selten allein, denn die 29-jährige Musikwissenschaftlerin läuft derzeit nicht nur für die eigene Gesundheit, sondern auch, um für die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) ins Berliner Abgeordnetenhaus einzuziehen. Die Chancen stehen nicht schlecht für sie, doch war es noch nie ein Schönwetter-Unternehmen, sich im Kreuzberger Wahlkreis 1 den Wählern zu stellen.

»Rot-Runner« heißt das von der Kandidatin aufgestellte Team, das sich locker laufend durch die Kieze bewegt. Entlang der Strecke finden sich beschauliche Parks und Jugendstilbauten, aber auch verkommene Plattenbauten, sichtbare Armut und infrastuktureller Verfall.

Miriam Noa, die einzige jüdische Bewerberin um einen Sitz im Berliner Abgeordnetenhaus, weiß durchaus, worauf sie sich einlässt. Die gebürtige Stuttgarterin schnupperte als Kind schon zwei Jahre Kreuzberger Luft und ging sofort nach dem Abitur wieder zurück in ihren Kiez. Hier fühlt sie sich zu Hause. Doch sie ahnt, dass im so geliebten Stadtteil soziale und demografische Probleme überhandnehmen könnten.

Manchmal packt die junge Sozialdemokratin pure Wut darüber, dass in manchen Gegenden »60 bis 70 Prozent der Kinder in Familien mit Hartz-IV-Einkommen aufwachsen und die Eltern langsam resignieren. Was mich aber besonders ärgert«, sagt Noa, »ist die Ignoranz der Eliten, einschließlich der politischen Eliten. Keiner von denen kommt auf die Idee, mal hier vorbeizuschauen und beispielsweise im Supermarkt zu sehen, was die Leute aufs Fließband legen.«

vor ort Die junge Musikerin versucht eher den umgekehrten Weg, besucht die Problem-Viertel, spricht dort auch obdachlose und suchtkranke Menschen an. In der Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg, wo sie seit Jahren den Schulausschuss leitet, kämpft sie für eine enge Verzahnung von Bildung, Kultur und Gesellschaft.

»Jeder Mensch hat ein Recht auf bestmögliche Förderung«, das ist einer von Miriam Noas politischen Lieblingssätzen. Gern zitiert sie auch Otto Schily, der einst meinte, dass die Schließung von Musikschulen die innere Sicherheit gefährde. Obendrein ficht sie für das Migranten-Wahlrecht.

Woher dieses überdurchschnittliche Engagement für Randgruppen und sozial Schwächere? Offensichtlich ist die Ex-Schwäbin damit in der Familie nicht die erste. »Mein Großvater war aktiv im sozialis-tischen Widerstand, und mein Vater folgte in seinen Fußstapfen.

Da ist es doch kein Wunder, wenn auch meine Schwester und ich zur SPD gegangen sind«, lacht die junge Frau, um dann recht ernsthaft anzumerken: »Ich wüsste keine Partei in Deutschland, in der man als Jude besser aufgehoben sein könnte. Zum einen liegt das an ihrer Geschichte. Und heute sind wir die einzige Partei, in der man sich links engagieren kann, ohne gleichzeitig Antiisraelismus und Antizionismus mitzukaufen.«

Noa hat kein Problem damit, ihre Jüdischkeit nach außen hin zu zeigen. Auf ihrem Kandidaten-Flyer findet sich der Verweis auf den Arbeitskreis jüdischer Sozialdemokraten. Gelegentlich trifft man sie auch in der Synagoge Fraenkelufer, der einzigen im Stadtteil. »Hier mag ich die Gottesdienste am meisten«, erklärt die SPD-Hoffnungsträgerin.

»Es passt einfach alles von der religiösen Form her, die Atmosphäre ist locker und herzlich.« Religion versteht sie aber keineswegs nur als Gebet, Gemeinschaft und praktizierte Tradition. »Mein Großvater«, erzählt sie, »ist eigentlich nie in die Synagoge gegangen, außer vielleicht an Jom Kippur. Trotzdem war er ein tief religiöser Mensch.«

wahlwerberin Dass heute nicht mehr Berliner Juden in der Kommunal- und Landespolitik mitmischen, wundert die aufgeschlossene und kommunikative Frau ein bisschen. Schlüssige Gründe dafür fallen ihr aber nicht ein. Antisemitismus? Auch dieses Thema geht die Wahlbewerberin für sich eher gelassen an.

»In manchen Teilen des Wahlkreises besteht die Bevölkerung zu drei Vierteln aus türkischen und arabischen Migranten. Natürlich kann es da auch mal vorkommen, dass du als jüdische Kandidatin beim Bürgergespräch provoziert wirst, und sei es nur mit subtilen Fragen nach dem eigenen Namen. Aber das sind bisher Einzelfälle geblieben, und ich schenke dem nicht allzu viel Beachtung.«

Am 18. September, dem Tag der Berliner Abgeordnetenhaus-Wahl, wird sich zeigen, ob Miriam Noa den Kreuzberger Wahlkreis 1 für die SPD »erlaufen« hat. Doch eine »Trainingspause« ist für die »Rot-Runnerin« auch danach nicht gleich in Sicht.

Noch im Herbst will sie ihre Promotionsarbeit zum musiksoziologischen Thema »Volkstümlichkeit und ›Nation Building‹« an der Humboldt-Universität einreichen. Dann möchte sie die lange Liste aufgeschobener Treffen mit Freunden und Verwandten angehen und auch endlich mal wieder am Klavier spielen.

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