Halle

Nichts ist, wie es war

»Es geht uns alle an«, so die klare Botschaft des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier. Foto: dpa

»Nicht in meinem Namen.« Es ist kurz vor 12 Uhr mittags auf dem Marktplatz von Halle. Straßenbahnen bleiben stehen, Passanten blicken auf den Boden. Dort malt der gebürtige Iraner Keywann Strichmännchen aus Kreide, die eine riesige Menschenkette bilden.

Die Botschaft: Steht zusammen! Quer über den Marktplatz zieht sich diese Kreide-Kette, wer will, malt einfach mit. Er ist an diesem Tag extra nach Halle gereist. Ein Jahr nach dem Anschlag hier zu sein, war ihm wichtig, denn »was vor einem Jahr in Halle geschah, nach Meinung des Täters ›im Namen des Volkes‹, das ist definitiv nicht in meinem Namen geschehen«, macht Keywann klar.

Die Stadt habe sich verändert, erzählen auch andere Passanten. Und üben leise Kritik – nicht nur an der Äußerung des Innenministers von Sachsen-Anhalt. Er hatte den Engpass bei Polizeistunden mit der stärkeren Präsenz vor jüdischen Einrichtungen entschuldigen wollen. Ein Sturm der Entrüstung war die Folge. Auch der Antisemitismusbeauftrage des Bundes, Felix Klein, kritisierte diese Äußerung scharf.

SCHUTZ Auch Klein kommt kurz nach 12 Uhr am Marktplatz an, steigt aus einer Straßenbahn und will dabei sein, wenn Politik und Stadtgesellschaft innehalten. Was bewegt ihn an diesem Tag, der auch von dem neuen Attentat in Hamburg überschattet wird?

Es seien zwei Dinge, meint er. Zum einen habe der Anschlag in Halle gezeigt: »Jeder kann Opfer eines antisemitischen Anschlags werden. Das hat uns aufgerüttelt. Die Gesellschaft hat erkannt: Antisemitismus bedroht uns alle!« In Hamburg habe sich – trotz aller Tragik – gezeigt, dass Maßnahmen greifen. »Durch den Schutz und die Polizei, die vor Ort war, konnte der Attentäter überwältigt werden«, sagt Klein. Doch auch der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung gibt zu, mehr Schutz von Gebäuden sei das eine, der Schutz von Menschen das andere.

Nicht nur Blumen werden niedergelegt – auch Briefe mit Hakenkreuzen.

Der Polizeischutz in der Stadt ist nicht zu übersehen. Straßen sind abgesperrt, vor allem vor dem Zugang zur Synagoge. Die Verkäuferin einer Bäckerei in der Nebenstraße schaut aus der Ladentür. Auch sie hat jenen Tag genau vor einem Jahr erlebt. Bis 18 Uhr habe sie sich im Laden verbarrikadiert. »Man wusste ja nicht, was da draußen los war«, sagt sie. Der Tag heute sei auch für sie ein sehr beklemmender, meint sie, und einer fast ohne Kundschaft.

ZEITRAFFER Max Privorozki steht vor der Synagoge, auf der Straße, genau dort, wo vor einem Jahr der Attentäter seinen tödlichen Plan in die Tat umsetzen wollte. Ab jetzt wird an dieser Stelle eine bronzene Tafel an die Opfer erinnern, an Jana L., die sich mutig dem Attentäter entgegengestellt hatte, und Kevin S., der im nahegelegenen Döner-Imbiss erschossen worden war.

»Man kann nicht ausschließen, dass so etwas wieder passiert. Da helfen nur langfristige Programme«, sagt Max Privorozki, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Halle. Das Jahr hat Spuren hinterlassen. Auch bei ihm.

An jenem Morgen, erzählt er, sei alles nochmals wie ein Zeitraffer vor seinem Auge abgelaufen bis hin zu jenem dramatischen Tag, dem 9. Oktober 2019, als man friedlich mit Gästen Jom Kippur begehen wollte. Es sei »die Kunst der Politik und die Weisheit«, betont er, »Konsequenzen und Schlussfolgerungen langfristig daraus zu ziehen«.

GEFAHR An diesem Freitag sind viele Politiker nach Halle gereist, nicht nur Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, auch Familienministerin Franziska Giffey, der Opferbeauftrage der Bundes, Edgar Franke, und Vertreter des Landes Sachsen-Anhalt.

Landtagspräsidentin Gabriele Brakebusch wird später sagen, es treibe sie bis heute um, daran zu denken: »Was wäre wenn?« Sie erzählt in ihrer Rede aber auch, dass Menschen hier nicht nur Blumen als Gruß hinterlassen würden, sondern auch Briefe und Symbole wie ein Hakenkreuz. Die Botschaft sei klar: »Antisemitismus ist eine tägliche Gefahr.« Was ihn wirklich bei aller Ambivalenz freue, sagt Max Privorozki, seien die Reaktionen der »einfachen Menschen«. Viele hätten sich gemeldet, würden seitdem Fotos schicken, Geschenke und Blumen bringen.

»Ich bin mit gemischten Gefühlen nach Halle gefahren«, sagt der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, zu Beginn seiner Rede. Die Erinnerung an das Attentat löse noch heute Schmerz aus. Zum einen gebe es diese große Solidarität, zum anderen sei da aber auch dieses Zeichen der Zerstörung: die Tür. »Heute ist sie ein Kunstwerk«, sagt Schuster.

TÜR Eines, das die 19-jährige Lidia Edel aus Halle geschaffen hat. Auch sie ist anwesend und erzählt, wie nah ihr jüdisches Leben ist. Immer sonntags würde sie Kinder in Kunst unterrichten, mit ihnen an Theaterstücken arbeiten oder Feiertage vorbereiten.

Die vergangenen Monate hat sie dazu genutzt, einen großen Baumstamm aus Art-Beton mit Hilfe eines Metallgerüstes zu kreieren. »Eine Eiche, deren Äste eine Hand darstellen, auch als Symbol der Hamsa, der Hand zum Schutz gegen das Böse«, beschreibt sie das Kunstwerk.

Genau darin befindet sich nun die ehemalige Tür der Synagoge, die größeres Unheil verhinderte. »Sie wird von zwei Fingern gehalten«, erklärt die junge Frau, »Finger mit tragischen Verletzungen« symbolisch für die beiden Opfer. Auf der Rückseite ranken 52 metallene Blätter an dünnen Zweigen. Sie symbolisieren die Mitglieder der Gemeinde an jenem Tag.

DÖNER-IMBISS Nicht nur an der Mauer vor der Synagoge, auch vor dem kleinen Döner-Imbiss eine Straße weiter ist eine bronzene Tafel in den Boden eingelassen worden, um an Jana L. und Kevin S. zu erinnern. Auch dort stehen Blumen und Kerzen.

Als am späten Nachmittag etwas Ruhe eingekehrt ist, steht den beiden jungen Verkäufern hinter dem Tresen im Imbissladen noch immer die Anspannung ins Gesicht geschrieben. Einer von ihnen hat das Attentat unmittelbar miterlebt. Wie geht es ihm nach einem Jahr? Ist der Alltag zurückgekehrt? Er überlegt kurz und meint, da sei noch nichts wie früher. »Das ist natürlich schwer.« An einem Tisch sitzen auch Mitglieder der Jüdischen Gemeinde. Man sei, sagt er, näher zusammengerückt.

»Es reicht nicht, zur Tagesordnung überzugehen.«

Frank-Walter Steinmeier

»Ich empfinde Scham und Zorn«, formuliert es Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, als er kurze Zeit später in der Ulrichskirche steht, auch hier streng abgeschottet. Nur wenige Menschen haben Zutritt. Dafür überträgt das Fernsehen live und an Public-Viewing-Plätzen in der Stadt. Auch am Steintor-Campus stehen die Menschen im Nieselregen zusammen, auffallend viele junge Familien mit Kindern.

Die Liste der antisemitischen Übergriffe seit 1945 sei lang, sagt Steinmeier. Es sei »eine Liste der Schande«, und es reiche eben nicht, zur Tagesordnung überzugehen. Denn: »Antisemitismus ist seismografisch für den Zustand unserer Gesellschaft.« Man müsse besser Netzwerke aufspüren und Verbrechen verhindern, weil Rechtsextremismus tief hinein in die Gesellschaft rage. »Im Falle von Hanau und Halle wissen wir, wer die Täter sind«, sagt Steinmeier. »Es geht uns alle an« – das sind seine mahnenden Worte an diesem Tag in Halle.

REDEMANUSKRIPT Der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff, wirkt sichtlich gedrückt. Sein vorbereitetes Redemanuskript legt er beiseite. Dass man jüdisches Leben besser gestalten will, sei ausdrücklich sein Wunsch, und mit Blick zu Max Privorozki sagt er: »Sie können auf uns zählen.«

Man werde sich für die beiden neuen Synagogen in Dessau und Magdeburg starkmachen, denn: »Wir wollen jüdisches Leben haben, weil es das immer hier gab.« Es sei ein Erbe und eine Verpflichtung zugleich. Und als Antwort auf die aktuelle Diskussion um seinen Innenminister sagt er, es sei ein »apodiktischer Satz«: Der Schutz des jüdischen Lebens sei im Staatsvertrag geregelt. Punkt.

Zum Schluss sind es auch die Worte des Bundespräsidenten, die über den Tag hinaus ein Auftrag sein werden: »Menschenfeindlichkeit trifft nicht jeden, aber sie betrifft uns alle.«

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