Brandenburg

Neue Heimat Werneuchen

Idealer Ort, um nach 16 Stunden Arbeit im Restaurant abzuschalten: Gal Ben Moshe in Werneuchen Foto: Stephan Pramme

Das Haus liegt idyllisch gegenüber einem kleinen Weiher, die Straße ist ruhig, nicht nur an diesem sonnigen Herbstmittag. Ein grünes Holztürchen führt in den Garten, in dem links und rechts hohe Tannen stehen, dahinter empfängt ein schönes Steinportal die Besucher. Der Haupteingang ist jedoch verschlossen. Stattdessen gelangt man durch ein großes Holztor auf der rechten Seite in den Garten, wo Gal Ben Moshe wartet. »Wir haben noch keinen Schlüssel für die vordere Tür«, erklärt er entschuldigend, »und drinnen wird noch renoviert und umgebaut.«

Von den Nachbarn im Ort fühlt sich der Gastronom gut aufgenommen.

Vor sechs Monaten ist der aus Israel stammende Spitzenkoch, ehemals Betreiber des Restaurants »Glass« in Berlin‐Charlottenburg, mit seiner Verlobten, der Sommelière Jacqueline Lorenz, den drei Kindern und zwei Hunden von Berlin‐Prenzlauer Berg in einen Ortsteil Werneuchens gezogen. Ein Pferd ist der neueste Familienzuwachs seit dem Umzug. Das Haus und der Garten sind nicht nur ihr neues Heim, sondern auch ihr Projekt geworden, das sie gemeinsam stemmen. Keine Kleinigkeit, denn parallel bereitet das Paar, das auch beruflich zusammenarbeitet, die Eröffnung seines neuen Restaurants »prism« in Berlin‐Charlottenburg vor – mit engem Zeitplan.

RASENMÄHER »Als wir hier ankamen, standen überall hüfthoch Brennnesseln, und wir haben erst einmal einen Rasenmäher gemietet«, erzählt Gal Ben Moshe. Einige Bäume im Garten mussten weichen, für das Pferd wurde eine Weide mit elektrischem Zaun angelegt. Im Haus selbst müssen unter anderem noch der Fußboden und die Fenster erneuert werden. »Aber«, sagt Ben Moshe, »ich bin zufrieden damit, was wir in den vergangenen sechs Monaten geschafft haben.« Man habe schließlich keine schicke Villa in Brandenburg gesucht, sondern genieße den »rustikalen Charakter«.

»Unsere Ausgangsbedingungen hier sind gut, und ich habe eine Million Ideen, was ich noch anbauen und pflanzen möchte«, schwärmt der Küchenchef, der mit 16 Punkten im Gault‐Millau 2018 ausgezeichnet und für den Titel »Berliner Meisterkoch 2018« nominiert worden war. Die Produkte aus dem heimischen Garten sollen auch im neuen Restaurant Verwendung finden.

Es fällt schon auf, wenn der Busfahrer jeden in der Schlange freundlich grüßt – nur ihn nicht.

Und davon gibt es gerade im Spätsommer und Frühherbst jede Menge. Im weitläufigen Garten wachsen mehrere Kirsch‐, Apfel‐ und Birnbäume, außerdem ein großer Walnussbaum, dessen Blätter goldgelb in der Herbstsonne leuchten. Die Nüsse wurden schon weitgehend verarbeitet, erzählt Ben Moshes Mutter. Sie unterstützt die junge Familie vor Ort in Werneuchen und beschreibt, wie sie vor einigen Monaten aus den Früchten »Schwarze Nüsse« hergestellt haben, eine süddeutsche Spezialität, bei der die jungen grünen Walnüsse in einer aufwendigen Prozedur über mehrere Wochen hinweg eingelegt werden und so ihre Farbe wechseln.

BASILIKUMBLÜTEN »Es ist schon erstaunlich, wie anders die Qualität der Erzeugnisse hier ist«, schwärmt Ben Moshe. Er steht an einer abgelegenen Stelle des Gartens unter einem von Efeu überwucherten Zwetschgenbaum. »Der Baum ist 200 Jahre alt«, sagt der 33‐Jährige, »die Sorte gilt als ausgestorben.« Eine Kostprobe führt tatsächlich zu einer geschmacklichen Überraschung. Die Früchte sind so, wie reifes Obst eigentlich sein soll – süß und voller Aroma.

Außerdem wachsen Brombeeren, Heidelbeeren, Erdbeeren und Holunder auf dem Grundstück der Familie. Basilikum, Oregano und Salbei wurden zum Teil schon von den Vorbesitzern angepflanzt und haben sich wild vermehrt. Auch sie will Ben Moshe für das Restaurant nutzen. »Die Blüten der Kräuter haben einen besonders intensiven Geschmack«, erklärt er. »Warum sollte ich viel Geld für Basilikumblüten aus Frankreich bezahlen, wenn ich sie hier bei mir im Garten anbauen kann?«, fragt der Küchenchef. Auch Lamm‐ und Hammelfleisch für sein neues Lokal möchte er aus der Region beziehen.

»Als wir das Angebot für das Haus bekommen haben, waren wir anfangs sehr, sehr skeptisch«, erinnert sich Ben Moshe. Zuvor hat er mit seiner Partnerin und den Kindern, heute vier und fünf Jahre alt, zunächst vier Jahre in Charlottenburg gelebt, danach ein Jahr in Prenzlauer Berg. »Dort hatten wir weniger Platz, zahlten aber fast das Doppelte an Miete.« Die angebliche Kinderfreundlichkeit des Bezirks entpuppte sich aus Sicht des Paars schnell als Klischee. Die Kindergärten waren völlig überfüllt, ebenso die Spielplätze, Nachbarn beschwerten sich über die Lautstärke der Kinder.

Beiden wurde klar, dass es so nicht funktionieren konnte. In ihren ehemaligen Bezirk Charlottenburg zurückzuziehen, kam ebenso wenig infrage. »Nicht nur wegen der gestiegenen Immobilienpreise«, führt Ben Moshe als Grund an. »Mit drei Kindern und zwei Hunden rutschst du auf der Interessentenliste ganz nach unten.«

Das Angebot für das Haus kam über Freunde. Nach dem ersten Besichtigungstermin im März war sehr schnell klar: »Das ist es, was wir brauchen.« Für die Kinder sei es ein Paradies, sagen Eltern und Großmutter. Statt sich in der Großstadt auf überfüllten Spielplätzen zu drängeln, klettern sie hier auf Bäume und erkunden die Gegend auf dem Rücken von Pferd »Schoko«.

BAUMARKT In Werneuchen selbst fühlt sich Ben Moshe sehr gut aufgenommen und ist fast ein wenig überrascht, wie gut seine Familie dort zurechtkommt. In der Nachbarschaft seien die meisten Leute »zwischen der SPD und der Linken orientiert«, beschreibt er das politische Klima. Die Kinder besuchen einen deutsch‐englischen Montessori‐Kindergarten im nahe gelegenen Eberswalde, mit der Einschulung können sie in eine ebenfalls deutsch‐englische Grundschule in Werneuchen wechseln.

Die Gemeinde scheint eingestellt zu sein auf den Zuzug von Familien aus Berlin, die nicht nur Ruhe und mehr Platz suchen, sondern auch moderne, bilinguale Bildungseinrichtungen für ihre Kinder. Der Ortsteil, in dem Familie Ben Moshe lebt, hat gegenwärtig etwa 300 Einwohner. Die Zahl ist in den vergangenen Jahren durch den Bau neuer Häuser im Ortskern und in der Peripherie gestiegen. Auch für die kommenden Jahre geht man in der Verwaltung von einem weiteren Anstieg aus.

Der Kirschensenf in seinem neuen Lokal stammt von Früchten aus dem eigenen Garten.

So positiv die Erfahrungen sind, die der gebürtige Israeli in seiner neuen Wohngegend macht, so unterschiedlich sind sie in anderen Brandenburger Ortschaften. Während die Familie sich in Werneuchen wohlfühlt und sich mit Nachbarn angefreundet hat, nimmt Ben Moshe das Klima an verschiedenen Orten in der Umgebung ganz anders war. Für Einkäufe in Baumärkten ist er oft in Bernau unterwegs, eine knappe halbe Stunde dauert die Fahrt dorthin.

»In Bernau habe ich das Gefühl, dass die Leute mich anders anschauen. In Berlin oder Werneuchen nehme ich das so nicht wahr. Es fällt schon auf, wenn der Busfahrer jeden in der Schlange freundlich grüßt, nur bei dir bleibt er plötzlich stumm«, beschreibt er eine Begebenheit. Auch seine Mutter hat ähnliche Erfahrungen in Bernau gemacht und empfindet die Stimmung dort als unangenehm.

Ben Moshe und seine Frau vermuten, dass Unterschiede in der Bevölkerungsstruktur der Orte eine Rolle spielen. »Die Leute in Werneuchen haben sich bewusst ausgesucht, hier zu wohnen, viele sind aus Berlin hergezogen«, versucht er zu erklären. »Das macht einen Unterschied.«

IDYLLE Bereut hat das Paar den Umzug bislang noch keine Sekunde. Daran haben auch die Ereignisse in Chemnitz im September nichts geändert. Das mache ihn zwar sehr niedergeschlagen, überlegt Ben Moshe, ändere aber nichts daran, dass er sich in Werneuchen wohlfühlt.

Nach sechs Monaten ländlicher Idylle kann sich Gal Ben Moshe das Leben in Berlin nicht mehr vorstellen. »Ein Restaurant zu führen, ist ein Knochenjob, du arbeitest 14 bis 16 Stunden am Tag sehr intensiv, erlebst an einem Abend alle Emotionen von wütend und genervt, wenn etwas nicht klappt, bis zu glücklich und euphorisch, wenn Gäste dir sagen, du seist der Beste«, beschreibt der 33‐Jährige seinen Arbeitsalltag.

Die Fahrt nach Werneuchen am Ende eines Arbeitstages sei für ihn die ideale Pause, um abzuschalten. »Ich kann ohnehin nur schwer herunterkommen und arbeite im Grunde die ganze Zeit«, sagt der Koch. Die größere räumliche Trennung zwischen Arbeit und Wohnen sei deshalb gut für ihn. »Die Intensität von fast vier Millionen Menschen auf einem Fleck, das brauche ich nicht mehr«, stellt er im Rückblick fest.

Zeit zum Abschalten werden Gal Ben Moshe und Jacqueline Lorenz seit Anfang November besonders zu schätzen wissen – seitdem hat ihr neues Restaurant in der Charlottenburger Fritschestraße eröffnet. Auf dem Menü steht übrigens Lamm mit Kirschensenf – den der Küchenchef mit Früchten aus seinem Werneuchener Garten hergestellt hat.

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