»Alpha Omega«

Netzwerk mit Biss

Nach dem ersten Gespräch in Berlin wollen sich die Zahnärzte künftig regelmäßig treffen. Foto: Uwe Steinert

Nun sollte es aber klappen. In Deutschland entsteht gerade der jüngste Spross von Alpha Omega, einer der wohl ältesten internationalen jüdischen Zahnarztvereinigungen der Welt. »Bereits zweimal gab es in den vergangenen 30 Jahren den Versuch, auch hierzulande einen Ableger ins Leben zu rufen – aber leider ohne richtig nachhaltigen Erfolg«, erzählt Daniel Fuhrmann. »Das wollen wir jetzt endlich ändern«, sagt der in Remscheid praktizierende Zahnmediziner und einer der Initiatoren von Alpha Omega Deutschland.

Dazu kamen am vergangenen Wochenende mehr als 20 jüdische Dentisten aus dem gesamten Bundesgebiet nach Berlin und wollten sich über die Arbeit und Ziele der Zahnarztvereinigung informieren. Und sie kamen natürlich auch, um Kollegen zu treffen und sich auszutauschen. Die Motivation ist auf jeden Fall vorhanden. »Wir sind schon so wenige. Um so besser, wenn wir uns gegenseitig besser kennen«, bringt Daniel Abramov aus Berlin wohl stellvertretend für alle die Stimmung auf den Punkt.

»In den Vereinigten Staaten und anderen europäischen Ländern ist Alpha Omega längst eine feste Größe und sehr aktiv«, ergänzt Svetlana Fischer aus Düsseldorf. »Uns fehlte bis dato eine solche Plattform zum direkten Austausch auf sowohl fachlicher als auch persönlicher Ebene.« Ihr geht es ebenfalls in allererster Linie ums Networking und gemeinsame Aktivitäten.

Baltimore Dafür scheint Alpha Omega wie geschaffen. 1907 wurde sie von jüdischen Zahnmedizinstudenten in Baltimore gegründet. »Bereits damals ging es um mehr, als einfach nur nett beisammen zu sitzen und vielleicht ein paar Tipps zum Thema Behandlung von Paradontose weiterzugeben«, beschreibt Daniel Fuhrmann das Selbstverständnis der altehrwürdigen Vereinigung. »Von Anfang an standen die Bekämpfung des Antisemitismus sowie jeder anderen Form von Diskriminierung ganz oben auf der Agenda.«

Schnell sprang der Funke auf andere amerikanische Bundesstaaten über. 1912 gab es bereits das erste große nationale Treffen in New York. Und 1924 begann Alpha Omega sich zu internationalisieren und gründete einen ersten Ableger im kanadischen Toronto. »Aktives und gezieltes Eingreifen gehörte immer schon zur Arbeit von Alpha Omega«, sagt Fuhrmann. »So stellte man den Soldaten der alliierten Streitkräfte im Zweiten Weltkrieg mobile Dentaleinheiten zur Verfügung.« Und unterstützte schon vor der Staatsgründung den Aufbau zahnmedizinischer Ausbildungszentren in Israel.

Die Aktivitäten von Alpha Omega ruhen auf drei wesentlichen Säulen, die zugleich die Corporate Identity zum Ausdruck bringen: berufliche Professionalität sowie der Aufbau und die Pflege eines Zusammengehörigkeitsgefühls. »Und natürlich jüdische Werte«, betont Fuhrmann. »Es geht dabei vor allem um Wohltätigkeit und Fürsorge – kurzum Tikkun Olam.« So hatte die Zahnarztvereinigung in den Vereinigten Staaten bereits vor Jahren die Initiative DASH an den Start gebracht. »Das Kürzel steht für Dental Association for Survivors of the Holocaust und hilft Überlebenden bei Zahnproblemen kostenlos.«

Soziales Engagement Wie soziales Engagement im Rahmen von Alpha Omega darüber hinaus aussehen kann, macht Fuhrmann am Beispiel seiner eigenen Arbeit in einer öffentlichen Küche deutlich, die Obdachlose und Bedürftige in Washington mit warmem Essen versorgt. »Ferner wird in Israel die Trudi Birger Dental Clinic, die unabhängig von Herkunft oder Religion Kindern in Jerusalem kostenlos zahnmedizinische Hilfe anbietet, von Alpha Omega unterstützt.«

In seiner Präsentation betont Daniel Fuhrmann immer wieder, dass sich Alpha Omega als offene Vereinigung versteht, die alle dentalen Berufe mit einschließt und sich nicht nur auf die Gruppe der Ärzte beschränkt. »Nichtjuden sind selbstverständlich ebenfalls herzlich willkommen«, sagt der Zahnarzt aus Remscheid. »Unser gemeinsamer Nenner ist schließlich die Zahnmedizin.« Auch von studentischer Seite scheint das Interesse groß zu sein. »Im Rheinland, Berlin und Erlangen gibt es bereits erste Zusammenschlüsse an Universitäten«, berichtet Artjom Zalesskiy, Alpha-Omega-Deutschland-Aktivist der ersten Stunde und selbst Student in Köln.

»Die Idee des informellen Austauschs zwischen erfahreneren und jüngeren Zahnmedizinern ohne die Schranken, die andernorts vielleicht aufgrund von Hierarchien bestehen, macht die Sache schon sehr attraktiv.« In Deutschland standen der Gründung einer Filiale von Alpha Omega lange Zeit bürokratische Hürden im Weg. »Unser Ziel ist die Eintragung als ›eingetragener Verein‹«, erklärt Fuhrmann. »Dafür werden wir wohl bald alle Voraussetzungen erfüllt haben.«

International Von dem internationalen Geist, der bei Alpha Omega vorherrscht, war in Berlin eine Menge zu spüren. Denn an dem Treffen in der deutschen Hauptstadt nahmen ebenfalls Philippe Levy aus Straßburg, der Verbindungsmann der europäischen Gruppen mit dem Hauptquartier in den Vereinigten Staaten, sowie Regionaldirektor Stefan Abitbol aus Paris teil.

Die Kontakte zwischen den einzelnen nationalen und regionalen Gruppen sollen aber nicht nur am Buffet oder auf Tagungen gepflegt werden. »Ganz konkret kann sich durch Alpha Omega für viele die Option eröffnen, woanders Erfahrungen zu sammeln und zu sehen, wie die Kollegen beispielsweise in Brüssel oder London arbeiten«, erklärt Fuhrmann. In dieses internationale Netzwerk sollen sich nun auch jüdische Zahnmediziner aus Deutschland stärker einbringen. »Das soll ein ganz wesentlicher Aspekt unserer Arbeit sein.«

Porträt der Woche

Ich bin dankbar

Svitlana Petrovska überlebte die Nazis – und floh vor Putins Krieg nach Berlin

von Rob Savelberg  06.04.2026

Kahal Adass Jisroel

Platz für die Zukunft

Die Gemeinde in Berlin plant für 26 Millionen Euro ein neues Gemeinde- und Bildungszentrum

von Christine Schmitt  06.04.2026

Schwerin

Ein Denkmal für Willy

Der ehemalige Rabbiner William Wolff wird mit einer Statue geehrt

von Axel Seitz  06.04.2026

»Meet a Jew«

Viele Fragen

Marguerite und Benjamin sind zwei Freiwillige, die im Rahmen des Zentralratsprojektes mit Jugendlichen über das Judentum ins Gespräch kommen. So wie kürzlich in Spandau mit einer Box Mazzot

von Alicia Rust  06.04.2026

Jom Haschoa

Narbe gegen das Vergessen

Wir, die Nachkommen der Zeitzeugen und der Ermordeten, dürfen das Leid unserer Großeltern nicht verstecken – wir müssen dafür sorgen, dass es unseren Kindern erspart bleibt

von Eugene Korsunsky  06.04.2026

Jewrovision

Aller guten Moderatoren sind drei

Jung, dynamisch und schlagfertig: Ein Trio wird im Mai durch die Show führen

von Christine Schmitt  06.04.2026

Neukölln

Rechts und links der Sonnenallee

Ein Stadtspaziergang führt auf jüdischen Spuren durch den ehemaligen Arbeiterbezirk

von Pascal Beck  05.04.2026

Gemeinde

Man kennt sich hier

Die Synagoge Possartstraße bewahrt Traditionen – und richtet sich neu aus

von Esther Martel  04.04.2026

Besuch

»Wir sehen nur die Spitze des Eisbergs«

Daniel Hagari, ehemaliger Sprecher der israelischen Verteidigungsarmee, war in der Jüdischen Gemeinde München zu Gast

von Esther Martel  04.04.2026