Kindergeschichte

Nachts bei den Makkabäern

Eine ganze Armee Makkabäer jubelte David zu. Foto: Getty Images/iStockphoto

Kindergeschichte

Nachts bei den Makkabäern

David ist kein mutiger Junge – aber ein Traum zeigt ihm den Weg zu seiner Kraft

von Channah Trzebiner-Schmitt  10.12.2020 09:37 Uhr

Es war Mitternacht, und an dem kalten Dezembermorgen brauste der Wind um die Häuser, als wollte er sich ein Wettrennen mit dem grollenden Donner liefern. David lag unter seiner Decke und las mit einer kleinen Taschenlampe Die unendliche Geschichte.

Seine Mutter kam herein. Mist, erwischt, dachte er noch, als sie schon die Decke wegzog. »David, es ist spät, und morgen schreibst du Mathe. Licht aus. Außerdem ist morgen Chanukka.«

Corona Schmorona Und dann hörte David, wie seine Mutter seufzte: »Corona, Schmorona, ich habe es so satt. Wenigstens dürfen die Grinbergs mitfeiern. Denkst du daran, einzukaufen nach der Schule? Vor allem an das Öl für die Latkes?«
»Ja klar, Mama.«
»Schlaf schön.«
»Du auch.«
Als sie die Tür hinter sich schloss, knipste David das Licht wieder an, um weiterzulesen. Er zögerte kurz, bevor er wieder unter die Decke kroch. Ihm war, als würde er beobachtet. Er ging zum Fenster und schaute auf die regennasse Straße.

»Corona, Schmorona, ich habe es satt!«, seufzt die Mutter. »Aber Grinbergs dürfen mitfeiern!«

Gegenüber seinem Fenster stand ein Mann – so groß wie ein Baum. Im Licht eines Blitzes konnte David seine Rüstung erkennen. David erschrak. Auf dem Boden kroch er zu seinem Bett zurück, damit der Fremde ihn nicht sah.

FENSTERBRETT Er wartete einige Minuten und schlich dann wieder auf allen vieren von seinem Bett zum Fensterbrett, um sich zu vergewissern, dass der Mann nicht immer noch dastand. David lugte hinter der Fensterbank hervor und linste auf die Straße. Dort stand der Fremde und winkte ihm freundlich zu. David war mulmig zumute, und er beschloss, ihn zu ignorieren.

Er sah sich im Zimmer um, bis seine Augen auf den Teller mit Sufganiot fielen, die er aus der Vorratskammer seiner Mutter stibitzt hatte. David beschloss, sich eine Sufgania zu nehmen und abzuwarten. Als er in den Teig hineinbiss, stieß er auf etwas, das er noch nie zuvor geschmeckt hatte. Und während er sich noch über den merkwürdig bitteren und gleichzeitig süßen Geschmack wunderte, begann sich alles zu drehen. Ihm war, als würde er mit Lichtgeschwindigkeit durch die Zeit fliegen, der Boden löste sich unter ihm auf, und um sich herum vernahm er hebräische Gesänge.

»Opa? Opa, bist du das?«, schrie David dem Wind entgegen. Er blickte nach oben, ein Hufschlag verfehlte ihn nur knapp. Er verkroch sich hinter Fässern, die sich hinter ihm an einer Mauer befanden. Vor ihm ritt ein unendlicher Zug an Rittern in die Richtung eines – ja, eines was? Eines Tempels?

»Kleiner! He, Kleiner!« David drehte sich um. »Psst, hierher!« David schob sich zwischen die Fässer in die Richtung, aus der die rettende, liebevolle Stimme ihn rief. Starke Arme empfingen ihn in einer dunkleren Ecke hinter der Mauer. Es fühlte sich an, als ob diese Arme seine Seele seit vielen Jahrtausenden beschützten. Wie konnte das sein? Wieso war ihm dieser Fremde vertraut?

»Wie schön, dass du bei uns bist, David.« »Wo bin ich? Wer seid ihr?« »Wir haben dich erwartet, wir sind Makkabäer.« »Was? Wie bitte? Hat mir jemand Drogen gegeben?« »Drogen? Nein, wieso sollten wir dir etwas antun? Ich war vor deiner Tür heute Nacht, ich habe zu dir hinaufgeschaut, dich gerufen, ich wollte dich auf deiner Reise hierher begleiten. Aber du hast mich ignoriert.«
»Wir sind Makkabäer«, sagt die Stimme. David fragt: »Was? Hat man mir Drogen gegeben?«
Und der Makkabäer redete weiter: »Wir wollten dir unsere Welt zeigen. Wir wollen dir danken, weil du unsere Geschichten liest und unsere Herzen somit weiterleben.«
»Wieso zeigt ihr eure Welt gerade mir?«
»Weil du mutig bist.«
»Ich???« David sah an sich hinab. Nichts war mutig an ihm. Er war blass und im Gegensatz zu seinen Freunden alles andere als sportlich.
»Ja, David, mutig im Herzen und im Kopf.« »Wie meinst du das?«

WURZELN »Ein Mensch, der seine Wurzeln nicht kennt, irrt in seinem eigenen Leben wie in einem Labyrinth umher. Wir wollen dir zeigen, dass deine Wurzeln stark sind. Sie sind nicht faul und nicht schwach.« Eine ganze Armee Makkabäer jubelte David zu.
Wie gut die Worte taten. David dachte an das Attentat auf die Synagoge in Halle, an die Angriffe in Wien – und auch an sein Referat in der Schule über seine Großeltern in der Schoa.

»Es geht um dein Licht, das tief in dir leuchtet, das niemand wegnehmen darf. Wir wollten dir die Chanukkia zeigen, die zu entzünden uns gelungen ist. Nimm ihr Bild mit in deine Zeit – und zünde neues Licht an, auf dass wir immer in Helligkeit und Licht verbunden sind!«

David wollte das Bild der goldenen Chanukkia in sich aufnehmen, es aufsaugen, sich an ihrer Schönheit erfreuen, aber der Makkabäer war schneller. Er drückte ihm einen goldenen Krug mit Öl in die Hand, schob ihm eine Sufgania in den Mund, lachte und rief: Chanukka Sameach!

Die Autorin ist Schriftstellerin und lebt in Frankfurt am Main. Diese Geschichte ist ihren Kindern Aaron und Lev gewidmet.

Sport

Maccabiah Chai!

170 Athletinnen und Athleten sind in Israel beim größten jüdischen Sportevent – Wir stellen Ihnen sechs vor

von Katrin Richter, Helmut Kuhn  01.07.2026

Sachsen-Anhalt

»Eine offene Tür ist unsere Antwort«

Landesverbands-Geschäftsführerin Rimma Fil über wachsenden Antisemitismus, Sorgen vor der Landtagswahl und den festen Willen der jüdischen Gemeinden, sichtbar zu bleiben

von Christine Schmitt  01.07.2026

Verlegung

Magdeburg erhält 900. Stolperstein

Seit 2007 wird in Magdeburg mit Stolpersteinen an Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Die nunmehr 47. Verlegung wurde auf zwei Tage verteilt

 01.07.2026

Kommentar

»Eigentlich habe ich noch nie mit einem Juden gesprochen«

Als Antisemitismusbeauftragter jüdisch zu sein ist kein Manko. Im Gegenteil: Es braucht an deutschen Universitäten mehr jüdische Beauftragte

von Guy Katz  30.06.2026

Meinung

Maccabiah ist gelebte Selbstbehauptung

Gerade jetzt ist es für jüdische Sportlerinnen und Sportler wichtig, in Israel Kraft zu tanken. Es geht nicht nur um Sport, sondern auch um Selbstbehauptung und ein tieferes Verständnis für das Land

von Alon Meyer  30.06.2026

Aufruf

Jüdische Hochschullehrer fordern besseren Schutz gegen Antisemitismus

Hochschulen können ihre jüdischen Studierenden und Lehrenden nicht ausreichend gegen Antisemitismus schützen. Das NJH will das ändern und fordert unter anderem die Möglichkeit zur Exmatrikulation von Störern

 30.06.2026

Forschung

Historiker Gerber: Erinnerung an Holocaust verschwindet

Der Leipziger Historiker Jan Gerber wendet sich gegen ein kontinuierliches Verschwinden der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Schoa. Der Tod der letzten Zeitzeugen ist für ihn dabei nicht entscheidend

von Volker Hasenauer  29.06.2026

Festival

Trotz Rekordhitze: Tausende Gäste bei Jüdischer Woche in Leipzig

Trotz der sommerlichen Hitze und damit verbundener Programmänderungen seien die Veranstaltungen im gesamten Stadtgebiet auf großen Zuspruch gestoßen

 29.06.2026

Erinnerung

Kunst mit Haltung

Das musikalisch-szenische Projekt »Und dennoch morgen« der Europäischen Janusz Korczak Akademie feierte im Gasteig Premiere

von Ellen Presser  28.06.2026