Stuttgart

Nach dem Impfen in die Synagoge

Volksnah hatte die Israelitische Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW) in Stuttgart am vergangenen Sonntag zu einer offenen Impfung mit Synagogenführung eingeladen: »Booschter ond B’such« hieß die Aktion, schwäbisch einladend. Und mehr als 70 Frauen und Männer, Jugendliche und Alte folgten der Einladung. Sie kamen, weil es eine Mizwa ist – für Juden und Christen.

»Es ist unser Beitrag zum Gemeinwohl«, sagt Barbara Traub und überzeugt sich vor Ort von der gemeinsamen Aktion der IRGW, dem mobilen Impfteam des Katharinenhospitals, dem Robert Koch-Institut und »dranbleiben BW«, einer Aktion des Landes Baden-Württemberg.

Impfgegner Auch wenn es im »Ländle« besonders viele Impfgegner gibt und Arztpraxen oder Kirchengemeinden ihrer Impfaktionen wegen angefeindet wurden, hätte sich die Vorstandssprecherin der IRGW nicht von »Booschter ond B’such« abhalten lassen. »Es kam aber keine Kritik«, sagt Traub.

Florin Knödler (13) kam mit Mutter Ursula und Vater Martin Bocksch ins Gemeindehaus in der Hospitalstraße. »Ich will der Menschheit was Gutes tun«, ist Florins klare Haltung. Für ihn ist es bereits die dritte Impfung. »Ich verstehe Leute, die sich nicht impfen lassen können, aber nicht die, die nur auf sich schauen«, sagt Florin. Der 13-Jährige hat in den vergangenen Monaten erlebt, dass sein Vater, ein freiberuflich tätiger Biologe, Covid-19 wegen plötzlich keine Aufträge mehr bekam. »Die Vorträge brachen weg, und es kamen auch keine neuen«, sagt Martin Bocksch.

Florin (13) will mit dem Impfen etwas Gutes für die Gesellschaft tun.
Florin berichtet auch, dass in der Schule, vor allem auf dem Pausenhof, über die Pandemie diskutiert werde. »Die Frage, ob jemand geimpft ist, spielt schon eine Rolle«, sagt der Gymnasiast. Ohne Mucks lässt er sich nach einem Aufklärungsgespräch von Ärztin Christina Essmann die Spritze setzen.

Die Kinder lassen sich impfen, weil sie das ständige Testen satthaben.

Auch Michael Käser ist auf den kurzen Piks vorbereitet. Der Zwölfjährige ist Florins Freund und kommt auch, weil er die ständige Testerei in der Schule satthat. Hat er Sorgen, dass er von der Impfung Nebenwirkungen haben könnte? »Nicht wirklich«, gibt Michael ehrlich zu. Er wisse, dass es Nebenwirkungen geben könne, aber er habe ein starkes Immunsystem.

Beide Familien haben die jüdische Gemeinde als Impfstandort ausgewählt, um anschließend an einer Synagogenführung teilzunehmen. Michael schreibt diese Woche im Fach Religion eine Arbeit über das Judentum. Was weiß er bisher über das Judentum? »Es ist eine Religion, der es nicht so gut geht, die im Alltag harte Sachen erlebt«, sagt Michael.

Synagoge Dann stehen beide gemeinsam mit ihren Familien und anderen frisch Geimpften in der Synagoge und lassen sich von Rabbiner Yehuda Pushkin ein paar Details über das Judentum in Synagoge und Alltag erklären. Besonders Florin will alles wissen. »Wie lange dauert es, eine Torarolle zu schreiben?« und »Warum hat die Gemeinde so viele Torarollen?«.

Er erzählt: »In der Schule haben wir gelernt, dass der Zeiger zum Lesen einer Toralrolle eine Hand hat, wo ist die?« Und er fragt weiter: »Was ist der Unterschied zwischen Batmizwa und Barmizwa?«, »Legen die Eltern vor der Geburt eines Kindes dessen Namen fest?«, »Wofür stehen die Symbole an den Synagogenwänden?«, »Beten Sie immer Richtung Osten?« und »Warum steht die Bima in der Mitte der Synagoge?«.

Der Rabbiner freut sich über das lebhafte Interesse und beantwortet alle Fragen. Manchmal stammen die Antworten mitten aus dem Leben des Rabbiners. »Bei der Geburt unseres vierten Kindes war es echt stressig, in der Klinik wollten sie sofort wissen, wie das Kind heißen soll. Aber im Judentum ist es anders. Der Name eines Neugeborenen ist eher wie eine kleine Prophezeiung und wird selten von Modeströmungen bestimmt«, erklärt Yehuda Pushkin ein wichtiges Detail.

skepsis Inzwischen geht das Anmelden, Aufklären, Impfen und direkt danach den QR-Code-Erstellen im Gemeindesaal der IRGW weiter. Bei den älteren russischsprachigen Gemeindemitgliedern ist die Skepsis gegen die in Deutschland üblichen Impfstoffe offenbar immer noch groß. Manche hätten den russischen Impfstoff Sputnik bevorzugt, aber hier gibt es Biontech und Moderna.

Dolmetscherdienste sind gefragt, wenn die Übersetzung vom Deutschen ins Russische und umgekehrt nicht so klappt. Bis aus Esslingen, einer kleineren Stadt bei Stuttgart, sind die Impfwilligen mit den öffentlichen Verkehrsmitteln angereist, Betagtere haben sich mit dem Sozialdienst fahren lassen. Die Stimmung ist weniger ausgelassen als sonst üblich in der IRGW, aber freundlich und zugewandt.

Hinter den »Kulissen«, auf der Empore des Gemeindesaals, arbeitet Sven Bikker. Bikker ist hier der Einsatzleiter. Wenn er seine Arbeit beginnt, kleidet er sich ein, desinfiziert seinen Arbeitsplatz und erklärt: »Der muss schwimmen, feucht reicht nicht.« Er holt die Impffläschchen aus der Kühlbox, zieht die Spritzen auf, die Ärztin Christina Essmann umgehend verimpft.

70 Biontech-Impfdosen wurden am Sonntag verabreicht.

Bikker ist schon »seit mehreren Monaten« beim mobilen Impfteam des Katharinenhospitals, des städtischen Klinikums der Landeshauptstadt Stuttgart. Immer wieder erlebt er, dass Impfverweigerer mit ihm »über Sinn und Unsinn der Covid-19-Impfung« diskutieren wollen.

»Ich habe es aufgegeben, irgendjemanden überzeugen zu wollen, es geht bei dieser Impfung nicht nur um den persönlichen Egoismus, es geht um die gesamte Gesellschaft«, sagt er. Er muss den Begriff Mizwa nicht kennen, für ihn bedeutet sein Einsatz dasselbe.

termine »Im letzten Frühjahr war es super mühsam, Termine für unsere Gemeindemitglieder für das Impfen zu organisieren«, sagt Dagmar Bluthardt. »Dann haben wir gesagt, wir drehen den Spieß um«, erzählt die Leiterin der Sozialen Dienste der IRGW und Initiatorin von »Booschter ond B’such«.

90 Biontech-Impfdosen hat das mobile Impfteam des Klinikums Stuttgart bereitgestellt. 70 Biontech-Impfdosen wurden verabreicht. »Davon etwa 25 Prozent für Erstimpfungen, und das ist eine erstaunlich hohe Quote«, sagt Ärztin Christina Essmann.

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