Chabad

Mitten in Berlin

Freudig und stolz stehen Architekt Sergei Tchoban und Rabbiner Yehuda Teichtal am Eingang des Pears Jüdischer Campus an der Westfälischen Straße in Wilmersdorf. Zusammen begrüßen sie jeden, der zum Richtfest kommt. Vor knapp zwei Jahren gab es den ersten Spatenstich, mittlerweile hat der Rohbau Form angenommen, und es ist Zeit, ein Glas zu zerschmettern und den Kranz aufzuziehen.

Etliche Gemeindemitglieder, Interessierte, Politiker des Bundestags und des Abgeordnetenhauses, Bezirksbürgermeister und Spender kommen zu dem Fest am Sonntagnachmittag. Rabbiner Teichtal von Chabad Lubawitsch wird bei seiner Begrüßung mehrere Minuten brauchen, um einige namentlich vorzustellen, so viele sind es. Doch in diesen Minuten warten der Architekt und er noch auf Olaf Scholz (SPD), Finanzminister und Vizekanzler, dessen Kommen auf den Plakaten schon angekündigt worden war.

Dann ist er da, und gemeinsam eilen sie die vielen Treppenstufen hinauf in den fünften Stock, wo später die Turnhalle entstehen soll. Die Wände und der Fußboden sind noch im Rohbau. Fensterscheiben gibt es keine, das Treppengeländer ist ein Provisorium.

MEILENSTEIN Die Halle ist bereits voll. Rabbiner Teichtal sagt in seiner Ansprache, dass dieser Campus auch ein Bekenntnis zu jüdischem Leben in Deutschland sei. »Wir sind hier, um zu bleiben.« Drei Botschaften seien für ihn wichtig: Liebe, Toleranz und Respekt. Auch deshalb hatte er die Idee, diesen Bildungscampus zu bauen. »Es soll ein religionsübergreifender Raum werden, in dem Berührungsängste verschwinden. Wir sind offen für alle Menschen«, betont Teichtal.

Drei Säulen seien für den Inhalt des Campus von Bedeutung: Bildung, Kultur und Sport. Auf rund 7000 Quadratmetern sollen in dem siebenstöckigen Gebäude eine Kita, eine Grundschule, ein Gymnasium, eine Sporthalle und eine Bibliothek untergebracht werden.

Zudem soll es ein Tanz- und Musikstudio sowie ein Kino geben. Eine Aula mit Platz für bis zu 200 Menschen soll während des Schultages als koschere Kantine für die Kinder genutzt werden, es sollen auch Seminare und Konferenzen für Studenten und Erwachsene stattfinden.

SPENDEN »Unsere Aufgabe ist es, Licht nach Deutschland zu bringen«, sagt Teichtal. Dann bedankt er sich bei den Spendern, unter anderem bei der Lottostiftung und der britischen Pears Foundation. »Sie können auch noch auf die Liste kommen«, wendet er sich an die Zuhörer. Der Rohbau sei »ein Meilenstein, aber wir brauchen noch sieben Millionen Euro, um unser Ziel zu erreichen«, unterstreicht der Rabbiner. Man könne noch ein Fenster, einen Raum oder ein Buch spenden, regt er an.

Das Projekt wird von der Bundesregierung, dem Land Berlin und mehreren Stiftungen unterstützt. Zwei Drittel der Kosten von rund 18 Millionen Euro seien bereits gedeckt.

Olaf Scholz sagt, er sei froh, dass Rabbiner Teichtal Deutschland vertraue. Leider sei jüngst vieles geschehen, »was uns getroffen hat«. Spätestens jetzt sei deutlich geworden, dass Halle und Hanau nicht die Taten von verrückten Einzeltätern seien. »Es gibt rechten Terror. Die Sprache des Hasses ist die Grundlage für rassistische Gewalt«, sagt der SPD-Politiker in seiner Rede. Jede Form von Antisemitismus und Rassismus werde nicht geduldet, und es soll dagegen vorgegangen werden.

»Es ist unerträglich, dass heute Juden Angst haben müssen.« Und Scholz fügt hinzu: »Der Campus ist ein sichtbares Zeichen für jüdisches Leben mitten in Berlin. Dort gehört es hin, mitten in unsere Gesellschaft.« Er freue sich, dass mit dem Campus ein offener, religionsübergreifender Ort der Bildung, der Begegnung und des Austausches entstehe. »Das macht Hoffnung.«

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) lobt Teichtal als einen »großartigen Mann«, der voller Energie sei und bei dem auf große Worte auch Taten folgen würden.

Vor 23 Jahren sei Teichtal mit seiner Familie nach Deutschland gekommen, um ein »sichtbares Zeichen« zu setzen, habe er von ihm erfahren, so Müller. Und nach dem Angriff im vergangenen Jahr habe Teichtal gesagt: »Nun erst recht.« »Rechtsextremisten haben in unserem Land und in unseren Parlamenten nichts zu suchen«, unterstreicht der Regierende Bürgermeister. Dann richtet er sich an Teichtal und sagt: »Dankeschön für Ihre Energie. Ich freue mich auf die Zeit, wenn es losgeht.«

»Wir sind offen für alle Menschen.« Rabbiner Yehuda Teichtal

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, nennt den Campus ein »wunderbares Projekt«, das auch ein Zeichen für die Zukunft sei. »Berlin ist unser Zuhause. Wir sind Bürger der Stadt und des Landes«, so Schuster. Der Tabubruch in Erfurt mache deutlich, dass man um die Demokratie kämpfen und sie verteidigen müsse. »Mit jedem Neubau einer Synagoge, eines Gemeindezentrums, aber gerade auch mit dem Bau des Jüdischen Campus Berlin haben wir unseren Willen bekundet, zu bleiben und hier unser Zuhause zu finden«, betont Schuster.

Dieses neue Zentrum jüdischen Lebens in Berlin solle und werde Menschen zusammenführen. Insofern sei es für ihn »eine große Freude«. Und Raed Saleh, Fraktionsvorsitzender der Berliner SPD, nennt den Campus einen »Glücksfall für die Stadt«.

URKUNDEN Nun werden etliche Dankes-urkunden überreicht, auch dem Architekten. »Wir freuen uns, dass Sie ebenfalls für die Vergrößerung unserer Synagoge zur Verfügung stehen«, sagt Teichtal. Nach etlichen Würdigungen ist es dann so weit: Projektleiter Jens Kerl betritt mit Bauhelm und in Arbeitsmontur die Bühne. »Der Rabbiner war so ungeduldig, dass das Glas schon zerbrochen ist«, scherzt er.

Dann nimmt er das neue Glas, sagt den Richtspruch und wünscht »Mazel tov«, wirft es auf den Boden und zieht den Kranz hoch. Schließlich überreicht der Projektleiter noch die Tafel mit dem Richtspruch an den Rabbiner, der in diesem Moment ganz überrascht aussieht.

Bevor alle die zukünftige Turnhalle verlassen, zum koscheren Buffet stürmen, sich der Graffitibemalung auf den nackten Betonwänden hingeben oder den Bau anschauen, fordert Teichtal sie noch auf: »Nicht vergessen: Nächsten Sommer zur Einweihung kommen!«

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