Porträt

Mit Rembrandt durch die Sauer

Blick in den Spiegel: Manfred Weil nimmt auch mit 90 seine Werke vor dem letzten Pinselstrich kritisch in Augenschein. Foto: Alexander Stein

Grell strahlt die Lampe auf das Papier. Manfred Weil fügt noch einen Pinselstrich hinzu, nimmt prüfend Abstand und nickt zu-
frieden. »So kann man es lassen«, sagt er. Dann doch noch ein Kontrollblick durch den Handspiegel. Die fremde Perspektive helfe ihm bei der Beurteilung, erklärt er, fertig sei ein Bild aber eigentlich nie.

Der jüdische Künstler wohnt zusammen mit seiner Frau Alisa im rheinischen Städtchen Meckenheim. Ein kleines Zimmer dient ihm als Atelier. Hier fertigt er seine Arbeiten in Öl, Acryl und Gouache an. Um von seiner Kunst leben zu können, bedarf es neben Manfred Weils Produktivität auch der monetären Geschicke seiner Gattin. »Für das Finanzielle interessiert er sich einfach nicht«, sagt Alisa, »aber wahrscheinlich malt er deshalb so gut.«

Stehaufmann Vor vier Monaten brach sich der fast 90-Jährige den Oberschenkelhals. Mit breitem Grinsen verstaut er die Krücke hinter seiner Staffelei und imitiert Entenlaute und watschelt durch die Wohnung. Manfred Weil ist der Inbegriff eines Stehaufmännchens. Heute wie damals, als er vor den Nationalsozialisten floh.

Weil, aufgewachsen in einem Kölner Arbeiterviertel, ist Maler. Nicht zufällig. Sein jüdischer Vater hatte ihn früh durch Museums- und Kirchenführungen für gestalterische Virtualität interessiert. Weil vergleicht das mit einer Impfung: »Die Wirkung kommt später. Ich bin damals nicht vor einem Rembrandt stehengeblieben, als ob ich eine Marienerscheinung hätte.«

Doch schon wenige Jahre später eilte ihm sein Ruf als Kunstkenner voraus. Kurz nach dem Novemberpogrom 1938 boten ihm Bekannte ein Bild zum Kauf an. Bei der Verwüstung ihres Hauses hatten es die Nazis zurückgelassen. Es war ein kleines Ölgemälde. Abgebildet war das Konterfei Rembrandts. Manfred erwarb die Leinwand für 5 Reichsmark. Ein Gutachter war sich sicher: Das Porträt sei entweder aus der Rembrandt-Schule oder sogar ein frühes Werk des Niederländers selbst.

Flucht Ein Vierteljahr später schnürte es sich Manfred um den Leib und watete mit seinem Bruder Anatol in das eisige Wasser der nächtlichen Sauer. Ihr Vater war nach Antwerpen geflohen, jetzt wollten sie über Luxemburg folgen. Doch das sonst gangbare Grenzflüsschen führte Hochwasser und riss sie in die Strömung. Entkräftet gelangten sie ans Ufer. Rembrandt aber war in den Fluten verschwunden.

An der Schelde angekommen, begann Manfred ein Studium an der Königlichen Akademie der schönen Künste. Lange währte das unbeschwerte Leben jedoch nicht. Die Wehrmacht drängte nach Westen, und Belgien deportierte vorsorglich alle deutschen Immigranten nach Frankreich. Manfred und sein Vater wurden ins KZ Gurs verbracht.

Im Februar 1941 aber gelang dem Sohn die Flucht. Zurück in Antwerpen gab er sich im Stadthaus als »verschleppter Reichsdeutscher« aus und verlangte einen Pass. »Nicht ohne das Plazet der Feldkommandantur«, entgegnete der Verantwortliche. »Da habe ich Terror gemacht. Ich habe ihn angebrüllt, dass er mir schon leid tat«, erzählt Weil. Das Pflichtbewusstsein des flämischen Beamten wich der Angst vor seinem Gegenüber. Manfred Weil bekam den Pass ohne das verräterische J. Etwas später besorgte er, erneut in der Rolle eines hitzköpfigen »Ariers«, seinem Bruder »die halbe Lebensrettung«.

Sichtlich genießt Weil seine Köpenickiaden, aber er hat keine Illusionen über das Glück, das er und Anatol hatten. Auch als sie 1942 als belgische Fremdarbeiter in Deutschland untertauchten. In einer Detmolder Möbelfabrik wurde zu ihren Namen vermerkt: Belgische Arbeiter, Religion: keine. Doch kurz darauf stand die Gestapo in ihrem Zimmer: Razzia. Ein Polizist nahm eine Shakespeare-Ausgabe aus dem Regal: »Das ist wohl französisch.« Weil grinst: »Die waren nicht sehr helle!«

Staatenlos Die Brüder reisten nach Bonn und – nach ihrem Gastspiel als Fremdarbeiter – in die Schweiz. Sie erkämpften ihre Internierung als Staatenlose und verbrachten zweieinhalb Jahre in Straf- und Disziplinierungslagern zwischen Juden, Kommunisten, Nazis und Straftätern.

Einer malerischen Aufarbeitung jedoch verwehrt er sich. Er lasse nicht zu, dass seine Seele Schaden nehme. Jeden Tag denke er an seinen Vater, aber nicht mit seinem Gram zu spielen, habe schon Mephisto geraten. »Weil, Emil. Für tot erklärt. Deportation: Auschwitz«.

Neuanfang Der ungeklärte Verbleib der katholischen Mutter führte Manfred nach Kriegsende zurück nach Köln. Dort nahm er noch 1946 ein Studium der Malerei auf. Seit nunmehr 60 Jahren ist der spitzbübische Künstler als freischaffender Maler und Grafiker tätig. Er begann spät genug, so dass seine Werke nicht mehr als entartet aus den Galerien verbannt wurden.

Manfred Isidor Weil malt unbeirrt, was ihm einfällt. Das kann eine Synagoge sein, meistens sind es weibliche Akte. Modelle benötigt er nicht mehr. »Die hat er alle im Kopf«, sagt Alisa. Gerade organisiert sie die nächste Ausstellung ihres Mannes, Retrospektive steht auf dem Plakatentwurf. Der Maler ist empört: »Weil zeigt Arbeiten aus Anlass seines 90. Geburtstags. Das genügt.« Und der ist am 29. November.

Herrenhaus der Burg Altendorf, Burgstraße 5, Meckenheim, geöffnet bis 12. Dezember

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