Festival

Mit Pinsel und Violine

Weit mehr als 1.000 Besucher kamen am ersten September-Sonntag ins Jüdische Zentrum am Jakobsplatz. Hier fand, ebenso wie in vielen anderen Städten, der Europäische Tag der Jüdischen Kultur statt. Dabei konnte die Münchner Bevölkerung jüdisches Leben aus erster Hand erfahren und miterleben. Aber auch für die Mitglieder der IKG gab es viel Neues zu entdecken, insbesondere die Vielfalt der Kreativität auf künstlerischem Gebiet innerhalb der Gemeinde.

Organisiert hatte diesen Tag das Kulturzentrum der IKG München und Oberbayern, federführend durch seine Leiterin Ellen Presser, der Präsidentin Charlotte Knobloch am Abend für ihr unermüdliches Engagement dankte. »Auf kunsthistorischen jüdischen Spuren« in der Münchner Innenstadt führte Chaim Frank zahlreiche Menschen und gab ihnen Einblick in die eindrucksvollen Beiträge, die Juden für ihre Heimatstadt in längst vergangenen Tagen geleistet hatten. Wie das in der Gegenwart aussieht, zeigte das gesamte Programm im Gemeindezentrum. Vorgestellt wurde dieses mit drei Synagogenführungen von Marcus Schroll, Elisabeth Rees-Dessauer und Marian Offman.

Dokumentation Wer schließlich Wissen über das Judentum schwarz auf weiß nach Hause tragen wollte, hatte beim Bücherbasar im Foyer des Gemeindehauses eine gute Gelegenheit, sich entsprechende Literatur gegen eine kleine Spende zu besorgen. Im Foyer, im Hubert-Burda-Saal und im Kleinen Saal gab es den ganzen Tag über Kultur live: Wer in das Haus kam, wurde sofort mitten hineingenommen in eine Dokumentation jüdischen Lebens in Deutschland, fotografiert von Rafael Herlich. Für Präsidentin Charlotte Knobloch, die die Ausstellung am Abend eröffnete, bedeuten diese Bilder etwas ganz Besonderes. Sie stehen für sie voll im Kontext des Lebens. »Leben ist weit mehr als überleben.

Dass heute in Deutschland weit über 100.000 Juden leben, ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Dass die Bundesrepublik uns Juden wieder Heimat ist, ist ein Wunder. Es bedeutet, dass wir als Individuen, aber eben auch als Kollektiv, anerkannte Mitglieder der Gesellschaft sind. Diese Bilder spiegeln jüdisches Leben als normale Momente des deutschen Alltags, als normale Bestandteile deutscher Lebenswirklichkeit wider.« Alltag und Alltägliches von in Deutschland lebenden Juden unterschiedlicher Generationen und Herkunftsländer zu zeigen, ist, wie es der Professor an der Universität Erfurt, Doron Kiesel, in seinem Einführungsvortrag formulierte, das Anliegen dieser Bilder.

Kreativität in ihrer ganzen Bandbreite wurde beim »Kunstmarkt« sichtbar. Die unterschiedlichen Talente der Gemeindemitglieder wurden hier vorgestellt – von arrivierten Kunstschaffenden über Künstler, die schon in ihrer ehemaligen Heimat in Russland und der Ukraine einen Namen hatten, den sie hier nun wieder etablieren wollen, bis hin zu kunsthandwerklichen Schätzen verschiedener Arbeitsgruppen.

Dabei stießen die Besucher auf bekannte Künstler wie Gershom von Schwarze. Er ist den Münchnern gut bekannt durch die große Chanukkia, die alljährlich im Winter vor der Synagoge Ohel Jakob steht. Dass er auch farbenprächtige und in der Vielfalt der assoziativen Motive ausdrucksstarke Bilder malt, erlebte so mancher Besucher hier zum ersten Mal. Da war ben jakov mit seiner Malerei, den die meisten Besucher vor allem unter seinem bürgerlichen Namen Max Mannheimer als Zeitzeugen kennen. Auch der Lichtkünstler Georg Soanca-Pollac stellt aus – diesmal keine Objekte mit jüdischem Bezug, sondern einfach nur Lampen.

Linolschnitt Auch Aleksander Shimanovskij, der das Denkmal für die gefallenen jüdischen Soldaten auf dem Friedhof in der Garchinger Straße gestaltet hat, präsentierte seine Werke. Im Hubert-Burda-Saal zeigte er Objekte und Bilder, darunter einen eindrucksvollen Linolschnitt. Was die künstlerischen Aktivitäten der Gemeindemitglieder aus den GUS betrifft, so brachte sich hier die Sozialabteilung mit Olga Albrandt und ihrer Mitarbeiter-Crew wesentlich ein.

Dieser Teil des Kunstmarkts fand statt im Rahmen des Projektes »Gesellschaftskaleidoskop« (soziale und kulturelle Bildung und interkulturelle Kommunikation), gefördert durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Neben dem auch in München schon bekannten Maler und Bildhauer Shimanovskij gab es dabei eine Vielzahl anderer Künstler, die mit ihren Arbeiten beeindruckten. So mancher von ihnen wird auch in seiner neuen Heimat den Weg in die Galerien der Stadt finden.

Und es gab eine Präsentation von kunsthandwerklichen Projekten, mit denen die Sozialabteilung gezielt die Kreativität vom Menschen mit Handicap, aber auch anderer kunsthandwerklich Interessierter fördert. Kunstgenuss gab es im Hubert-Burda-Saal am Nachmittag nicht nur für die Augen, sondern auch für die Ohren. Der Pianist Igor Bruskin begleitete die Ausstellung mit einem musikalischen Intermezzo populärer Melodien.

Ensemble Um den Künstler Gustav Metzger ging es im Kleinen Saal beim Vortrag des Publizisten und Historikers Leibl Rosenberg. Er stellte den 1926 geborenen Sohn aus orthodoxer Nürnberger Familie vor, der die Schoa in England überlebte und an der Cambridge School of Art in London Kunst studiert hat. Seinen Abschluss fand der Europäische Tag der Jüdischen Kultur in München mit einem Konzert mit dem Ensemble Clazzic. Schon der Name verweist auf die Ausrichtung: Das Quartett mit Martina Silvester (Querflöte), Susanna Klovsky (Klavier), Chris Lachotta (Kontrabass) und Robert Ivanov (Schlagzeug), verband auf faszinierende Weise Klassik und Jazz.

Nach begeistertem Applaus ließen viele Gäste dann den Abend noch im Gemeinderestaurant Einstein ausklingen, das den ganzen Tag über schon mit einem israelischen Spezialitäten-Buffet für die Verköstigung der Besucher gesorgt hatte.

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