Porträt der Woche

Mit Herz und Seele

»Die Muttersprache bewirkt Wunder. Manchmal reicht es, einfach zur zuzuhören«: Gal Goldstein (34) Foto: Uwe Steinert

Jedes Ding braucht seine Zeit. Geduld ist alles. Ob beim Sprachenlernen, Landeswechsel oder Berufseinstieg. Man darf nicht gleich aufgeben und die Segel streichen, wenn es mal schwierig wird. Es wird besser mit der Zeit – die anfangs fremde Stadt wird einem allmählich vertraut, die Sprache fließender, und auch beruflich kommt man irgendwann an. Das ist meine Erfahrung.

2012 klingelte eines Tages ein Nachbar bei mir. Es war Samstag, ich kam gerade aus der Klinik, war neu in Berlin und frisch vom Studium. Ich sah sofort, wie schlecht es ihm ging, und habe ihn dann direkt ins Krankenhaus gebracht, sonst wäre er gestorben. Heute können wir zusammen Kaffee trinken. Darüber bin ich sehr froh. Ich habe mein Privatleben dem Studium geopfert, aber da ist ein Mensch, der lebt. Nur darauf kommt es an.

Helfen Als Arzt ist mein Ziel, immer zu helfen. Ich gebe 100 Prozent, auch nach Dienstschluss. Ein Tipp per Facebook, ein offenes Ohr am Telefon – ich mache das gerne. Ich bin mit Leib und Seele Arzt. Ich weiß nicht alles. Also bilde ich mich weiter, lese, lerne – auch in meiner Freizeit. Wenn dann noch Zeit bleibt, gehe ich mit Freunden ins Kino oder spaziere mit meinem Hund Chief, einem Beagle, durch den Tiergarten.

Ich arbeite am Jüdischen Krankenhaus in Wedding. Es ist für mich etwas sehr Besonderes, jüdischer Arzt am Jüdischen Krankenhaus zu sein. Und dann auch noch in Berlin. Es gibt keine schlechten Tage dort. Anfangs hat mich das sehr überrascht. Denn als Ausländer in Berlin eine Stelle zu finden, sogar als Mediziner, ist nicht einfach. Dann auch noch mit so einem wunderbaren Team – welch ein Glück! Ich gehe immer mit einem Lächeln nach Hause.

Multikulti Wir haben dort kaum jüdische Patienten, aber viele mit arabischen und türkischen Wurzeln. Dass ich Israeli bin, ist den meisten egal. Ich bin der Arzt. Das zählt. Der Patient hat Schmerzen und braucht Hilfe, egal ob von einem Arzt aus Israel, Ungarn oder Ägypten. Das Personal bei uns ist ohnehin multikulturell.

Es liegt dort etwas Besonderes in der Luft. Da ist zum einen die Synagoge. Sie ist ganz klein und selten besucht, aber sie ist da. Außerdem stand im Winter im Eingangsbereich eine Chanukkia. Und man sieht überall Davidsterne.

Diese spezielle Atmosphäre zeigt sich auch an den jüdischen Feiertagen. Alle wissen, dass ich Jude bin. Aber das spielt überhaupt keine Rolle. An Rosch Haschana wünschen mir alle Schana Towa – das gibt es wohl nur in einem jüdischen Krankenhaus. Für mich bedeutet das ein Stück Heimat. Ich bin kein religiöser Mensch, aber es tut immer gut, eine Chanukkia zu sehen. In Deutschland 2015? Fantastisch!

Ich hatte einmal eine große Familie, in Polen und auch in Deutschland. Alle sind in Auschwitz ermordet worden. Nur meine Großeltern haben die Schoa überlebt. Wenn ich heute vor dieser Chanukkia im Jüdischen Krankenhaus stehe, empfinde ich so etwas wie Genugtuung: Ich bin Jude und Enkel von Überlebenden. Es gibt uns noch. Wir sind noch da.

Israel Geboren und aufgewachsen bin ich in Kfar Saba in einer säkularen Familie. Mein Vater ist Ingenieur, meine Mutter Schuldirektorin. Zu Hause haben wir immer Rosch Haschana, Pessach und Chanukka gefeiert. Meine Mutter und meine Großeltern fasten an Jom Kippur. Aber ich? Entweder habe ich als Soldat gedient, als Student gelernt oder als Arzt im Krankenhaus gearbeitet. Ich esse kein Schweinefleisch, gut, aber ich bin ohnehin Vegetarier.

In Israel lebte ich, bis ich 22 Jahre alt war. Dann ging ich nach Budapest und studierte Medizin. In der ersten Nacht habe ich mich sehr einsam gefühlt. Plötzlich sollte ich alles allein machen: putzen, einkaufen, lernen. Dabei kannte ich gerade mal drei Wörter auf Ungarisch! Doch nach zwei Jahren hatte ich mich eingelebt. In Ungarn blieb ich sieben Jahre, bis zum Ende meines Studiums.

Es ist nicht so einfach, in einem fremden Land neu zu starten. Das weiß ich auch von vielen Patienten aus Israel. Wenn sie Hebräisch sprechen können, geht es den meisten schon besser. Manchmal reicht es, einfach nur zuzuhören und Menschen miteinander zu vernetzen. Oft gibt das den Patienten neue Kraft. Die Muttersprache bewirkt Wunder! Eine andere Kommunikation eben, voller Wärme und Heimatgefühl.

Horizont Nach meinem Studium ging ich erst einmal für ein Jahr zurück nach Israel und arbeitete im Krankenhaus in Kfar Saba. Doch ein Leben lang an einem Ort? Das war nichts für mich. Ich wollte meinen Horizont erweitern.

In Israel kommt man nie zur Ruhe. Immer Stress und Druck, besonders als Arzt. Wenn Angehörige einen Patienten besuchen, dann kommen sie manchmal um drei Uhr morgens. Natürlich wollen sie dann auch mit dem Arzt sprechen. Mitten in der Nacht!

Der Umzug nach Berlin fiel mir leicht. Schließlich lagen die Starthürden in einem anderen Land schon hinter mir. Anfangs kannte ich nur zwei Menschen in der Stadt, heute sind es 400. Aber ich weiß, was die Leute durchmachen, die hierherkommen. Anmeldung, Sprache, Wohnung, Arbeitsmarkt, Bürokratie, Kulturunterschiede – sogar in Berlin. Wer sich da zurechtfinden will, braucht Unterstützung.

Ethik Manchmal finde ich, dass die Ärzte hier nicht genug für die Patienten kämpfen. Das ist auch mein ethischer Anspruch als Arzt – nicht nur über Beschwerden zu reden, sondern auch über Persönliches. Daraus erklärt sich oft vieles. Bei Stress im Job hilft vielleicht eher eine Sprachschul-Empfehlung als eine Krankschreibung.

Bevor ich im letzten Sommer am Jüdischen Krankenhaus anfing, arbeitete ich am Herzzentrum Coswig und in einer Hausarztpraxis in Berlin-Schöneberg. In Coswig weigerte sich einmal ein 90-jähriger Patient, sich von mir helfen zu lassen, weil ich Jude bin. Er war früher Nazi und ist es wohl geblieben. Doch die Schwester hat ihn sofort zurechtgewiesen. Auch mein Chef stellte sich vorbehaltlos hinter mich.

Sonst habe ich noch nie irgendwelche Anfeindungen erlebt. Ich fühle mich in Berlin angekommen. Ich mag Europa. Es ist mir vertraut geworden. Jetzt will ich hierbleiben. Angst habe ich keine. Auch wenn Europa radikalisiert ist. Doch das ist die ganze Welt sowieso.

Integration Kultur, Sprache und Sozialkontakte sind wichtige Faktoren, wenn man sich integrieren will. Man kann nicht sagen, ich will nicht am Schabbat arbeiten, mit Davidstern herumlaufen und in der Kantine nur koscher essen.

Zu Hause kann man dann machen, was man will. In Israel arbeiten viele Ärzte und Krankenschwestern aus der ehemaligen Sowjetunion. Sie haben es auch geschafft, sich zu integrieren. Überhaupt ist Israel ein Musterbeispiel an Integration.

Mein Traum ist eine eigene Multikulti-Praxis in Berlin mit Kollegen aus vielen Ländern. Denn wir leben in einer Einwandererstadt. Das ist die Realität. Heutzutage ist es umso wichtiger, andere Kulturen kennenzulernen, über den eigenen Tellerrand hinauszublicken.

Hinausgehen, die Welt sehen, aufeinander zugehen und sich klarmachen: Es ist kein Problem, wir sind alle Menschen. Man braucht nur ein wenig Geduld, Bereitschaft und Mitgefühl.

Ärzte können da mit weltoffenem Beispiel vorangehen. Denn ob Patienten aus Äthiopien, Deutschland oder Israel zu uns kommen, ob Männer, Frauen, Transsexuelle oder Schwule – wir helfen jedem. Für diese Erfahrungen und Möglichkeiten bin ich dankbar.

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