Porträt der Woche

Mit fünf Jahren verschleppt

»Ich bin Gott dankbar für unser Überleben – ob es ihn nun gibt oder nicht«: Zeitzeugin Liesel Binzer (78) Foto: Rafael Herlich

Porträt der Woche

Mit fünf Jahren verschleppt

Liesel Binzer überlebte Theresienstadt und berichtet an Schulen von ihrem Schicksal

von Rivka Kibel  13.04.2015 21:00 Uhr

Als sie uns nach Theresienstadt verschleppt haben, war ich fünf Jahre alt. Das war genau am 31. Juli 1942. Meine Eltern waren beide deutsche Juden. Mein Vater konnte seine Herkunft bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen. Er hatte zehn Geschwister. Acht von ihnen wurden im Holocaust ermordet. Samt Ehepartnern und Kindern.

Mein Vater hatte im Ersten Weltkrieg für Deutschland gekämpft und beide Beine verloren. Wegen seiner Prothesen war er ganz auf meine Mutter angewiesen. Ich bin in Münster geboren und aufgewachsen. 1938 wurden bei uns zu Hause die Scheiben eingeschlagen. Wir mussten in ein »Judenhaus« ziehen. Obwohl es Hochsommer war, hatte mir meine Mutter drei Mäntel und zwei Kleider angezogen. Sie ahnte wohl schon, dass man uns bei der Deportation die Koffer wegnehmen würde. Im Judenhaus wohnten wir in zwei winzigen Räumen im Keller.

Torte Als wir dann nach Theresienstadt kamen, wurden wir sofort getrennt. Ich kam ins Kinderheim, wo ich mir gleich die Masern und Scharlach eingefangen habe. Seitdem bin ich schwerhörig. Auf der Krankenstation habe ich meinen sechsten Geburtstag verbracht. Ich erinnere mich, dass mir tschechische Kinder eine Torte gebacken haben, auf der eine Kerze brannte. Das war ein Licht in der Dunkelheit.

Abgesehen davon fehlen mir fast alle Erinnerungen an Theresienstadt. Wie ich es überlebt habe, weiß ich nicht. Aber ich weiß noch, dass ich aus dem Fenster der Krankenstation meinen Vater gesehen habe. Er hat mir gewunken – das war mir ein Trost. Ich erinnere mich auch daran, dass wir in Dreifach-Stockbetten geschlafen haben. Und dass ich in Theresienstadt rechnen und schreiben gelernt habe. Immer alles unter Gefahr. »Schnell die Bücher weg, die Nazis kommen«, hieß es oft.

Enttäuschung Die jüdischen Betreuer haben versucht, dem Tag eine Struktur zu geben und uns zu beschäftigen – auch, damit wir möglichst ruhig sind. Und für Goebbels’ Propagandafilm über Theresienstadt sollte ich – ich war ja so schön blond – ein Eis löffeln. Ich erinnere mich an die Enttäuschung, als ich sah, dass der Becher leer war. Was wir überhaupt zu essen bekommen haben, weiß ich nicht mehr.

Ich lernte viele Kinder kennen. Plötzlich waren fast alle von ihnen weg – und wir wussten nicht, warum. Es hieß immer: »Die fahren irgendwohin, wo es ihnen besser geht.« Heute weiß ich natürlich, was mit ihnen geschehen ist. Nur Elfi Zahler – vielleicht wird sie auch Elfie geschrieben – aus Wien suche ich noch immer. Ich weiß, dass sie überlebt hat, denn ich habe sie nach der Befreiung noch gesehen.

Meine Mutter hatte zwei Schwestern. Eine hat in Holland überlebt, die andere ist von Theresienstadt nach Auschwitz deportiert und dort umgebracht worden. Meine Mutter wusste, dass sie im Lager etwas tun muss für die Nazis. Dass sie arbeiten muss, um zu überleben. Und sie hat gearbeitet, beispielsweise Glimmer gespalten. Davon hatte sie immer zerrissene Fingerkuppen. Aber als irgendwann mein Name auf der Liste für die Deportation stand, hat sie es dank ihrer Stellung geschafft, dass ich runtergenommen wurde.

überleben Sie hat überlebt, wie auch mein Vater. Bei ihm ist es wirklich ein Wunder. Denn jemand wie er, ohne Beine, ist normalerweise gleich ins Gas geschickt worden. Dafür bin ich Gott dankbar – ob es ihn nun gibt oder nicht.

Als das Kinderheim von Theresienstadt aufgelöst wurde, bin ich zu meiner Mutter gekommen. Da gab es diese fürchterliche Graupensuppe. Meine Mutter hat in der Küche gearbeitet und ab und zu Kartoffelschalen gebracht. Bei der Befreiung war ich allein in einem Raum – plötzlich hörte ich laute Schreie und Panzer. Russische Soldaten haben uns Schokolade gebracht. So etwas kannte ich nicht. Als ich zum ersten Mal die abgemagerten Menschen sah, die auf der Krankenstation gelegen hatten, bekam ich einen riesigen Schreck. Sie hatten Flecktyphus.

Wir sind noch etwa zwei Monate in Theresienstadt geblieben, betreut vom Roten Kreuz. Es hat uns nichts ausgemacht, dort zu bleiben. Wir fühlten uns befreit und wussten auch gar nicht, wohin wir gehen sollten. Im Juli 1945 sind wir dann nach Freckenhorst – das heißt heute Warendorf – in das Elternhaus meiner Mutter gezogen. Da wohnten Nazis drin, aber meine Mutter ist zum Bürgermeister gegangen, und er hat die Leute rausgeschmissen.

Später haben sie dann meine Mutter auf die Herausgabe ihrer Möbel verklagt. Jahre später wollte der ehemalige Schützenkönig, dass meine Mutter – seine ehemalige Königin – zum Schützenjubiläum mit ihm posierte. Dabei war er es, der meine Stiefgroßmutter denunziert und damit in den Tod getrieben hatte. Meine Mutter hat ihn hochkant rausgeschmissen!

beruf Ich bin eingeschult worden und gleich in die zweite Klasse gekommen. Danach bin ich aufs Gymnasium, 1957 habe ich Abitur gemacht. Ich wollte Jura studieren, aber ich dachte, es wird mit meiner Schwerhörigkeit kompliziert im Gerichtssaal. Und ich wollte auch Geld verdienen, meine Eltern hatten ja fast nichts. Deshalb bin ich dann Betriebsprüferin geworden. Das war schwierig in den Betrieben, wenn ich ihnen als Jüdin Geld abnehmen musste. Aber ich habe mich durchgesetzt.

Mein Mann ist bereits vor zehn Jahren gestorben. Er war lange vor unserer Begegnung zum Judentum übergetreten und hätte gern religiöser gelebt als ich. Kennengelernt haben wir uns, weil meine Mutter auf seine Kontaktanzeige in der Jüdischen Allgemeinen geantwortet hat. Ich habe das nur per Zufall herausgefunden und mich zu einem Treffen überreden lassen. Es hat schnell gefunkt zwischen uns, in der Synagoge von Münster haben wir geheiratet.

Ich habe zwei Töchter und einen Sohn zur Welt gebracht. In den 60ern sind wir nach Offenbach gezogen, weil mein Mann im Import und Export tätig und die Nähe zum Flughafen Frankfurt wichtig war. Wir sind viel gereist – nach Japan, Kalifornien und Südafrika. Am besten hat es mir in der Karibik gefallen. Grenada ist meine Lieblingsinsel, dort sind wir öfter gewesen.

Heute ist es mir zu ruhig in meinem Haus, mir fehlt der Trubel. Ich war 45 Jahre verheiratet, und die Kinder haben immer Kinder mitgebracht. Zumindest bin ich im Vorstand des Vereins Child Survivors – wir suchen dringend Mitglieder –, das ist auch eine Art Ersatzfamilie. Wir treffen uns regelmäßig in Bad Sobernheim, und zum Schluss kommen immer drei Psychologen. Das hilft. Man muss nur erzählen, was man will. Beim letzten Treffen hatten wir einen Neuen dabei, einen Berliner. Der hat gesagt: »Das war sehr gut. Noch nie hat mich jemand so verstanden.«

erinnerung Der Jom Haschoa ist mir nicht wichtig. Ich denke jeden Tag an die Zeit im KZ – und berichte von meinem Schicksal an Schulen. In Frankenthal etwa habe ich vor 200 Schülern gesprochen, alle waren sehr aufmerksam. Die Schüler sind immer sehr herzlich, viele fragen, ob sie mich umarmen dürfen. Sie sind alle offen und zugewandt, ob farbig, weiß, mit oder ohne Kopftuch. Ich habe das Gefühl, damit etwas Gutes zu tun. Danach muss ich jedoch immer erst einmal runterkommen und ein Glas Wein trinken. Aber Albträume habe ich nicht.

Ich bin einfach glücklich darüber, dass die Nazis und Hitler nicht gewonnen haben und ich dazu beigetragen habe, dass das jüdische Leben in Deutschland weitergeht. Mein Überleben ist ein Sieg über die Nazis.

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